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Giovanni Michelotti: 1.200 Entwürfe, die niemand gezählt hat

10 Kapitel · 1 interaktives Werkzeug · 18 Stationen

Lebensdaten
6. Oktober 1921 bis 23. Januar 1980, geboren und gestorben in Turin
Beruf
Freier Entwerfer, kein Karosseriebauer mit eigener Marke — er verkaufte Zeichnungen, die andere unter ihrem Namen auslieferten
Eigenes Studio
1949 in Turin gegründet; Schließung 1991 oder 1993, je nach Quelle
Die kursierende Zahl
rund 1.200 Fahrzeuge — eine Schätzung, keine Werkliste — woher sie stammt
Belegte Teilzahl
310 oder 311 Entwürfe für Vignale, darunter 150 oder rund 192 Ferrari
Sein Honorar bei Triumph
3.000 Pfund im Jahr, beziffert von Auftraggeber Harry Webster
Das Archiv
von geschätzt 25.000 bis 30.000 Zeichnungen tauchten nach der Studioschließung nur 6.000 wieder auf
Werkzeug
Zeitstrahl mit 18 Stationen, nach Auftraggebern filterbar

Die Zahl, an der Giovanni Michelotti gemessen wird, ist keine Werkliste, sondern eine Schätzung, die von einem Text zum nächsten weitergereicht wurde. Rund 1.200 Fahrzeuge sollen auf ihn zurückgehen. Die italienische Wikipedia schreibt dazu „si stima“, also „man schätzt“, und die Agentur ANSA nennt als Urheber der Angabe Benedetto Camerana, den Präsidenten des Turiner Automobilmuseums. Neun weitere Fundstellen wiederholen sie, ohne eine eigene Grundlage zu nennen. Eine geprüfte Liste seiner Arbeiten gibt es nicht.

Herkunft und Lehrjahre

Giovanni Michelotti kam am 6. Oktober 1921 in Turin zur Welt und starb dort am 23. Januar 1980. Zwischen diesen Daten liegt eine Laufbahn, deren Anfang die Quellen bis heute unterschiedlich datieren. Er trat als Jugendlicher bei Stabilimenti Farina ein, einem 1906 von Giovanni Carlo Farina gegründeten Karosseriebetrieb in der Corso Tortona 12, der 1953 schloss. Ob mit fünfzehn oder mit sechzehn Jahren, hängt davon ab, welchen Text man aufschlägt: ANSA und Petrolicious sagen fünfzehn, die italienische Wikipedia und Il Giornale sagen sechzehn. Als Jahr stehen 1936 und 1937 nebeneinander.

Der Betrieb war eine Durchgangsstation, wie es sie in Turin kaum ein zweites Mal gab: Zwischen 1906 und 1939 zeichneten dort Battista „Pinin“ Farina und Pietro Frua, später kamen Felice Mario Boano, Alfredo Vignale und Franco Martinengo dazu. Michelotti entwarf mit siebzehn seine erste eigene Karosserie, einen Aufbau für einen Lancia Astura. Gebaut wurde der nie. Ansehen im Haus brachte ihm eine 1:1-Zeichnung für einen Alfa Romeo 6C 2500, für die ihn Mario Revelli di Beaumont gelobt haben soll.

Wer diesen Lebensanfang nachschlägt, findet nebenbei drei Angaben, die einander ausschließen. ANSA verlegt den Lehrbetrieb nach Cambiano, wo später Pininfarina saß, HotCars nennt als Gründer Giuseppe Farina statt Giovanni Carlo Farina, und das Archiv des Automobilclubs ACI datiert die Lehre in die fünfziger Jahre, obwohl der Betrieb 1953 schloss. Drei Fehler in drei Texten über denselben Mann.

1949 machte er sich selbständig, und die italienische Wikipedia nennt sein Büro das erste italienische Studio, das ausschließlich Karosserieentwürfe lieferte. 1959 mietete er in der Via Levanna eine Werkstatt, um Karosserien und Modelle im Maßstab 1:1 selbst zu bauen; die englische Wikipedia datiert die Studiogründung deshalb abweichend auf 1959. 1967 zog der Firmensitz nach Orbassano.

