9 Kapitel · ein Zeitstrahl mit 18 Stationen · 54 Quellen
- Prosper L’Orange
- 1. Februar 1876 in Beirut bis 30. Juli 1939 in Stuttgart; Maschinenbau an der Technischen Hochschule Charlottenburg, 1896 bis 1900
- Das Patent
- DRP 230517, angemeldet am 14. März 1909, erteilt Anfang 1911 — und wer es anmeldete, ist bis heute offen
- Was die Vorkammer leistet
- Einspritzdruck 118 bis 132 bar statt Druckluft mit 50 bis 70 bar aus einem mehrstufigen Kompressor
- Was sie kostet
- 15 bis 20 Prozent mehr Kraftstoff als eine Direkteinspritzung, dazu Glühkerzen für den Kaltstart
- Erstes Fahrzeug damit
- Benz-Sendling S 6, ein dreirädriger Ackerschlepper, 1922 in Königsberg — kein Auto, kein Lastwagen
- Erster Serien-Pkw
- Mercedes-Benz 260 D, Februar 1936, 1.967 gebaute Fahrzeuge — und drei konkurrierende Ansprüche
- Wie lange sie hielt
- 1936 bis 1996 in Personenwagen von Mercedes-Benz, danach abgelöst von der Direkteinspritzung
- Werkzeug
- Zeitstrahl mit 18 Stationen, filterbar nach Leben, Patenten, Motoren und Fahrzeugen
Rudolf Diesel hat den Motor erfunden, der seinen Namen trägt, aber nicht den, der in ein Auto passt. Seine Maschine drehte etwa 360 Umdrehungen in der Minute, brauchte einen Kompressor für die Einspritzung und stand deshalb dort, wo Gewicht und Bauraum niemanden stören: im Maschinenhaus und im Schiffsrumpf. Was fehlte, war ein Verfahren, das ohne Druckluft auskommt und den Motor schnelllaufend macht. Prosper L’Orange hat es gefunden, und danach dauerte es noch siebenundzwanzig Jahre bis zum ersten Diesel-Personenwagen in Serie.
Das Problem: warum der Diesel nicht ins Auto passte
Diesels Verfahren beruht auf einem einfachen Gedanken. Man verdichtet reine Luft so stark, dass sie sich allein durch das Zusammendrücken erhitzt, und bringt den Kraftstoff erst danach hinein, damit er von selbst zündet. Daraus folgt die Schwierigkeit, die den Motor drei Jahrzehnte lang am Fabrikboden festhielt: Der Kraftstoff muss gegen einen sehr hohen Zylinderdruck hinein und dabei fein zerstäubt werden. Dafür braucht es eine Pumpe. Die gab es um 1900 nicht.
Diesels Antwort hieß Lufteinblasung: Eine mehrstufige Kompressoranlage am Motor lieferte Luft mit 50 bis 70 bar, die den Kraftstoff durch das Einspritzventil trieb und ihn dabei zerstäubte. Jeder Schuss bestand zu drei Prozent aus Kraftstoff und zu siebenundneunzig Prozent aus Luft. Das funktionierte, und es machte den Motor zugleich autountauglich, denn der Kompressor fraß einen Teil dessen wieder auf, was der Motor gerade erzeugt hatte.
Vor allem setzte er eine harte Drehzahlgrenze. Das Einblasen braucht Zeit, und höhere Drehzahlen hätten noch höhere Drücke verlangt. In der Praxis war bei etwa 360 Umdrehungen je Minute Schluss, während ein Automobilmotor das Fünf- bis Zehnfache leisten muss und obendrein vom Lastwechsel lebt.
Wie gut das Verfahren an sich war, zeigt trotzdem eine einzige Zahl. Der Wirkungsgrad gibt an, welcher Anteil der im Kraftstoff steckenden Energie als Arbeit an der Kurbelwelle ankommt, während der Rest als Wärme verloren geht. Diesels erster funktionstüchtiger Prototyp erreichte am 17. Februar 1897 26,3 Prozent, eine Dampfmaschine dagegen rund zehn. Aus derselben Menge Brennstoff holte die neue Maschine also gut zweieinhalbmal so viel Arbeit heraus. Nur stand sie eben in einem Maschinenhaus.
