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War der Audi quattro das erste Allradauto? – Nein, um achtzig Jahre daneben

Der Satz fällt an jedem zweiten Stammtisch, und er fällt mit Überzeugung: Audi hat den Allradantrieb ins Auto gebracht.

Er ist falsch. Und zwar nicht knapp daneben, sondern um achtzig Jahre.

Interessant ist aber, was danach kommt. Denn wenn man die falsche Behauptung wegräumt, liegt darunter eine richtige – und die ist präziser, kleiner und technisch deutlich reizvoller als der Mythos.

Die Behauptung

In der starken Fassung lautet sie: Der Audi quattro von 1980 war das erste Automobil mit Allradantrieb.

In der abgeschwächten Fassung: Er war jedenfalls der erste Pkw mit Allradantrieb – alles davor sei Geländewagen gewesen.

Beide Fassungen halten der Prüfung nicht stand. Gehen wir sie der Reihe nach durch.

1900: Ein Elektroauto war zuerst da

Auf der Pariser Weltausstellung von 1900 stand ein Fahrzeug, das ein junger Konstrukteur namens Ferdinand Porsche für die Wiener Hofwagenfabrik Lohner gebaut hatte.

Der Lohner-Porsche war ein Elektroauto, und sein Antriebskonzept war so einfach wie radikal: Radnabenmotoren. In jedem Rad saß ein eigener Elektromotor. Keine Kardanwelle, kein Differenzial, kein Getriebe – der Antriebsstrang bestand aus Kabeln.

Die Rennversion, für einen britischen Kunden namens E. W. Hart gebaut und auf den Namen La Toujours Contente getauft, hatte vier Radnabenmotoren mit je 1.500 Watt. Damit ist sie das erste Fahrzeug der Automobilgeschichte, das über alle vier Räder angetrieben wurde.

Der Preis dafür war absurd: Die Batterien wogen rund 1.800 Kilogramm. Zeitgenossen beschrieben das Auto als Batteriekasten auf Rädern, und das war keine Übertreibung.

Lohner-Porsche Elektromobil von 1900
Der Lohner-Porsche von 1900. Kein Getriebe, keine Kardanwelle, kein Differenzial – der Antriebsstrang besteht aus Kabeln. Foto: Autoviva, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Radnabenmotor des Lohner-Porsche im Porsche-Museum
Ein Radnabenmotor aus der Nähe. Vier davon, je einer pro Rad – das ist der ganze Allradantrieb. Foto: Morio, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Man darf hier ruhig kurz innehalten. Das erste Allradauto der Welt war ein Elektroauto mit vier Radnabenmotoren – also exakt die Bauart, über die heute wieder Prospekte geschrieben werden.

1903: Und der erste mit Verbrennungsmotor

Wer einwendet, ein Elektromobil zähle nicht, bekommt drei Jahre später die nächste Antwort.

1902/1903 bauten die niederländischen Brüder Jacobus und Hendrik-Jan Spijker den Spyker 60 H.P., konstruiert vom belgischen Ingenieur Joseph Valentin Laviolette. Er verlängerte die Kardanwelle vom Getriebe nach vorn und trieb damit auch die Vorderräder an.

Der Wagen ist gleich dreifach ein Erster: das erste Automobil mit Verbrennungsmotor und Allradantrieb, das erste Auto mit Sechszylindermotor (8,8 Liter Hubraum) und das erste mit Bremsen an allen vier Rädern.

Er lief 130 bis 145 km/h, wurde 1904 in Blackpool Dritter und gewann 1906 in Birmingham. Ein restauriertes Exemplar steht heute im Louwman Museum in Den Haag.

Spyker 60 H.P. von 1903
Der Spyker 60 H.P. von 1903: erster Allradwagen mit Verbrennungsmotor, erster Sechszylinder, erste Vierradbremse. Drei Premieren in einem Auto. Foto: CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Damit ist die starke Fassung der Behauptung erledigt. Bleibt die abgeschwächte.

1966: Der erste Serien-Pkw – und er war Engländer

Prototypen und Rennwagen sind das eine, ein kaufbares Serienautomobil das andere. Auch hier war Audi nicht der Erste.

1966 stellte die englische Firma Jensen den FF vor. Die zwei Buchstaben stehen für Ferguson Formula, das Allradsystem des Traktorenkonstrukteurs Harry Ferguson.

Der FF war kein Geländewagen, sondern ein schwerer, schneller Gran Turismo – und er war das erste Serienfahrzeug der Welt mit permanentem Allradantrieb. Dazu hatte er, ebenfalls als erstes Serienauto, ein mechanisches Antiblockiersystem: das Dunlop Maxaret, aus der Luftfahrt übernommen.

Ein Auto von 1966 mit permanentem Allrad und ABS. Vierzehn Jahre vor dem quattro.

