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Michèle Mouton: die einzige Frau, die je eine WM-Rallye gewann

Am 10. Oktober 1981 endete die Rallye Sanremo mit einem Ergebnis, das bis heute einmalig geblieben ist. Ganz oben in der Liste stand Michèle Mouton, auf dem Beifahrersitz Fabrizia Pons, dazwischen ein Audi quattro. Keine Damenwertung, keine Sonderklasse, kein Sternchen: der Gesamtsieg bei einem Lauf zur Rallye-Weltmeisterschaft.

Seitdem sind über vierzig Jahre vergangen. Der Rekord steht noch immer. Keine Frau hat seither eine WM-Rallye gewonnen.

Was diesen Satz interessant macht, ist nicht die Statistik. Es ist die Frage, wie es dazu kam – und warum es dabei blieb.

Die Laufbahn in elf Stationen

  1. 1973Erste Rallye Monte Carlo – auf dem Beifahrersitz.
  2. 1974Erste Saison als Fahrerin, Alpine-Renault A110.
  3. 1975Klassensieg bei den 24 Stunden von Le Mans, rein weibliche Besatzung.
  4. 1977Zweite der Rallye-Europameisterschaft hinter Bernard Darniche.
  5. 1978Sieg bei der Tour de France Automobile im Fiat 131 Abarth.
  6. 1981Rallye Sanremo: erster WM-Laufsieg einer Fahrerin.
  7. 1982Drei weitere Siege, am Ende WM-Zweite hinter Walter Röhrl.
  8. 1984Rallye Schweden: letztes WM-Podium. Pikes Peak: Gesamtzweite.
  9. 1985Pikes Peak: Gesamtsieg mit neuem Rekord, ohne Beifahrerin.
  10. 1986Deutsche Rallye-Meisterin, sechs von acht Läufen. Danach Rücktritt.
  11. 2010Erste Vorsitzende der FIA-Kommission Women in Motorsport.

Sieben Jahre vor Sanremo

Der Sieg von 1981 wird gern erzählt, als sei er aus dem Nichts gekommen. Er kam nach acht Jahren im Rallyesport.

Angefangen hat es 1972, und zwar von der falschen Seite des Autos: 1973 saß Mouton bei der Rallye Monte Carlo als Beifahrerin. Es blieb nicht lange dabei. Ab 1974 fuhr sie selbst, zunächst eine Alpine-Renault A110, später eine Alpine A310. In den Jahren 1974 und 1975 gewann sie die französische und die europäische Damenmeisterschaft.

1975 kam ein Ergebnis, das mit Damenwertungen nichts mehr zu tun hatte: Klassensieg bei den 24 Stunden von Le Mans in der Zweiliter-Prototypenklasse, gefahren in einer rein weiblichen Besatzung mit Christine Dacremont und Marianne Hoepfner. 1977 wurde sie Zweite der Rallye-Europameisterschaft hinter Bernard Darniche.

Blaue Alpine A110 Berlinette in Rallyeausführung
Alpine A110 – der Anfang, 1974.
Roter Fiat 131 Abarth Rallyewagen der Gruppe 4 von 1978
Fiat 131 Abarth, Gruppe 4 – ihr Auto bis 1980.

Von 1977 bis 1980 saß sie im Fiat 131 Abarth. In dieser Zeit gewann sie 1978 die Tour de France Automobile, und bei der Monte Carlo landete sie dreimal in Folge auf Rang sieben – 1978, 1979, 1980. Das ist die Vorgeschichte, die in den meisten Erzählungen fehlt: Als Audi anrief, holte man keine Nachwuchsfahrerin, sondern eine Frau mit sieben Jahren Werkserfahrung und einem Klassensieg in Le Mans.

Audi quattro in Rallyeausführung von 1983, Detailansicht
Audi quattro, Rallye-Ausführung 1983, Deutsches Technikmuseum Berlin. Foto: 1971markus, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Warum der quattro alles veränderte

1980 meldete sich Audi Sport und verpflichtete sie für das Weltmeisterschaftsprogramm 1981. Teamkollege wurde Hannu Mikkola, der maßgeblich an der Entwicklung des Autos beteiligt war.

