Sie war sechsundzwanzig, hatte siebzehn Autorennen gewonnen und kannte ihren Beifahrer seit zwei Tagen, als sie am 25. Mai 1927 in Frankfurt losfuhr. Zwei Jahre und einen Monat später erreichte sie Berlin und war der erste Mensch, der die Erde in einem Serienautomobil umrundet hatte. In den Fahrzeuggeschichten, die man üblicherweise erzählt bekommt, kommt ihr Name nicht vor.
Die Tochter, die nicht ins Bild passte
Clärenore Stinnes kam am 21. Januar 1901 in Mülheim an der Ruhr zur Welt, als Tochter des Großindustriellen Hugo Stinnes und seiner Frau Cläre. Das Elternhaus war eines der wohlhabendsten des Kaiserreichs, was ihr den Zugang zum Motorsport erleichterte, ihn aber nicht erklärt.
Denn zwischen Herkunft und Rennwagen lagen ein paar Stationen, die man in einem sol[chen] Leben nicht erwartet. Im Ersten Weltkrieg arbeitete sie als Schwesternhelferin. 1922 ging sie als Regieassistentin zur Westi-Film, der Filmgesellschaft ihres Vaters in Berlin. Wer sich fragt, warum sie fünf Jahre später einen Kameramann mit um die Welt nahm, findet hier die Antwort: Sie wusste, wie man mit bewegten Bildern arbeitet, und sie wusste, was sie wert sind.
Siebzehn Siege
Ihr erstes Rennen fuhr sie 1924 auf der AVUS in Berlin, mit dreiundzwanzig Jahren. Bis 1927 kamen siebzehn Siege zusammen, fast ausnahmslos gegen männliche Konkurrenz, und 1926 gewann sie bei der Fernfahrt von Sankt Petersburg nach Moskau ihre Klasse. Damit galt sie als erfolgreichste Rennfahrerin Europas – in einer Disziplin, in der Frauen zu dieser Zeit nicht vorgesehen waren.
Wer siebzehn Rennen gewinnt, kann fahren. Wer zwei Jahre lang ohne Werkstatt, ohne Straße und ohne Ersatzteillager unterwegs ist, kann etwas anderes: durchhalten. Die Weltfahrt war kein Rennen, sondern das Gegenteil davon.
Hunderttausend Reichsmark und ein Inserat
Die Idee, im Auto um die Erde zu fahren, war 1927 nicht neu, aber niemand hatte sie eingelöst. Stinnes sammelte bei Zulieferern und Herstellern rund 100.000 Reichsmark ein; die Adlerwerke stellten das Fahrzeug, Bosch und weitere Firmen steuerten Technik bei. Welche Unternehmen genau beteiligt waren, geben die Quellen unterschiedlich an.
Einen Begleiter suchte sie per Annonce. Es meldeten sich viele; ausgewählt wurde der schwedische Kameramann Carl-Axel Söderström, und zwar zwei Tage vor der Abfahrt. Die beiden verbrachten die folgenden zwei Jahre auf engstem Raum miteinander, ohne sich vorher gekannt zu haben. Sie heirateten später.
Das Auto
Gefahren wurde ein Adler Standard 6, eine dunkelgrüne Limousine mit seitengesteuertem Reihensechszylinder. Die Angaben zur Leistung schwanken zwischen 45 und 50 PS, die Höchstgeschwindigkeit lag bei etwa 80 Kilometern in der Stunde. Umgebaut wurde wenig: Die Sitze ließen sich umklappen, damit man im Wagen schlafen konnte.
Ein Detail lohnt das Nachrechnen. Die Serienfertigung des Standard 6 lief nach den vorliegenden Angaben erst 1928 an, aufgebrochen ist Stinnes aber im Mai 1927. Das Fahrzeug war zum Zeitpunkt der Abfahrt also noch kein Serienautomobil im strengen Sinne, sondern ein Vorserienstand – ein Umstand, den die meisten Darstellungen übergehen.
Dazu kam ein Begleitlastwagen mit Ersatzteilen und zwei Mechanikern. Und ein Hund namens Lord.

Was unterwegs passierte
Die Route führte über den Balkan nach Beirut, Damaskus und Bagdad, weiter über Teheran nach Moskau, dann durch Sibirien zum Baikalsee, durch die Gobi nach Peking. Von dort per Schiff nach Japan, über Hawaii nach Südamerika, über die Anden nach Buenos Aires, durch Mittelamerika bis Vancouver, quer durch die Vereinigten Staaten nach New York – und schließlich über Le Havre zurück nach Berlin.