Silberner Jensen FF von 1968
Jensen FF, 1968. Permanenter Allradantrieb und ein mechanisches ABS – vierzehn Jahre vor dem quattro. Gebaut wurden 320 Stück. Foto: DeFacto, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Warum kennt ihn trotzdem kaum jemand? Weil er kommerziell scheiterte. Gebaut wurden nur 320 Stück. Er war teurer als der ohnehin nicht billige Interceptor, technisch aufwendig, und die Lenkung ließ sich wegen des Antriebsstrangs nicht auf Rechtslenkung spiegeln, was den Export erschwerte.

Der FF ist damit das Musterbeispiel für eine Regel, die in diesem Blog öfter auftaucht: Der Erste zu sein und Erfolg zu haben sind zwei verschiedene Dinge.

1972 bis 1979: Die Großserie kommt in Bewegung

Zwischen dem FF und dem quattro liegt keine Leere, sondern eine ganze Reihe von Fahrzeugen, die man bei der Frage nach dem Ersten meistens überspringt:

  1. 1972 – Subaru Leone Station Wagon: das erste Großserienauto mit zuschaltbarem Allradantrieb. Ein normaler Kombi, kein Geländewagen.
  2. 1976 – Lada Niva: das erste Großserienfahrzeug mit permanentem Allradantrieb, mit selbsttragender Karosserie und Einzelradaufhängung vorn.
  3. 1979 – AMC Eagle: ein amerikanischer Straßen-Pkw mit permanentem Allradantrieb, im Grunde der erste Crossover, Jahrzehnte bevor es das Wort gab.

Der quattro kam 1980. Er war, je nach Zählweise, der fünfte oder sechste ernstzunehmende Allrad-Pkw.

Wobei der quattro tatsächlich der Erste war

Und jetzt kommt der Teil, den der Mythos verschüttet – denn die Leistung von Audi war real, sie war nur eine andere.

Erstens die Verpackung. Allradantrieb hieß bis dahin: ein Verteilergetriebe, ein zusätzlicher Kasten hinter dem Schaltgetriebe, dazu eine zweite Welle nach vorn. Schwer, sperrig, laut. Genau deshalb saß Allrad in Geländewagen und in teuren Sonderfällen wie dem FF.

Audis Lösung war ein Trick, für den man kein zusätzliches Bauteil braucht: Man bohrt die Sekundärwelle im Getriebe hohl. Durch diese Hohlwelle läuft eine innenliegende Welle nach vorn zur Vorderachse, während die äußere Hohlwelle die Kraft zum Mitteldifferenzial und nach hinten führt.

Damit passt der permanente Allradantrieb in ein Getriebe von etwa normaler Größe. Kein Verteilergetriebe, keine zweite Welle, kaum Zusatzgewicht. Das ist die eigentliche Erfindung, und sie ist der Grund, warum Allrad danach in ganz normale Limousinen wanderte.

Zweitens die Kombination. Der quattro war das erste Serienfahrzeug, das Turbomotor und permanenten Allradantrieb zusammenbrachte – 200 PS aus fünf Zylindern auf vier angetriebene Räder. Turbos gab es vorher, Allrad gab es vorher. Beides zusammen in einem Serienauto dieser Leistungsklasse gab es nicht.

Übrigens stammte der Anstoß nicht aus dem Rennsport, sondern von einem Militärfahrzeug: Im Winter 1976/77 stellten Audi-Ingenieure bei Wintertests in Schweden fest, dass ihnen ein VW Iltis auf Schnee und Eis davonfuhr, obwohl er auf dem Papier deutlich schwächer war. Diese Beobachtung war der Ausgangspunkt.

Was der quattro wirklich verändert hat

Der stärkste Punkt für Audi steht nicht im Datenblatt, sondern im Ergebnisprotokoll.

1981 ging der quattro in die Rallye-Weltmeisterschaft. Schon beim zweiten WM-Lauf, der Rallye Schweden, holte Hannu Mikkola den ersten Sieg. Zwei Jahre später wurde Mikkola Weltmeister – als erster Fahrer überhaupt auf einem allradgetriebenen Auto.

Danach war die Frage entschieden. Wer ab Mitte der achtziger Jahre eine Rallye gewinnen wollte, brauchte Allrad. Bis heute.

Das ist die eigentliche Leistung: Der quattro hat den Allradantrieb nicht erfunden, sondern unausweichlich gemacht. Vor ihm war Allrad ein Sonderweg für Geländewagen und Exoten. Nach ihm war er eine Erwartung.

Vom Ur-quattro selbst wurden zwischen 1980 und 1991 übrigens nur 11.452 Stück gebaut – weniger, als der Mythos vermuten lässt.