Die Idee zu diesem Auto stammte nicht aus der Rennabteilung. 1977 fiel dem Audi-Fahrwerksingenieur Jörg Bensinger auf, dass ein Militärfahrzeug im Schnee an allem vorbeifuhr, was ihm im Weg stand: der VW Iltis. Zusammen mit Walter Treser entwickelte er daraus das Konzept eines allradgetriebenen Straßenwagens. Dass daraus ein Rallyeauto wurde, lag an einer Regeländerung – Allradantrieb war in der Weltmeisterschaft gerade erst zugelassen worden. Der quattro war das erste Auto, das diese Lücke nutzte.

Vorher galt Traktion als Frage von Fahrkunst, Reifenwahl und Gewichtsverteilung. Danach war sie eine Frage der Konstruktion. Innerhalb von zwei Saisons war jeder Hersteller, der ohne Allrad antrat, chancenlos.

Michèle Mouton fährt einen Audi Sport quattro bei der RAC Rally 1984
Mouton im Audi Sport quattro, RAC Rally im November 1984. Foto: Clive Horsman, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Man sollte den quattro deshalb aber nicht als Selbstläufer beschreiben. Die Werksautos A1 und A2 leisteten rund 355 PS, und der Fünfzylinder saß weit vorn: etwa 60 Prozent des Gewichts lagen auf der Vorderachse. Das Auto war stur beim Einlenken und unter hartem Bremsen heikel. Es belohnte eine Fahrweise, die man sich erst beibringen musste.

Sanremo, 10. Oktober 1981

Ab der Rallye Portugal 1981 saß Fabrizia Pons neben ihr – eine Zusammenarbeit, die den Rest ihrer Laufbahn hielt. Im Oktober folgte Sanremo.

Es war der erste Sieg einer Fahrerin bei einem Lauf zur Rallye-Weltmeisterschaft. Bemerkenswert ist, wie sachlich das Ergebnis ist: Sie gewann nicht, weil andere ausfielen, und nicht in einer Wertung neben der Wertung. Sie stand vor dem gesamten Feld.

Michèle Mouton am Steuer eines Audi quattro A2 bei der Welsh International Rally 1985
Mouton im Audi quattro A2, Welsh International Rally 1985. Foto: David AL Hilling, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

1982: die Saison, die fast anders ausgegangen wäre

Auf Sanremo folgte die dichteste Saison ihrer Laufbahn. Drei Siege: Portugal, die Akropolis-Rallye, Brasilien. Mit Sanremo waren es vier WM-Läufe – bis heute der Rekord für eine Fahrerin, und bis heute die einzigen vier.

Entschieden wurde die Weltmeisterschaft beim vorletzten Lauf an der Elfenbeinküste. Mouton hatte dort über eine Stunde Vorsprung herausgefahren. Kurz vor der Rallye war ihr Vater Pierre gestorben; ihre Mutter bestand darauf, dass sie startet. Dann gaben Kupplung und Getriebe des quattro nach, der Vorsprung schmolz, am Ende stand ein Unfall. Walter Röhrl wurde mit 109 Punkten im Opel Ascona 400 Weltmeister, Mouton Zweite. Audi holte im selben Jahr die Herstellerwertung.

Sie selbst hat das später in einen Satz gefasst, der die ganze Saison relativiert: Zwischen dem WM-Titel und ihrem Vater gebe es keinen Vergleich.

Opel Ascona 400 Rallyewagen in Seitenansicht, formatfüllend
Opel Ascona 400: hecktriebig, ohne Turbo. Damit schlug Röhrl 1982 den Allradwagen. Foto: Calreyn88, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Sie war kein Anfang, wie man damals annahm. Sie ist bis heute die Ausnahme geblieben.

Über vierzig Jahre nach Sanremo

Was Röhrl wirklich gesagt hat

Zu dieser Saison gehört ein Zitat, das seit Jahrzehnten falsch weitergereicht wird. Röhrl hatte sinngemäß gesagt, man könne einen dressierten Affen ans Lenkrad des Audi quattro setzen, und er würde Rallyes gewinnen.