Eine Legende gehört an diese Stelle, und sie stammt aus dem Archiv selbst. Edgardo Michelotti, der das Archivio Michelotti verwaltet, vermutet gegenüber Speedholics eine mündliche Absprache mit Attilio Farina, nie für Pinin Farina zu arbeiten, „some kind of verbal commitment with Attilio to never work for Pinin“. Formuliert ist das als Vermutung, nicht als Auskunft. Belegt ist nur, dass Pininfarina in keiner Auftraggeberliste auftaucht, während Vignale, Allemano, Ghia und Bertone dort stehen.

Die Arbeitsweise

Michelotti verkaufte Entwürfe und keine Autos. Die ausführenden Betriebe lieferten unter eigenem Namen aus, die Hersteller taten dasselbe, und der Zeichner blieb im Hintergrund. Edgardo Michelotti nennt die Geschäftsbedingung beim Namen: Michelotti habe seinen Namen nur dann auf einen Entwurf gesetzt, „when the client said he could“. Das Namensrecht lag beim Auftraggeber.

Er war schnell, und die Angaben dazu stammen aus drei unabhängigen Darstellungen. Ate Up With Motor schreibt, er habe vollständige Konzepte samt maßstäblicher Illustration in weniger als 24 Stunden geliefert; carrozzieri-italiani spricht von Zeichnungen im Maßstab 1:1 über Nacht. Feste Stellen lehnte er ab, weil ihm die eigene Freiheit mehr wert war als ein Titel. Seine Rechnung geht bis in die Frage, was dieser Beruf heute verlangt und einbringt.

Was er dafür bekam, ist genau einmal beziffert, und die Zahl stammt vom Auftraggeber. Harry Webster, technischer Direktor bei Standard-Triumph, sagte im Interview, man habe Michelotti nach der ersten Probe „on a retainer of £3.000 a year“ gesetzt. Laufzeit, Umfang und Ende des Vertrags sind nicht überliefert.

Wie sichtbar seine Arbeit war und wie unsichtbar er selbst, zeigt der Turiner Salon von 1954. Auf den Ständen fremder Aussteller standen nach zwei Quellen rund vierzig Fahrzeuge von ihm, sämtlich ohne Hinweis auf den Zeichner. Er selbst sprach später von „more than thirty cars on display on various different stands“. „Call it… a free pencil“, nannte er seine Rolle 1977 gegenüber der Zeitschrift Quattroruote.

Unsichtbar war er trotzdem nicht überall. Hino ließ in die Einstiegsleisten des Contessa 900 Sprint „Hino-Michelotti“ prägen, und British Leyland warb nach autospecial.it mit „From the magic pen of Michelotti“. Genauer trifft es deshalb so: Seine Sichtbarkeit lag nicht bei ihm, sondern bei seinen Kunden.

Probieren Sie es aus: Der Zeitstrahl unter diesem Absatz stellt achtzehn Stationen nebeneinander und lässt sich nach Triumph, BMW, anderen Marken und seinem eigenen Studio filtern. Jede Station nennt das Kürzel ihrer Quelle.

Achtzehn Stationen, vier Gruppen. Klicken Sie eine Zeile an, dann klappt der Text auf. Wer nur die Triumph-Jahre sehen will, wählt oben die Gruppe; die Fußzeile nennt jeweils Anzahl und Zeitraum der Auswahl.

Triumph: Herald, Spitfire, TR4, Stag

Die Verbindung nach Coventry kam über einen Vermittler. Harry Webster wurde nach eigener Darstellung über die Prototypenarbeit für Raymond Flower auf ihn aufmerksam; der Zeichner steckte damals mit Vignale zusammen und überarbeitete den Standard Vanguard. Der Auftrag für das Projekt Zobo erging im September 1957, und vor der Weihnachtspause stand ein Coupé vor dem Vorstand.