Diesel wollte in ein Fahrzeug, doch zu seinen Lebzeiten scheiterte das an der Gemischbildung. Er starb 1913, und der erste Fahrzeugdiesel lief neun Jahre später.
Wer L’Orange war
L’Orange kam am 1. Februar 1876 in Beirut zur Welt und starb am 30. Juli 1939 in Stuttgart. Sieben voneinander unabhängige Quellen nennen beide Daten gleichlautend; sie sind der bestbelegte Teil seiner Biografie. Alles andere wird unschärfer, je genauer man hinsieht. Von Schon bei seinem Studium an der Technischen Hochschule Charlottenburg gehen die Quellen auseinander: Die eine nennt Alois Riedler als seinen Lehrer, die andere Emil Josse.
1904 ging er als Versuchsingenieur zur Gasmotoren-Fabrik Deutz nach Köln, und dass er dort ab 1906 die Forschung leitete, steht nur in einer einzigen Quelle. Im Oktober 1908 wechselte er zu Benz & Cie. nach Mannheim, und schon sein Titel schwankt zwischen Leiter der Motorenprüfung, Oberingenieur und Leiter des Stationärmotorenbaus. In den Vorstand rückte er 1910 oder 1912.
1922 ging das Mannheimer Motorengeschäft in den Motoren-Werken Mannheim auf, und L’Orange ging mit. Aufgehört hat er Ende 1925 oder 1926. Was dann kam, überrascht bei einem Mann von fünfzig: Er hörte 1926/27 als Gasthörer Physik an der Universität Heidelberg.
1926 gründete er in Stuttgart ein Ingenieurbüro, ein Jahr später erwarb er mit dem Bankier Karl Ummen die REF-Apparatebau GmbH in Feuerbach, die Einspritzpumpen und Düsen baute. 1932 ging dieses Unternehmen in Konkurs. Im Jahr seines Todes gründete er mit Heinrich Buschmann noch die Motortechnische Zeitschrift und erhielt die Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Karlsruhe. Wie viele Patente er hielt, weiß niemand.
Die Vorkammer: was sie tut und was sie kostet
Die Idee lässt sich in einem Satz sagen. Wenn die Pumpe den Kraftstoff nicht fein genug verteilen kann, dann soll das eine Strömung übernehmen. Dafür teilt die Vorkammer den Brennraum: Neben dem Raum über dem Kolben sitzt eine kleine Kammer, die etwa fünfunddreißig Prozent des Kompressionsvolumens ausmacht und über einen engen Kanal mit ihm verbunden ist. Diesen Kanal nennt man Schusskanal, und die Düse mündet nicht in den Hauptbrennraum, sondern in die kleine Kammer.
Dort herrscht Luftmangel, deshalb verbrennt der eingespritzte Kraftstoff nur zum Teil. Der Druck steigt trotzdem, und er treibt das brennende Gemisch mit hoher Geschwindigkeit durch den Schusskanal in den Hauptbrennraum, wo es auf die übrige Luft trifft und vollständig verbrennt. Das Vermischen leistet also nicht mehr der Druck aus der Düse, sondern die Strömung aus der Kammer, und damit fällt der Kompressor weg.
Zwei Sätze zum Mitnehmen: Die Vorkammer ersetzt Druck durch Strömung. Was vorher ein Kompressor leisten musste, leistet danach das brennende Gas selbst, sobald es durch einen engen Kanal schießt.
Der Einspritzdruck ist der Druck, mit dem die Pumpe den Kraftstoff durch die Düse presst, und je höher er ist, desto feiner zerstäubt der Strahl. Beim Vorkammermotor genügen 118 bis 132 bar, im Grenzfall 400. Praktisch heißt das: Eine mechanische Pumpe schafft diese Werte. Dazu kommt, dass der Zündverzug kürzer wird, die Zünddrücke niedrig bleiben und der Motor auch zündunwillige Kraftstoffe verträgt.