Das Urteil

Mythos. Der Audi quattro war weder das erste Allradauto (das war der Lohner-Porsche 1900), noch das erste mit Verbrennungsmotor (Spyker 1903), noch der erste Serien-Pkw (Jensen FF 1966), noch das erste Großserienauto (Subaru 1972, Lada 1976, AMC 1979).

Wahr ist der Kern. Er war der Erste, bei dem permanenter Allradantrieb ohne Verteilergetriebe in ein normales Pkw-Getriebe passte, der Erste, der ihn mit einem Turbomotor kombinierte, und der Erste, der bewies, dass sich damit Rennen gewinnen lassen.

Wer also am Stammtisch korrigiert werden will, kann folgenden Satz mitnehmen: Audi hat den Allradantrieb nicht erfunden. Audi hat ihn klein gemacht – und dann unverzichtbar.

Das ist weniger heroisch. Es ist aber die Sorte Leistung, die tatsächlich etwas verändert.

Die Ersten, der Reihe nach

  1. 1900Lohner-Porsche mit vier Radnabenmotoren: das erste Fahrzeug mit Antrieb auf allen vier Rädern. Batteriegewicht rund 1.800 Kilogramm.
  2. 1903Spyker 60 H.P.: erster Allradwagen mit Verbrennungsmotor, zugleich erster Sechszylinder und erstes Auto mit Vierradbremse.
  3. 1966Jensen FF: erster Serien-Pkw mit permanentem Allradantrieb, dazu das Maxaret-ABS. Nur 320 Exemplare.
  4. 1972Subaru Leone: erstes Großserienauto mit zuschaltbarem Allradantrieb.
  5. 1976Lada Niva: erstes Großserienfahrzeug mit permanentem Allradantrieb.
  6. 1979AMC Eagle: permanenter Allrad im amerikanischen Straßen-Pkw.
  7. 1980Audi quattro: Hohlwelle statt Verteilergetriebe, dazu Turbo und 200 PS.
  8. 1981Erster WM-Rallyesieg für ein Allradauto: Hannu Mikkola in Schweden.
  9. 1983Mikkola wird erster Rallye-Weltmeister auf einem Allradauto.

Weiterlesen

Wie aus dem sperrenden Mitteldifferenzial später der Torsen wurde: die Geschichte des Torsen im quattro. Warum der Motor dahinter fünf Zylinder hatte: Warum der Fünfzylinder so klingt. Und ein anderer Stammtischsatz, der nicht hält: Warum sitzt das Zündschloss beim Porsche links?

Quellen

  1. Wikipedia: Allradantrieb – die Chronologie: Lohner-Porsche 1900, Spyker 60 H.P. 1903, Jensen FF 1966 als erster Serien-Pkw mit 320 Exemplaren, Subaru Leone 1972 mit zuschaltbarem Allrad, Lada Niva 1976 als erste permanente Großserie, AMC Eagle 1979, Audi quattro 1980 mit 11.452 gebauten Exemplaren.
  2. Wikipedia: Spyker 60 HP – Bauzeit 1902/03, Konstrukteur Joseph Valentin Laviolette, die nach vorn verlängerte Kardanwelle, 8,8-Liter-Sechszylinder, Vierradbremse, Rennergebnisse 1904 und 1906, Verbleib im Louwman Museum.
  3. fahrtraum: The world’s first four-wheel-drive car was a Porsche – der Lohner-Porsche von 1900, vier Radnabenmotoren zu je 1.500 Watt, das Rennfahrzeug La Toujours Contente für E. W. Hart, Batteriegewicht rund 1.800 Kilogramm.
  4. Oldtimer4you: Der Allradantrieb des Ur-quattro – die hohl gebohrte Sekundärwelle im Getriebe, die innenliegende Welle zur Vorderachse, das Mitteldifferenzial, der spätere Wechsel auf das Torsen-Differenzial, Stückzahl 11.452.
  5. Autohaus: 40 Jahre Audi quattro – Zweiter und doch Erster – die Einordnung gegenüber Jensen FF und Subaru, die Kombination aus Turbo und permanentem Allrad als das eigentlich Neue, die Wintertests 1976/77 mit dem VW Iltis.
  6. Gute Fahrt: Die Motorsport-Geschichte des Allradantriebs – WM-Einstieg 1981, erster Sieg beim zweiten Lauf in Schweden durch Hannu Mikkola, Mikkola zwei Jahre später erster Weltmeister auf einem Allradauto.
Bernd Mischke

Über den Autor

Bernd Mischke, Jahrgang 1975. Gelernter Mechaniker, heute Simultandolmetscher für Englisch und Trainer für Automotive-Themen – auf dem Shopfloor und weltweit. Schreibt hier über das, was zwischen Prospekttext und Stammtisch liegt. Mehr über mich

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