Triumph Herald von 1962
93 Prozent Rundumsicht waren die Vorgabe. Die nach vorn klappende Fronthaube stammt nach AROnline dagegen von der Gestaltungsabteilung von Triumph. Foto: Riley from Christchurch, New Zealand, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Der Triumph Herald von 1959 löste zuerst ein Beschaffungsproblem und erst danach ein Gestaltungsproblem. BMC hatte 1953 den Karosseriezulieferer Fisher & Ludlow übernommen, Leonard Lord kündigte die Lieferverträge, und Pressed Steel war ausgelastet. Webster antwortete mit einem separaten Rahmen, auf den kleine Betriebe einzeln gefertigte Blechteile schraubten, bis hin zu Schwellern und Dach. Michelotti sollte darauf eine zweitürige Limousine mit großer Glasfläche setzen; heraus kamen 93 Prozent Rundumsicht und eine Premiere am 22. April 1959 in der Royal Albert Hall.

Hier steht der Vorbehalt, der in fast keiner Übersicht auftaucht. Die nach vorn klappende Fronthaube samt Kotflügelpartie, das auffälligste Merkmal dieses Wagens, war nach AROnline „the work of the Triumph Styling Department“. Wer den Herald als reinen Michelotti-Entwurf führt, führt ein Auto, dessen bekanntestes Detail aus Coventry kam. Verkauft wurde er bis 1971 weit über eine halbe Million Mal.

Triumph Spitfire
Der Entwurf lag nach einem Projektstopp unter einer Staubdecke im Werk Canley. Drei Quellen erzählen das übereinstimmend, keine nennt einen Zeugen. Foto: photobeppus, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Der Spitfire trug den Projektnamen „Bomb“ und hätte es beinahe nicht gegeben. Nach dem Projektstopp lag der Entwurf im Werk Canley unter einer Staubdecke, bis Leyland im April 1961 Standard-Triumph übernahm und ihn wiederfand; silodrome datiert die Freigabe auf den 13. Juli 1961. Drei Quellen erzählen das übereinstimmend, doch keine nennt einen Zeugen, ein Aktenstück oder den Namen dessen, der die Decke hob. Überliefert ist die Geschichte, dokumentiert nicht.

Auch das Entstehungsjahr ist strittig. Die englische Wikipedia datiert den Entwurf auf 1957, silodrome auf den September 1960, und diese drei Jahre lassen sich nicht auflösen. Unstrittig ist dagegen, dass die Form die Serie fast unverändert erreichte: Der Wagen kam auf der London Motor Show 1962 und lief ab Oktober vom Band.

Triumph TR4 von 1964
40.253 Fahrzeuge zwischen Juli 1961 und Januar 1965, davon 37.661 für den Export. Der Serienwagen mischt die Vorschläge Zest und Zoom. Foto: Alf van Beem, CC0, via Wikimedia Commons

Beim TR4 lässt sich zum ersten Mal genau nachlesen, wie viel von einem Serienauto vom Zeichner stammt. Michelotti lieferte zwei Vorschläge: Zest von Anfang 1958, kantiger als der TR3 und mit flossenartigen hinteren Kotflügeln, und Zoom von Ende 1958, zwei Prototypen mit breiterer Spur. Der Serienwagen beruhte auf Zest und übernahm Einzelheiten von Zoom, während Leiterrahmen, Radstand, Motor und Getriebe unverändert aus dem TR3 kamen. Das abnehmbare Surrey Top dieses Wagens war fünf Jahre vor dem Targadach von Porsche da, doch wer es erfand oder patentierte, sagt keine der ausgewerteten Quellen.