Bezahlt wird das an der Tankstelle. Der geteilte Brennraum hat eine große innere Oberfläche, und das Gas muss zweimal durch einen engen Kanal; beides kostet Wärme, und deshalb verbraucht ein Vorkammermotor fünfzehn bis zwanzig Prozent mehr Kraftstoff als ein Direkteinspritzer. Dazu kommt der Kaltstart, denn die kalte Kammer entzieht der verdichteten Luft Wärme und braucht deshalb Glühkerzen.
Eine Verwechslung kommt zu oft vor. Die Wirbelkammer, die Harry Ricardo 1931 entwickelte, hat einen breiteren, tangential einmündenden Kanal und ist ein eigenes Verfahren. Deutsche Fachquellen trennen beide sauber, englischsprachige werfen sie unter dem Namen pre-combustion chamber zusammen.
Und nun die Akten. Am Anfang stehen zwei Patente: DRP 238832 auf einen Kammermotor, angemeldet am 22. Juli 1908 und erteilt am 31. Oktober 1911, sowie DRP 230517 auf den Vorkammer-Dieselmotor, angemeldet am 14. März 1909. Wann dieses zweite Patent erteilt wurde, ist unordentlich überliefert. Eine Quelle datiert die Erteilung auf Anfang 1911, die englische Wikipedia nennt beide Tage als denselben Tag, und ein deutscher Fachartikel macht aus dem Anmeldedatum kurzerhand den Erteilungstag. Wer „1909 patentiert“ schreibt, kürzt ab.
Schwerer wiegt die zweite Frage. Eine Quelle schreibt ausdrücklich, nicht L’Orange, sondern Benz & Cie. habe am 14. März 1909 angemeldet, während alle übrigen ihn selbst als Inhaber führen. Ein Firmenpatent auf eine Diensterfindung ist etwas anderes als ein persönliches Erfinderpatent. Offen ist auch die Priorität: Friedrich August Haselwander soll bereits 1901 einen Dieselmotor mit Vorkammer gebaut haben, doch Patentnummern dazu wurden nicht gefunden. Damit steht ein Anspruch von acht Jahren vor L’Orange im Raum, und die Scheibenbremse hat dasselbe Problem mit ihrem Erfinder.
Der Weg in die Serie: Ackerschlepper, Lastwagen, 260 D
Probieren Sie es aus: Der Zeitstrahl unter diesem Absatz stellt achtzehn Stationen nebeneinander, von Diesels Patent von 1892 bis zum letzten Schritt im Jahr 1996. Oben wählen Sie die Gruppe, ein Klick auf eine Zeile klappt den Text auf, und jede Station nennt das Kürzel ihrer Quelle.
Das erste Fahrzeug der Welt mit einem Dieselmotor war weder Auto noch Lastwagen. Es war ein dreirädriger Ackerschlepper. Der Benz-Sendling S 6 trug einen Zweizylinder-Viertakt-Vorkammerdiesel mit 5.726 cm³, der 25 PS bei 800 Umdrehungen leistete, und stand 1922 auf der Landwirtschaftsmesse in Königsberg, wo er auch verkauft wurde. Ab 1923 lief die Serie, und bis Anfang der dreißiger Jahre kamen 1.188 Stück zusammen.
Einen Benz-Motorpflug kennen die Quellen übrigens nicht. Wer davon liest, meint diesen Schlepper oder einen Motorpflug von MAN.
Parallel entstand der erste Dieselmotor, der von vornherein für den Lastwagen gedacht war. Der Benz OB 2 hatte vier Zylinder in Reihe, 125 mal 180 Millimeter und 8.836 cm³, und er leistete 45 PS in der Vorserie und 50 in der Serie. Das erste Muster lief im September 1922 auf dem Prüfstand, und im Februar 1924 zeigte Benz ihn in Amsterdam. Ausgelegt war er auf Braunkohlenteeröl, lief aber auch mit Gasöl und Petroleum, denn die Vorkammer verträgt zündunwillige Kraftstoffe.
Gegenüber einem Lastwagen mit Ottomotor brauchte er 32 Prozent weniger Treibstoff, und die Kosten dafür sanken um 86 Prozent. Verkauft hat er sich trotzdem schlecht: Bis 1926 gingen weniger als hundert Motoren weg, und erst der Nachfolger OM 5 brachte 1928 den Durchbruch. Wie offen die Sache damals noch war, zeigte die Berliner Automobilausstellung im Dezember 1924, auf der Benz die Vorkammer zeigte, MAN die Direkteinspritzung und Daimler die alte Lufteinblasung. Dass sich zunächst die Vorkammer durchsetzte, weil sie einfacher zu bauen war und weniger wog, steht in einer einzigen Quelle und ist ein Urteil, keine Messung.