Der Satz wird bis heute als Spitze gegen Mouton zitiert. Röhrl selbst widerspricht dem: Er habe damit den Allradvorteil des quattro gemeint, nicht dessen Fahrer, und er habe es gesagt, nachdem er den heckgetriebenen Ascona auf Schotter bewegt hatte. Mouton habe ihm den Satz nie übelgenommen – sie habe genau gewusst, wie er gemeint war. Heute sagt Röhrl, sie hätte den Titel verdient gehabt.

Das ist die unbequemere Version, weil sie schlechter ins Erzählschema passt. Der Sexismus dieser Jahre war real und gut belegt. Nur ist ausgerechnet dieses Zitat kein Beleg dafür.

1983 und 1984: die Jahre danach

Der zweite Platz von 1982 blieb ihre beste Platzierung. 1983 gewann Hannu Mikkola die Fahrerwertung für Audi, und die Konkurrenz hatte inzwischen aufgeholt – Lancia und Peugeot bauten eigene Gruppe-B-Autos, teils mit Mittelmotor und Allrad. Ihr letztes WM-Podium fuhr Mouton 1984 bei der Rallye Schweden ein: Platz zwei.

Pikes Peak, 1984 und 1985

Parallel zur Weltmeisterschaft schickte Audi sie nach Colorado. Das Bergrennen am Pikes Peak ist ein eigenes Fach: knapp zwanzig Kilometer bergauf, damals größtenteils Schotter, dazu eine Luft, die dem Motor mit jedem Höhenmeter mehr fehlt. Es gibt keine zweite Chance und keinen Wiederholungslauf.

1984 wurde Mouton dort Gesamtzweite und gewann ihre Kategorie. 1985 kam sie mit dem rund 500 PS starken Audi Sport quattro S1 wieder – und gewann die Gesamtwertung, mit neuem Rekord, rund dreizehn Sekunden unter der alten Bestzeit.

Ein Detail, das viel über die Herangehensweise sagt: Sie fuhr ohne Fabrizia Pons. Nicht aus Prinzip, sondern wegen des Gewichts.

1986: sechs von acht – und dann war Schluss

Ihre letzte volle Saison fuhr sie nicht mehr für Audi, sondern im Peugeot 205 Turbo 16 unter Jean Todt. In der Deutschen Rallye-Meisterschaft gewann sie sechs von acht Läufen und wurde Meisterin – als erste Frau, die eine große Rallye-Meisterschaft für sich entschied.

Im selben Jahr endete die Gruppe B. Man muss kurz erklären, was diese Klasse war: 1982 eingeführt, verlangte sie nur 200 Homologationsexemplare, schrieb je nach Hubraum zwischen 580 und 890 Kilogramm Mindestgewicht vor und ließ die Leistung von rund 250 PS zu Beginn auf über 500 PS am Ende steigen. Extrem leichte Autos, extreme Leistung, praktisch keine Sicherheitsreserven, dazu Zuschauer, die auf der Strecke standen.

Die Autos der Gruppe B

Audi Sport quattro S1 E2 mit großem Heckflügel in Seitenansicht
Audi Sport quattro S1 E2 – Moutons Werkzeug am Pikes Peak. Foto: Cs-wolves, CC BY-SA 4.0
Lancia Delta S4 der Gruppe B in Dreiviertelansicht
Lancia Delta S4 – Kompressor und Turbo zugleich. Toivonens Auto. Foto: Calreyn88, CC BY-SA 4.0
Peugeot 205 Turbo 16 Rallyewagen der Gruppe B in Fahrt
Peugeot 205 Turbo 16 – Moutons Auto 1986. Foto: Michelin LIVE UK, CC BY 2.0
Weißer Ford RS200 Rallyewagen der Gruppe B
Ford RS200 – Mittelmotor, Allrad, 1986 in Portugal verunglückt. Foto: Calreyn88, CC BY-SA 4.0

Im März 1986 verlor Joaquim Santos bei der Rallye Portugal die Kontrolle über seinen Ford RS200, als er Zuschauern auswich. Drei Menschen starben, 31 wurden verletzt. Im Mai kam Henri Toivonen auf Korsika von der Straße ab; sein Lancia Delta S4 stürzte einen Hang hinunter und brannte aus. Toivonen und sein Beifahrer Sergio Cresto starben.