Triumph Stag von 1974
Der T-Bügel über dem Innenraum kam aus Canley, weil die vom Limousinenkörper abgeleitete Karosserie zu weich war. Foto: AlfvanBeem, CC0, via Wikimedia Commons

Der Stag begann mit der Bitte um ein gebrauchtes Auto. Anfang 1964 fragte Michelotti bei Harry Webster nach einem Triumph 2000, um daraus einen Messewagen zu bauen; Webster gab ihm einen Begleitwagen des Werksteams, der im Juni 1964 in Le Mans im Einsatz gewesen war. Die Bedingung ist wörtlich überliefert: Triumph erhalte ein Vorkaufsrecht, falls der Entwurf gefalle. Michelotti schnitt daraus ein Cabriolet auf verkürztem Boden, Webster gab es frei, und ab Anfang 1966 entwickelte Canley daraus den Serienwagen.

Was dabei herauskam, trägt ein Merkmal, das nicht von ihm stammt. Der T-Bügel über dem Innenraum kam aus Canley und nicht aus Turin, und damit ist das prägendste Erkennungszeichen des Stag eine Zutat des Herstellers. Der Wagen kam im Juni 1970 auf den Markt, fast zwei Jahre später als geplant, und lief bis 1977; die englische Wikipedia nennt 25.939 Fahrzeuge und im selben Artikel 25.877. Wheels-alive schreibt, der Stag sei als Studie für den Turiner Salon 1966 entstanden, während AROnline berichtet, Triumph habe eine Schau in Turin gerade verhindert.

Eine Abgrenzung gehört dazu: Triumphworks führt Michelotti als Gestalter aller Triumph-Serienmodelle jenes Jahrzehnts und nimmt den TR6 aus, der zu Karmann gehöre, während Curbside Classic denselben TR6 unter Michelotti führt. Wir übernehmen ihn hier nicht und lassen den Widerspruch stehen.

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Ein Herald besteht aus einzeln verschraubten Blechteilen mit vielen offenen Kanten und Falzen, und genau dort beginnt der Rost. Passende Pflege- und Konservierungsmittel gibt es im Fachhandel. Die Kanten danken es früher als der Lack.

BMW: 700 und Neue Klasse

BMW 700 Sport
1960 verkaufte BMW über 35.000 Fahrzeuge dieser Reihe, rund 58 Prozent des Gesamtumsatzes. Angestoßen hat das Modell ein Händler aus Wien. Foto: Berthold Werner, Public domain, via Wikimedia Commons

Dass BMW den 700 baute, geht auf einen Händler zurück und nicht auf München. Wolfgang Denzel, BMW-Importeur in Wien, ließ Michelotti Skizzen auf einem verlängerten Chassis des BMW 600 zeichnen, bekam im Januar 1958 einen Vertrag und zeigte der Führung im Juli 1958 in Starnberg einen Prototyp.

Der 700 war das erste BMW-Automobil mit selbsttragender Karosserie, und Fahrwerk wie Radaufhängung zeichnete Willy Black, der schon für den 600 verantwortlich gewesen war. Gebaut wurden 154.557 Limousinen, 31.062 Coupés und 2.592 Cabriolets, zusammen rund 190.000 Fahrzeuge bis 1965. Ein kleines Auto aus einer Wiener Anregung trug 1960 über die Hälfte des Münchner Umsatzes.

Selbst dieser klarste Fall trägt einen Vorbehalt. Nach der Initiative Kulturgut Mobilität brachte das hauseigene Team unter Wilhelm Hofmeister den Entwurf in die Serienform, weil der Prototyp nicht wirtschaftlich zu fertigen gewesen wäre. Michelottis Zeichnung, BMWs Serienform — dieses Muster wiederholt sich von hier an.

BMW der Neuen Klasse
Herbert Quandt bestand als Großaktionär auf der Doppelniere, die das Team daraufhin mittig in die Front setzte. Foto: Calreyn88, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Bei der Neuen Klasse wird aus dem Muster ein Streit. Der BMW 1500 hatte auf der IAA 1961 Weltpremiere, lief ab September 1962 in Serie und wurde bis Dezember 1964 gebaut; als Produktionsbeginn nennt BMW selbst den Februar 1962. Bei den Stückzahlen stehen 339.814 und 350.729 nebeneinander, je nachdem ob man BMW oder conceptcarz folgt.