Bis zum Personenwagen dauerte es noch zwölf Jahre. Im November 1934 beschlossen die Ingenieure bei Daimler-Benz, einen bewährten Sechszylinder-Lastwagenmotor zum Pkw-Motor umzubauen; wer im Einzelnen dahinterstand, nennt keine der erreichbaren Quellen. Was daraus wurde, war ein Vierzylinder, und im Februar 1936 stand er in Berlin auf der Messe: im Mercedes-Benz 260 D.
Dieser OM 138 maß 90 mal 100 Millimeter, hatte 2.545 cm³, eine fünffach gelagerte Kurbelwelle und eine Bosch-Vierstempel-Einspritzpumpe, und er leistete 45 PS bei einer Verdichtung von 20,5 : 1. Das Verdichtungsverhältnis gibt an, auf welchen Bruchteil seines Volumens der Kolben die angesaugte Luft zusammendrückt. 20,5 : 1 heißt praktisch: Die Luft wird auf ein gutes Zwanzigstel gequetscht und dabei so heiß, dass der Kraftstoff von allein zündet. Eine Zündkerze braucht dieser Motor nicht, eine Glühkerze für den kalten Morgen dagegen schon.
Bei der Nenndrehzahl hört die Einigkeit auf: Drei Quellen nennen 3.000 Umdrehungen, fünf nennen 3.200, und eine führt beide Werte im selben Text. Unstrittig sind 95 km/h, 1.530 Kilogramm und ein Verbrauch von etwas mehr als neun Litern, während der vergleichbare Benziner Typ 200 dreizehn brauchte. Für Taxifahrer rechnete sich das doppelt: Mit Personenbeförderungsschein kostete der Liter Dieselöl 1936 siebzehn Pfennig.
Wann der Bau begann, ist wieder unklar: Juli 1935 nennt die eine Quelle, September 1935 die zweite, Ende 1935 die dritte. Die Premiere im Februar 1936 bestreitet dagegen niemand. Und ein Detail, das man kaum glaubt: Elektrisch beheizte Glühkerzen bekam der 260 D erst Anfang 1938, zwei Jahre nach der Premiere.
Wer war der Erste? Die konkurrierenden Ansprüche
Der Satz „Der 260 D war der erste Diesel-Pkw“ steht in vielen Texten, und in dieser Kürze hält er nicht. Drei Ansprüche stehen daneben, zwei davon aus demselben Jahr, einer sogar aus demselben Monat.
Der bekannteste betrifft die Citroën Rosalie, die ein populärer Fachartikel als ersten Serien-Personenwagen mit Dieselmotor führt: vorgestellt auf dem Pariser Salon 1936, mit einem Motor von Harry Ricardo, von dem nur eine Handvoll gebaut worden sei. Derselbe Text benennt wenig später den 260 D als das erste serienproduzierte Auto. Die Belege darunter tragen nicht: Die englische Wikipedia führt einen Diesel mit 1.766 cm³ ab Modelljahr 1933 und markiert ihn selbst als unbelegt, und ein auf die Rosalie spezialisierter Oldtimerartikel erwähnt überhaupt keinen Diesel. Belegt ist ein Citroën-Diesel mit 1.767 cm³ ab 1936, allerdings im Lieferwagen U23.
Der zweite Anspruch ist der ernstere. Der Hanomag Rekord Diesel, Typ D 19 A, wurde auf derselben Berliner Messe im Februar 1936 angekündigt wie der 260 D; sein Prototyp stammte von Lazar Schargorodsky und hatte 1,634 Liter, die spätere Ausführung 1,9 Liter und 35 PS. Nur begann die Motorenfertigung erst 1937 und die offizielle Serie im Jahr darauf, und wie viele gebaut wurden, ist bis heute strittig: rund 2.500 nach der einen Zählung, 1.097 nach der anderen. Der dritte Anspruch kommt aus den Vereinigten Staaten, wo Auburn und Cummins 1935 einen Versuchswagen mit Sechszylinder-Diesel bauten, der ein Prototyp blieb.