Was das praktisch hieß, lässt sich an einer Liste ablesen, die im Reisebericht steht: Reifenpannen schon zwei Wochen nach dem Start, Kupplungsschaden, russischer Schlamm, in dem der Wagen versank, das gefrorene Baikaleis, das unter den Rädern riss, die mongolische Steppe ohne jede Spur, Treibsand in Peru, eine Andensüberquerung, bei der Sprengstoff eingesetzt wurde, um überhaupt eine Durchfahrt zu schaffen, und ein Getriebeschaden.
Kraftstoff war Verhandlungssache, Werkstätten existierten auf weiten Teilen der Strecke nicht, und jede Panne musste die Mannschaft selbst beheben. Beide Mechaniker gaben unterwegs auf – der erste bereits in Moskau. Von da an waren Stinnes und Söderström allein.
Der Begleitlastwagen mit den Ersatzteilen war der Teil der Expedition, der am ehesten scheiterte. Am Ende blieb das, was ins Auto passte, und das, was zwei Menschen reparieren konnten.
Der Empfang in Washington
In den Vereinigten Staaten wurde aus der Fahrt ein Medienereignis. In Washington empfing Präsident Herbert Hoover die Reisenden – ein Empfang im Weißen Haus für eine sechsundzwanzigjährige Deutsche, die mit einem Serienauto durch die Gobi gefahren war.
Am 24. Juni 1929 erreichte die Mannschaft Berlin. Zurückgelegt hatte sie zu diesem Zeitpunkt rund 47.000 Kilometer durch 23 Länder; einzelne Quellen nennen 46.758 Kilometer, andere runden auf 47.000, und rechnet man die anschließende Fahrt nach Stockholm hinzu, kommt man auf gut 49.000. Der Adler hatte die Strecke ohne Motorschaden überstanden.
Was „die Erste“ genau heißt
Der Satz, sie sei der erste Mensch gewesen, der die Erde im Auto umrundet hat, verlangt eine Präzisierung – und die vorsichtige Formulierung der Nachschlagewerke verrät, warum. Dort steht meist die erste belegte erfolgreiche Weltumrundung mit dem Automobil, und dieses Wort „belegt“ trägt einiges an Gewicht.
Versuche hatte es vorher gegeben, teils medienwirksam angekündigt, teils abgebrochen, teils mit Streckenabschnitten, die man besser nicht nachprüft. Was Stinnes von diesen Unternehmungen unterscheidet, ist nicht der Mut, sondern die Dokumentation: Ein Kameramann fuhr mit, es entstanden Buch und Film, und die Etappen ließen sich anschließend nachvollziehen.
Zwei Einschränkungen gehören dazu und werden in seriösen Darstellungen auch genannt. Die Ozeane wurden per Schiff überquert, was bei einer Erdumrundung im Auto zwangsläufig so ist. Und der Wagen fuhr nicht jeden Meter aus eigener Kraft – in schwerem Gelände wurde geschoben, gezogen und gegraben.
Die Leistung liegt nicht darin, dass ein Auto 47.000 Kilometer weit kam. Sie liegt darin, dass zwei Menschen ohne Werkstattnetz, ohne Straßenkarten für halb Asien und nach dem Ausfall beider Mechaniker zwei Jahre lang weitergefahren sind.
Warum es die Bilder heute noch gibt
Dass diese Reise nicht nur als Behauptung überlebt hat, geht auf eine Entscheidung zurück, die vor der Abfahrt getroffen wurde. Stinnes nahm einen Kameramann mit, und zwar keinen Gelegenheitsfotografen, sondern einen Berufsmann.
Noch 1929 erschien ihr Buch Im Auto durch zwei Welten. 1931 kam der gleichnamige Dokumentarfilm in die Kinos, geschnitten aus Söderströms Aufnahmen. Beides zusammen ist der Grund, warum die Fahrt heute belegbar ist – und warum sie in dieser Aufzählung steht und nicht in der Rubrik der ungeklärten Fälle.

Warum man den Namen nicht kennt
Es gibt keinen einzelnen Grund dafür, sondern drei, die zusammenwirken.
Der erste ist das Fahrzeug. Adler verschwand nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Automobilbau, und eine Marke, die es nicht mehr gibt, pflegt ihre Geschichte nicht. Hätte Stinnes einen Mercedes gefahren, stünde die Fahrt heute in jeder Konzernchronik.