Wer diesen Wagen gezeichnet hat, beantworten die Quellen in vier Abstufungen. Kulturgut Mobilität, die Auto Zeitung und der BMW-Pressedienst für Lateinamerika nennen Hofmeister als Gestalter und Michelotti als Berater. Conceptcarz dreht das um: Hofmeisters Team habe Michelottis Entwurf fertig ausgearbeitet. BMW.com stellt beide gleichrangig nebeneinander, und die italienische Wikipedia führt alle Modelle des Wiederaufstiegs unter Michelotti, vom 700 über den 1500 bis zum 2800 CS.

Eine Seite trägt sogar beide Positionen in einem Absatz. Bei Kulturgut Mobilität steht erst, Michelotti sei „nicht der Hauptdesigner, sondern ein externer Berater“ gewesen, zwei Sätze später trägt der Wagenkörper die „modernen und schnörkellosen Linien von Michelotti“. Der Hofmeister-Knick wird ihm nirgends zugeschrieben; Auto Bild Klassik zitiert sogar, er stamme ursprünglich vom BMW 3200 CS von Giorgetto Giugiaro bei Bertone. Das bleibt eine Einzelmeinung. Wie eine Hausabteilung entsteht und wer darin welche Linie verantwortet, ist eine Geschichte für sich.

Was ihm zugeschrieben wird und was belegt ist

BMW 2002
Für eine Beteiligung Michelottis am 2002 von 1968 wurde in der ausgewerteten Recherche kein Beleg gefunden. Foto: dave_7 from Lethbridge, Canada, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Die Probe aufs Exempel liefert die 02-Reihe. Übersichtsartikel über Michelotti führen den 1600-2 und den 2002 unter seinen Arbeiten, und das Datenfeld der englischen Wikipedia nennt ihn neben Georg Bertram und Manfred Rennen. Der Fließtext derselben Seite sagt etwas anderes, nämlich dass Hofmeister das Projekt an Bertram und Rennen übertrug. Die modellnahen Quellen bmw2002faq und Adrian Flux erwähnen Michelotti überhaupt nicht.

Daraus lässt sich eine Regel ableiten, die für dieses ganze Werk gilt. Je näher eine Quelle am einzelnen Modell arbeitet, desto seltener steht Michelotti darin; je weiter sie über sein Leben hinwegblickt, desto mehr Fahrzeuge trägt sie ihm ein. Zuschreibungen wachsen mit der Flughöhe des Textes.

Triumph Dolomite, Prototyp von 1972
Der Dolomite erbte die Karosserie des von Michelotti überarbeiteten 1500 und die Technik des Toledo, dessen Gestalter unbekannt ist. Foto: Andrew Bone from Weymouth, England, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Der Triumph Dolomite zeigt dasselbe von der anderen Seite. Er entstand aus der längeren Karosserie des Triumph 1500, den Michelotti überarbeitet hatte, und übernahm die Technik des heckgetriebenen Toledo, dessen Gestalter nicht zu ermitteln war. Ein eigenständiger Entwurf ist das nicht, eine Ableitung schon.

Am BMW E12, dem ersten Fünfer, bricht die Frage vollends auf. Die deutsche Wikipedia nennt Paul Bracq und erwähnt Michelotti im ganzen Artikel nicht; die englische führt Bracq zusammen mit Marcello Gandini; Driven to Write schreibt den Wagen Hofmeister mit Zuarbeit Gandinis zu. Curbside Classic hält Michelotti für die „primary hand“ und stützt das auf Renderings, das Michelotti-Archiv und die BMW-Bände von Steve Saxty. BMW selbst nennt in der Modellhistorie des Fünfers überhaupt keinen Gestalter, und dass italienische Zuarbeit in München später wieder auftauchte, zeigt der Fall Ercole Spada beim E32.