Was bleibt, ist ein Satz mit einer Einschränkung, die in fast allen Werksformulierungen ohnehin drinsteht: Der 260 D war der erste Diesel-Personenwagen, der in nennenswerter Serie gebaut und verkauft wurde. 1.967 Stück sind kein Rekord. Sie sind aber mehr als eine Handvoll und mehr als ein Prototyp.
Vom 170 D zum W 123: dreißig Jahre Vorkammer

Nach dem Krieg fing Mercedes-Benz dort wieder an, wo es aufgehört hatte. Im Mai 1949 stand auf der Technischen Exportmesse in Hannover der 170 D mit dem OM 636, einem Viertakt-Vorkammerdiesel mit Prallstift in der Kammer. Er leistete 38 PS und brauchte 6,5 bis 7,5 Liter, wo der Benziner 170 V zehn bis elf nahm, und konstruiert hat ihn nach einer einzigen Quelle Julius Witzky, der dabei Erfahrungen aus dem Schnellbootmotorenbau nutzte.
Dieser Motor ist der eigentliche Dauerläufer der Geschichte. Gebaut wurde er von 1949 bis 1990, und zwar längst nicht nur im Personenwagen: im Unimog, in Fiat-124-Derivaten von Seat, dazu in Gabelstaplern, Schiffen und Stromaggregaten. Wer heute so ein Aggregat öffnet, arbeitet an Technik, die älter ist als die meisten Werkstattbücher darüber; wie das abläuft, steht in unserem Beitrag über das Überholen eines Motors.

Mit der Ponton wurde der Diesel zur Ware für viele: Im Februar 1954 erschien der 180 D mit 40 PS, 1955 auf 43 erhöht. Die geprüfte Quelle nennt für den 180 D allerdings weder den Motorcode noch die Vorkammer ausdrücklich, und belastbare Stückzahlen fehlen ebenso.

Der W 123, gebaut von November 1975 bis Januar 1986, machte den Diesel dann zur Normalität. Fast 2,7 Millionen Fahrzeuge entstanden, davon rund 2,4 Millionen Limousinen. Angeboten wurden der OM 615 im 200 D und 220 D, der OM 616 im 240 D und der Fünfzylinder OM 617 im 300 D. Wohin diese Baureihe führte, steht in unserem Beitrag über zwölf Rostzonen und sieben Millionen Kilometer.
Das schönste Detail dieser Jahre ist ein kleines. Bei den Dieselmodellen des W 123 ließ sich der Motor irgendwann mit dem Schlüssel starten und abstellen, der Zugknopf fürs Vorglühen entfiel. Wer heute so ein Auto bewegt, fährt einen Youngtimer, und dafür gelten eigene Regeln bei Steuer und Versicherung — nachzulesen in unserem Beitrag zum H-Kennzeichen.
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Erhalten wird ein solches Fahrzeug nicht am Motor allein, sondern an Blech, Falzkanten und Lack; passende Pflege- und Konservierungsmittel gibt es im Fachhandel.
Warum die Direkteinspritzung sie ablöste
Der Grund steht schon weiter oben: fünfzehn bis zwanzig Prozent. So viel Kraftstoff mehr hat jeder Vorkammerdiesel verbrannt, und solange Kraftstoff billig und der Direkteinspritzer laut war, hat das wenige gestört. Der Gegenentwurf war dabei genauso alt wie die Vorkammer, und er hatte einen Namen.
Wilhelm Riehm, ab 1913 Prüfstandsingenieur bei der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg, entwickelte zwischen 1919 und 1925 einen scheibenförmigen Brennraum, ausdrücklich als Gegenstück zum Vorkammerverfahren. Seine Arbeiten an Nockenpumpen mit Überströmventil versetzten Robert Bosch überhaupt erst in die Lage, ab 1926 Einspritzpumpen zu liefern. Wie ernst das gemeint war, zeigt eine Fahrt: Am 12. März 1924 brachten die MAN-Ingenieure Sturm und Wiebicke einen Lastwagen mit Direkteinspritzung in fünfeinhalb Stunden von Augsburg nach Nürnberg. Erster gewerblicher Kunde wurde eine Augsburger Brauerei.