Die FIA verbot die Kategorie. Nachfolger wurde die Gruppe A mit zwei Litern Hubraum und rund 300 PS. Mouton beendete im Oktober 1986 ihre Laufbahn. Sie war 35.

Was danach kam

1988 gründete sie zusammen mit Fredrik Johnsson das Race of Champions – im Andenken an Henri Toivonen. Aus der Gedenkveranstaltung wurde ein Format, das bis heute läuft und in dem Fahrer aus Rallye, Formel 1 und Rundstrecke im direkten Duell gegeneinander antreten.

Ganz aufgehört hat sie nie. 1988 und 1989 war sie bei Rallye-Raids für Peugeot im Einsatz, 2000 wurde sie beim London–Sydney-Marathon Zweite, und 2008 saß sie für die Otago Classic Rally in Neuseeland noch einmal mit Fabrizia Pons im selben Auto.

Porträt von Michèle Mouton auf dem Genfer Automobilsalon 2011
Michèle Mouton 2011 in Genf, ein Jahr nach Übernahme des Kommissionsvorsitzes. Foto: Fabien Rochet, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

2010 übernahm sie den Vorsitz der neu geschaffenen FIA-Kommission Women in Motorsport. Sie ist damit seit anderthalb Jahrzehnten genau an der Stelle, an der über Nachwuchsförderung entschieden wird – und beantwortet in Interviews seit Jahren dieselbe Frage: wann die nächste kommt.

Warum das revolutionär war

Drei Dinge, die man auseinanderhalten sollte.

Erstens: Es war ein Gesamtsieg. Nicht die schnellste Frau, nicht die beste Privatfahrerin, nicht eine Wertung neben der Wertung. Platz eins, gegen Röhrl, Mikkola, Blomqvist und Vatanen. Dieses Ergebnis braucht keine Erklärung und verträgt keine Relativierung.

Zweitens: Es war die gefährlichste Zeit des Sports. Über 500 PS in Autos unter 900 Kilogramm, auf Straßen ohne Absperrung. Mehrere ihrer Konkurrenten haben diese Jahre nicht überlebt. Wer in diesem Umfeld gewinnt, gewinnt nicht wegen eines Vorteils.

Drittens: Der Rekord steht noch. Und das ist der unangenehme Teil. Dass seit über vierzig Jahren keine Frau mehr eine WM-Rallye gewonnen hat, sagt wenig über Michèle Mouton – aber viel darüber, wie wenig sich strukturell verändert hat. Sie war kein Anfang, wie man damals annahm. Sie ist bis heute die Ausnahme geblieben.

Sie war kein Anfang, wie man damals annahm. Sie ist bis heute die Ausnahme geblieben.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Der quattro hat die Rallye-Weltmeisterschaft in zwei Jahren komplett umgebaut. Für die zweite Revolution, die im selben Auto saß, hat es nicht gereicht.

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Clärenore Stinnes umrundete ab 1927 als erster Mensch überhaupt die Welt im Automobil. Drei Frauen haben Bauteile erfunden, die heute in jedem Auto stecken. Und zum Hersteller, für den Mouton fuhr: Audi und seine Ringe.

Quellen

  1. Guinness World Records – meiste WM-Laufsiege einer Fahrerin, Rekord unverändert
  2. Wikipedia: Michèle Mouton – Laufbahndaten, frühe Jahre, Zeit nach 1986
  3. Wikipedia: Group B – Reglement, Leistungen, Unfälle 1986, Verbot
  4. Wikipedia: Audi Quattro – Bensinger, VW Iltis, Leistungsangaben, Gewichtsverteilung
  5. Goodwood Road & Racing – Saison 1982 und die Rallye Elfenbeinküste
  6. Autosport – Pikes Peak 1985, Deutsche Rallye-Meisterschaft 1986
  7. Walter-Magazin – Röhrl über Mouton und über das Affen-Zitat
  8. Stellantis Media / Opel – Röhrls Punktestand 1982
Bernd Mischke

Über den Autor

Bernd Mischke, Jahrgang 1975. Gelernter Mechaniker, heute Simultandolmetscher für Englisch und Trainer für Automotive-Themen – auf dem Shopfloor und weltweit. Schreibt hier über das, was zwischen Prospekttext und Stammtisch liegt. Mehr über mich

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