Die interessanteste Stimme in diesem Streit ist seine eigene, und sie spricht gegen ihn. In einem Quattroruote-Interview von 1978 zählte Michelotti seine BMW-Arbeiten auf und ließ den E12 aus. Curbside Classic deutet das als Unmut darüber, fremde Formensprache überarbeiten zu müssen statt eigenständig zu entwerfen, doch diese Lesart ist die des Autors. Belegt ist allein die Auslassung. Sie ist die einzige dokumentierte Selbstaussage in dieser Debatte, und sie nimmt eine Zuschreibung zurück, statt eine zu erheben.

Ob es überhaupt eine Handschrift gab, ist selbst umstritten. Carrozzieri-italiani schreibt, er habe seinen Stil jedem Hersteller angepasst, statt eine persönliche Signatur durchzusetzen. Classic & Sports Car hält dagegen und sieht eine Linie vom BMW 700 zum 1500, wobei der 700 dort „a kissing cousin of his Triumph Herald“ heißt. Eine kunsthistorische Arbeit, die das methodisch prüft, wurde nicht gefunden; wie zäh solche Fragen sind, zeigt auch der Fall Erwin Komenda bei Porsche.

Der letzte Fall ist der merkwürdigste. Der Reliant Scimitar SS1 wird als Michelottis letzter Entwurf geführt, kam aber 1984 auf den Markt, vier Jahre nach seinem Tod, und wurde in zehn Jahren nur 1.507-mal gebaut. Wie und durch wen der Entwurf zu Ende geführt wurde, sagt die Quelle nicht.

Japan und die Lizenzarbeit

Hino Contessa 1300 Coupé
Einen sehr ähnlichen Entwurf verkaufte er nach derselben Quelle an Triumph für den 1300. Foto: NEXT-EXIT, Public domain, via Wikimedia Commons

In Japan geschah, was in Europa unterblieb: Ein Hersteller schrieb seinen Namen auf das Auto. Hino ließ die Einstiegsleisten des Contessa 900 Sprint mit „Hino-Michelotti“ prägen, zeigte den Wagen 1962 auf der zehnten Tokyo Auto Show und auf dem Turiner Salon und stellte ihn 1963 in New York aus. Prospekte in fremden Sprachen wurden gedruckt, obwohl kein Export vorgesehen war.

Der eigentliche Fund dieses Kapitels steht in einem Nebensatz. Für das Coupé der PD-Serie, das im September 1964 debütierte, lieferte Michelotti das Exterieur — und hatte, so die Quelle, zuvor „a very similar design to Triumph for their 1300“ verkauft. Der Triumph 1300 kam im Oktober 1965 auf die London Motor Show, dreizehn Monate nach dem japanischen Wagen, und wurde 113.008-mal gebaut. Derselbe Formgedanke ging an zwei Auftraggeber in zwei Märkten, die einander nie begegneten.

Ob das ein Bruch war oder schlicht das Geschäftsmodell, hängt davon ab, was man von einem freien Zeichner erwartet.

Die Zahl 1.200

Jetzt zur Zahl selbst, mit der dieser Artikel begonnen hat. Zehn ausgewertete Quellen nennen 1.200 oder mehr Fahrzeuge, und keine einzige nennt dazu eine eigene Grundlage. ANSA schreibt die Angabe namentlich Benedetto Camerana zu, dem Präsidenten des Turiner Automobilmuseums, und die italienische Wikipedia kennzeichnet sie als Schätzung.

Quelle Wortlaut Zahl
it.Wikipedia si stima avesse disegnato circa 1200 autovetture rund 1.200
ANSA (nach Camerana) approximately 1,200 automobiles bearing his design influence rund 1.200
triumphworks credited with more than 1200 car designs über 1.200
Petrolicious over 1,200 designs including cars, buses and trucks über 1.200
ACI Archivio over a thousand models über 1.000
Speedholics 1.200 gebaute Fahrzeuge, dazu rund 30.000 Blätter 1949 bis 1980 1.200

Die Teilzahlen zeigen, wie fein die Streuung ist. Für Vignale nennt ANSA 310 Projekte zwischen 1949 und 1963, carrozzieri-italiani dagegen 311 gebaute Wagen zwischen 1950 und 1963. Beim Ferrari-Anteil klafft die Lücke weiter, denn Speedholics nennt 150 Fahrzeuge und HotCars rund 192.