Bosch begann 1922 mit der Arbeit an Diesel-Einspritzpumpen, und der Grund dafür war Notwehr. Im eigenen Werkstext steht der Satz: Die elektrische Zündung, der wichtigste Teil des Produktportfolios, war bei einem Dieselmotor nicht erforderlich. Am 30. November 1927 gab Bosch die Serie der Reiheneinspritzpumpen frei, und erster Kunde war MAN, nicht Benz. Im selben Jahr lief eine Versuchspumpe in einem Personenwagen der Marke Stoewer, neun Jahre vor dem 260 D.
Verdrängt wurde sie trotzdem erst spät: Ab den siebziger Jahren war Mercedes-Benz nach einer Quelle der einzige Personenwagenhersteller, der an ihr festhielt. 1985 bot Toyota mit dem Land Cruiser HJ61 als Erster einen Direkteinspritzer in Großserie an, und 1990 folgte der Audi 100 als erster deutscher Diesel-Personenwagen dieser Bauart. Die verbreitete Jahreszahl 1989 findet sich in der geprüften Quelle nicht.
Bei Mercedes-Benz dauerte es bis März 1996, als der E 290 Turbodiesel mit dem OM 602 DE 29 LA kam, noch ohne Common Rail und ohne Vierventiltechnik. Bosch stellte das Common-Rail-Hochdruckeinspritzsystem 1997 vor, die ersten CDI-Modelle folgten im Juni 1998, und damit endeten sechzig Jahre, in denen L’Oranges Kammer in Personenwagen von Mercedes-Benz gearbeitet hat.
Was die Legende sagt und was die Akten sagen
Die Legende sagt: 1909 erfand L’Orange die Vorkammer, und damit war der Diesel-Pkw geboren. Die Akten sagen: Zwischen dem 14. März 1909 und dem ersten serienreifen Vorkammer-Dieselmotor liegen dreizehn Jahre, bis zum ersten Serien-Diesel-Pkw sind es siebenundzwanzig. Dazwischen brauchte es die trichterförmige Vorkammer und die Nadeldüse um 1919 und die regelbare Einspritzpumpe um 1921. Ohne diese drei war die Vorkammer allein nicht praxistauglich.
Die Legende sagt: Der erste Fahrzeugdiesel war ein Lastwagen. Die Akten sagen: Es war ein dreirädriger Ackerschlepper, und der erste eigens für den Lastwagen gebaute Dieselmotor lief erst im September 1922 auf dem Prüfstand.
Die Legende sagt: Die Vorkammer starb mit dem W 123. Die Akten sagen: Der OM 601, eingeführt 1983 im 190 D und ab 1984 auch in der Baureihe 124, arbeitete mit einer Vorkammer, ebenso OM 602 und OM 603. Das Verfahren hat den W 123 um zehn Jahre überlebt.
Die Legende sagt: Bosch kaufte L’Oranges Patente. Die Akten sagen: Das steht in einer einzigen Kurzbiografie, und die eingesehenen Darstellungen von Bosch erwähnen weder ihn noch die REF-Apparatebau. Belegt ist ein anderer Patentkauf, nämlich die Übernahme der ACRO-AG von Franz Lang mit 187 Patenten im Jahr 1925.
Die Legende sagt: Die Firma L’Orange ist seine Firma. Die Akten sagen: Die heutige Woodward L’Orange geht nicht auf sein Ingenieurbüro von 1926 zurück, sondern auf eine Neugründung vom 9. September 1933 durch Rudolf und Harro L’Orange. Sie trägt seinen Namen, nicht seine Firmengeschichte.
Und die größte Legende ist die bequemste: Ohne L’Orange gäbe es keinen Diesel-Pkw. 1924 standen in Berlin drei funktionierende Wege nebeneinander, und durchgesetzt hat sich langfristig nicht seiner, sondern der von MAN und Wilhelm Riehm. Belegbar ist die schwächere Aussage: Ohne die Vorkammer wäre der Diesel-Personenwagen später gekommen und hätte anders ausgesehen.