Der zweite ist der Zeitpunkt. Zwischen ihrer Rückkehr 1929 und dem Ende des Krieges lagen sechzehn Jahre, in denen andere Dinge die Öffentlichkeit beschäftigten. Was 1929 gefeiert wurde, war 1949 vergessen.
Der dritte ist banal und wirkt bis heute: Sie war eine Frau, und die Automobilgeschichte wurde lange von Leuten geschrieben, die Männer interessanter fanden.
Bemerkenswert bleibt eine Zahl. Der Adler Standard 6 leistete rund 45 PS und fuhr 80 Kilometer in der Stunde. Damit ist ein Mensch zum ersten Mal um die Erde gefahren – nicht mit einer Sonderkonstruktion, sondern mit dem, was man kaufen konnte.
Weiterlesen: Wie eine andere Frau vier Jahrzehnte später als bislang einzige eine WM-Rallye gewann, steht im Beitrag über Michèle Mouton. Drei weitere Erfinderinnen, deren Ideen bis heute in jedem Auto stecken, finden Sie unter Frauen und ihre Erfindungen. Und warum ausgerechnet die Marken verschwinden, deren Geschichte am interessantesten ist, zeigt der Fall Alpina.
Quellen
- Deutsche Biographie: Stinnes-Söderström, Clärenore – Geburts- und Sterbedaten, die Eltern, die Tätigkeit als Schwesternhelferin im Ersten Weltkrieg, die Regieassistenz bei der Westi-Film ab 1922, das erste Rennen auf der AVUS 1924, der Klassensieg bei der Fernfahrt Sankt Petersburg–Moskau 1926, Buch und Film sowie das spätere Leben in Schweden.
- PS.SPEICHER: Clärenore Stinnes Weltreise – das Fahrzeug mit 50 PS und 80 km/h, der umklappbare Schlafplatz, Begleitlastwagen, Mechaniker und der Hund Lord, die Aufzählung der Pannen und Hindernisse, 23 Länder und 46.758 Kilometer sowie die rund 100.000 Reichsmark von den Sponsoren.
- Wikipedia (englisch): Clärenore Stinnes – die siebzehn Rennsiege bis 1927, das Kennenlernen Söderströms zwei Tage vor der Abfahrt, die Route im Einzelnen, der Empfang bei Präsident Hoover, die Ankunft am 24. Juni 1929 und die Angabe von rund 47.000 Kilometern.
- Wikipedia (englisch): Adler Standard 6 – seitengesteuerter Reihensechszylinder mit 2.540 cm³ und 45 PS bei 3.000/min, Bauzeit 1928 bis 1934, 21.249 gebaute Fahrzeuge und die Einordnung der Weltfahrt.
- Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr: Clärenore Stinnes – die Herkunft aus Mülheim und die städtische Überlieferung zur Familie Stinnes.
Wo sich die Quellen widersprechen, steht das im Text. Das betrifft drei Angaben: die Leistung des Adler (45 oder 50 PS), die Gesamtstrecke (46.758 oder rund 47.000 Kilometer, mit der Fahrt nach Stockholm gut 49.000) und die Zahl der Rennsiege (siebzehn oder mehr). Beim Sterbeort nennen die Quellen Björnlunda beziehungsweise allgemein Schweden; die Angabe Katrineholm ließ sich nicht belegen und steht deshalb nicht mehr im Text. Zur Bauzeit des Adler Standard 6 liegt eine Unstimmigkeit vor, die im Kapitel „Das Auto“ benannt ist.
Über den Autor
Bernd Mischke, Jahrgang 1975. Gelernter Mechaniker, heute Simultandolmetscher für Englisch und Trainer für Automotive-Themen – auf dem Shopfloor und weltweit. Schreibt hier über das, was zwischen Prospekttext und Stammtisch liegt. Mehr über mich
Fragen, Korrekturen oder ein Themenwunsch? Direkt an mich: bernie[at]bernies-garage.com
Werkstattpost
Einmal im Monat ein Brief aus der Garage: neue Artikel, Fundstücke aus der Recherche, gelegentlich eine Frage an Sie.
Nach dem Absenden kommt eine Bestätigungsmail – erst der Klick darin schließt die Anmeldung ab. Abmelden jederzeit mit einem Klick, keine Weitergabe an Dritte.
Worüber sollen wir schreiben?
Welches Modell, welche Technik, welche Geschichte fehlt hier noch? Schreiben Sie es hin – viele Themen auf dieser Seite kamen genau so zustande.
Der Vorschlag geht direkt an Bernd. Die E-Mail-Adresse ist freiwillig und wird nur für die Antwort benutzt.