Der Grund, warum sich die Zahl nie prüfen lässt, liegt im Archiv. Nach der Schließung des Studios — 1991 nach zwei Quellen, 1993 nach einer dritten — wurden beim Umzug viele Blätter entwendet, und von geschätzt 25.000 bis 30.000 tauchten nur 6.000 wieder auf. Unter den fehlenden waren ausgerechnet die Triumph-Arbeiten. Für rund vier Fünftel des Bestands gibt es keinen Nachweis mehr, und damit ist die Frage nicht bloß eine Sache der Lesart, sondern strukturell durch Verlust bedingt.

Öffentlich ausgewertet wurde das Archiv erstmals 2021. Das Turiner Automobilmuseum zeigte vom 6. Oktober 2021 bis zum 9. Januar 2022 die Schau „Michelotti World“ über hundert Jahre eines Entwerfers ohne Grenzen, kuratiert von Giosuè Boetto Cohen. Eine durchsuchbare Werkliste ist daraus nicht hervorgegangen, und einen Katalog mit bibliografischen Daten hat diese Recherche nicht gefunden. Solange das so bleibt, ist 1.200 eine Zahl, die man weiterreicht, statt sie zu prüfen.

Wessen Name an einer Form haftet

Im Juni 2025 eröffnete BMW im Münchner Museum die Schau „Belle Macchine“ über italienisches Automobildesign, mit 23 Fahrzeugen und angesetzt auf mindestens zwei Jahre. Auf der offiziellen Seite der BMW Welt stehen Bertone, Italdesign, Pininfarina sowie Fabrizio und Giorgetto Giugiaro. Michelotti steht dort nicht. In der Pressebegleitung und in der Berichterstattung dagegen erscheint er in der Reihe der Studios.

Der Mann, dessen Zeichnung am Anfang des 700 und irgendwo im 1500 steckt, fällt noch 2025 zwischen Pressetext und Wandbeschriftung. Das ist kein Skandal, sondern die Fortsetzung einer Geschäftsbedingung. Sein Name erschien, wenn der Kunde ihn zuließ, und er fehlte, wenn der Kunde eine eigene Erzählung brauchte. Andere Namen sind auf demselben Weg verschwunden, und in aller Regel fällt es erst auf, wenn jemand nachzählt.

Vielleicht ist die ehrlichste Angabe zu diesem Werk deshalb nicht 1.200. Sie lautet: Wie viele Formen sehen wir täglich, ohne den Zeichner benennen zu können? Falls Sie einen Herald, einen Spitfire, einen 700 oder einen Contessa fahren: Ich sammle Papiere, in denen ein Zeichner namentlich auftaucht, also Werkstattunterlagen, Prospekte, Prägungen an Einstiegsleisten. Aus solchen Kleinigkeiten entsteht der Nachweis, den ein zu vier Fünfteln verlorenes Archiv nicht mehr liefert.

Weiterlesen

Quellen

Alle Online-Quellen abgerufen am 6. September 2026. Die Kürzel entsprechen den Angaben im Zeitstrahl. Wikipedia ist durchgängig als Sekundärquelle geführt; Angaben aus Enthusiasten- und Clubquellen sind im Text als solche gekennzeichnet.