Der Name und die Sache
Es gibt eine Ironie in dieser Geschichte. Das Verfahren, das den Dieselmotor ins Auto brachte, hat seinem Urheber kein Unternehmen getragen, denn die REF-Apparatebau ging 1932 in Konkurs. Der Name dagegen ist geblieben, an einer Firma, die er nicht gegründet hat, und wurde 2018 für 700 Millionen Euro weitergereicht.
Bei Daimler-Benz ist das kein Einzelfall, und zu einem zweiten steht hier ein eigener Beitrag: Béla Barényi und die Knautschzone. Bei Haselwander steht bis heute ein Anspruch im Raum, den niemand prüfen kann. Technikgeschichte besteht zu einem guten Teil aus solchen Lücken, und sie werden kleiner, wenn jemand nachzählt.
Die Vorkammer ist aus dem Personenwagen verschwunden, und der Direkteinspritzer, der sie ablöste, verschwindet gerade ebenfalls. Man kann darüber klagen. Man kann auch fragen, welches Verfahren wir heute benutzen, ohne den Namen dessen zu kennen, der es aufgeschrieben hat. Falls Sie einen 170 D, einen 180 D oder einen frühen 200 D fahren: Ich sammle Unterlagen zu diesen Motoren, also Werkstattbücher und Rechnungen über Glühkerzen. Aus solchen Papieren entsteht der Nachweis, den ein verschlossenes Konzernarchiv nicht liefert.
Weiterlesen
- Mercedes E-Klasse: zwölf Rostzonen und sieben Millionen Kilometer — zwölf Rostzonen und sieben Millionen Kilometer.
- Hans Ledwinka, Tatra und die Frage nach dem Urheber — noch ein Urheberstreit, der bis vor Gericht ging.
- Frederick Lanchester und die Erfindung der Scheibenbremse — eine Erfindung, die vierzig Jahre auf ihre Serie wartete.
- Motorkennbuchstaben bei Audi und VW entschlüsseln — wie man heute erkennt, welcher Diesel im Wagen sitzt.
- Ernst Fuhrmann: der Motor, den nur er einstellen konnte — Königswellenmotor, Typ 928 und acht Jahre an der Porsche-Spitze.
- Karl Wilfert: dreißig Jahre neben Barényi im Patentregister — dreißig Jahre Karosseriebau bei Daimler-Benz und fünf gemeinsame Patente mit Barényi.
- VW Golf: der Notnagel, aus dem 37 Millionen Autos wurden — acht Generationen, 37 Millionen Autos und die Zahlen, denen VW selbst widerspricht.
Quellen
Alle Online-Quellen abgerufen am 6. September 2026. Die Kürzel entsprechen den Angaben im Zeitstrahl. Wikipedia ist durchgängig als Sekundärquelle geführt. Das Mercedes-Benz-Konzernarchiv war nicht abrufbar; Werksangaben liegen deshalb nur in der Wiedergabe durch Fachportale vor und sind im Text als solche gekennzeichnet.
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- S60 — Mercedes-Benz OM 601 / OM 602 / OM 603, Wikipedia (deutsch). de.wikipedia.org
- S61 — Mercedes-Benz Baureihe 210, Wikipedia (deutsch). de.wikipedia.org
- S62 — Mercedes-Benz ist Pionier des Dieselmotors bei Nutzfahrzeugen wie Pkws, mbpassion.de. mbpassion.de
- S63 — Inside the Cylinder of a Diesel Engine, by Harry Ricardo, Old Machine Press. oldmachinepress.com
Bernd Mischke schreibt in Bernies Garage über Autotechnik, Design und die Menschen dahinter. Hinweise, Korrekturen und Widerspruch gehen an bernd [at] bernies-garage [punkt] com.
Haben Sie Papiere zu einem Vorkammerdiesel?
Gesucht: Werkstattbücher, Ersatzteillisten und Rechnungen zu OM 636, OM 621 und den frühen Motoren der Baureihe 123. Je mehr Belege, desto weniger Lücken.
Werkstattpost
Einmal im Monat ein Brief aus der Garage: neue Artikel, Fundstücke aus der Recherche, gelegentlich eine Frage an Sie.