  1. S01 — Giovanni Michelotti (designer), Wikipedia (italienisch). it.wikipedia.org
  2. S02 — Giovanni Michelotti, Wikipedia (englisch). en.wikipedia.org
  3. S03 — Giovanni Michelotti, nasce 100 anni fa il grande carrozziere, ANSA, 7.10.2021. www.ansa.it
  4. S04 — Michelotti World. 1921-2021, MAUTO Turin, Ausstellungsankündigung, Guida Torino. www.guidatorino.com
  5. S05 — Giovanni Michelotti, il genio italiano, Archivio L’Automobile (ACI), 6.10.2021. archiviolautomobile.aci.it
  6. S06 — Giovanni Michelotti, a great free-spirited designer, Auto & Design, Oktober 2005. autodesignmagazine.com
  7. S07 — Giovanni Michelotti: The Freedom of a Thousand Designs, Carrozzieri Italiani. www.carrozzieri-italiani.com
  8. S08 — Giovanni Michelotti, Standard Triumph Works Directory. www.triumphworks.co.uk
  9. S09 — Harry Webster Interview Pt1, Standard Triumph Works Directory. www.triumphworks.co.uk
  10. S10 — Michelotti (and the Triumph Stag) – A free pencil, Wheels-Alive. www.wheels-alive.co.uk
  11. S11 — Triumph Herald/Vitesse development story (Projekt Zobo), AROnline. www.aronline.co.uk
  12. S12 — Triumph Stag development story, AROnline. www.aronline.co.uk
  13. S13 — Grandfather’s Ax: The Many Evolutions of the Triumph TR4, Ate Up With Motor. ateupwithmotor.com
  14. S14 — Triumph Spitfire, Wikipedia (englisch). en.wikipedia.org
  15. S16 — Triumph Dolomite, Wikipedia (englisch). en.wikipedia.org
  16. S17 — Triumph TR4, Wikipedia (englisch). en.wikipedia.org
  17. S18 — Triumph Herald, Wikipedia (englisch). en.wikipedia.org
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  19. S24 — Triumph Stag, Wikipedia (englisch). en.wikipedia.org
  20. S25 — History – The GT6, gt6mk2.com. www.gt6mk2.com
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  26. S33 — BMW Neue Klasse, Initiative Kulturgut Mobilität. kulturgut-mobilitaet.de
  27. S34 — BMW Neue Klasse (1962): 1800/2000/TI, Auto Zeitung. www.autozeitung.de
  28. S35 — The original BMW Neue Klasse, BMW Group PressClub Latin America & Caribbean. www.press.bmwgroup.com
  29. S36 — A success story: The BMW Neue Klasse of the 1960s, BMW.com. www.bmw.com
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  38. S45 — The History of the BMW 5 Series, BMW Group PressClub USA. www.press.bmwgroup.com
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  46. S61 — Reliant Scimitar SS1, Wikipedia (englisch). en.wikipedia.org
  47. S67 — Stabilimenti Farina, Wikipedia (englisch). en.wikipedia.org
  48. S68 — Giovanni Michelotti, the Antistar of Style, Speedholics. www.speedholics.com
  49. S69 — Giovanni Michelotti was a Prolific, Masterful Designer, Petrolicious. petrolicious.com
  50. S70 — Giovanni Michelotti Is The Greatest Automotive Designer You’ve Never Heard Of, HotCars. www.hotcars.com
  51. S71 — Classic Designer Of The Day: Giovanni Michelotti, Carole Nash. www.carolenash.com
  52. S72 — L’atelier di Giovanni Michelotti, Il Giornale. www.ilgiornale.it
  53. S73 — Giovanni Michelotti, da garzone a prolifico designer, Il Giornale. www.ilgiornale.it
  54. S74 — CC Video: A Tribute To Giovanni Michelotti, Curbside Classic. www.curbsideclassic.com
  55. S75 — Giovanni Michelotti, il designer che lasciò un segno indelebile, AutoSpecial. www.autospecial.it
  56. S78 — Belle Macchine: When Italian Design Met BMW’s Bavarian Soul, BMWBLOG, 7.6.2025. www.bmwblog.com
  57. S79 — Belle Macchine im BMW Museum München, BMW Welt. www.bmw-welt.com
  58. S80 — Steve Saxty, BMW: Behind The Scenes, Verlagsseite. www.stevesaxty.com

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