Zum Inhalt springen
Bernies Garage > Historie > Mercedes E-Klasse: zwölf Rostzonen und sieben Millionen Kilometer

Mercedes E-Klasse: zwölf Rostzonen und sieben Millionen Kilometer

17 Kapitel · 3 interaktive Werkzeuge · 10 Generationen

Ahnenreihe
Ponton W 120 (1953) bis W 214 (seit 2023), zehn Generationen
Name seit
Juni 1993, mit der zweiten Modellpflege der Baureihe 124 — warum genau dann
Meistgebaute Generation
W 124 mit rund 2,74 Millionen Fahrzeugen — und einer Zahl, die nicht stimmt
Gewichtszuwachs
1.150 kg (Ponton) auf 1.810 kg (W 214), also 57 Prozent — was daraus folgt
Längenzuwachs
4.500 mm auf 4.949 mm, nur 10 Prozent
Der Rostfall
W 210, Ursache belegt, aber ohne Baujahresfenster — die zwölf Stellen
Werkzeuge
Generationenvergleich, Kaufcheck mit 73 Prüfpunkten, 87 Motoren nach Kennbuchstaben

Die E-Klasse heißt erst seit 1993 so, und das ist der kleinste ihrer Widersprüche. Der größere: Kaum eine Baureihe wird so entschieden für Unverwüstlichkeit gerühmt — und kaum eine hat einen so gründlich dokumentierten Totalausfall in der Qualität hinter sich. Beides gehört zu derselben Ahnenreihe, und beides lässt sich mit Zahlen belegen. Dieser Text tut genau das, über siebzig Jahre und zehn Generationen hinweg.

Der Name ist jünger als das Auto

Bis 1993 hieß ein Mercedes 300 E einfach 300 E: die Zahl für den Hubraum, das nachgestellte E für Einspritzung. Dann drehte Mercedes die Logik um, stellte einen Klassenbuchstaben vor die Zahl und schuf damit ein Ordnungssystem, das bis heute gilt. Das Werksarchiv datiert die Umstellung auf Juni 1993 und nennt einen erfrischend unpathetischen Grund: Das nachgestellte E sei „no longer needed, as carburettor engines were now a thing of the past“. Ein Buchstabe verschwand, weil das, wovon er sich abgrenzen sollte, verschwunden war.

Aus dem 300 D wurde der E 300 Diesel, aus dem 400 E der E 420 — letzteres, weil die Zahl nun tatsächlich den Hubraum abbilden sollte. Wer nachschlägt, findet allerdings zwei abweichende Angaben: Die deutsche Wikipedia datiert auf Mai 1993 und deutet das vorangestellte E als „Executive“. Diese Deutung steht in keiner der geprüften Werksquellen, sondern nur in der Sekundärliteratur, und sie ist damit eine Zuschreibung, keine Werksangabe. Trotzdem „hält sie sich hartnäckig.

Wo die Reihe anfängt, ist ebenfalls eine Setzung. Die Wikipedia zählt ab der Ponton von 1953, mbpassion.de und der Oldtimer-Ticker beginnen beim Typ 170 V von 1947. Mercedes selbst rechnete im Juni 2015 ab 1947 und kam auf „weltweit über 13 Millionen Limousinen und T-Modelle“. Ola Källenius sagte damals einen Satz, der die Sache einordnet.

Die E-Klasse ist das meistverkaufte Fahrzeug in der Geschichte von Mercedes-Benz.

Ola Källenius, 28. Juni 2015

Ponton, 1953: die halbe Revolution

Mercedes-Benz Ponton-Limousine W 120 in Seitenansicht
Die Ponton brach mit den aufgesetzten Kotflügeln der Vorkriegszeit — und trug ihren Motor trotzdem auf einem eigenen Hilfsrahmen. Foto: Berthold Werner, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Der Ponton wird gern als erster selbsttragender Personenwagen von Mercedes-Benz geführt, und das stimmt nur zur Hälfte. Das Werksarchiv beschreibt die Konstruktion genauer: Die Karosserie war fest mit einer Rahmenkonstruktion verschweißt, Motor und Vorderachse aber saßen auf einem eigenen Träger aus zwei zusammengeschweißten Pressstahlteilen. Selbsttragend mit angeschraubtem Vorderwagen — eine Zwitterlösung, die vor allem eines leistete: Sie machte den Motorausbau zu einer Sache von Stunden statt von Tagen.

Karl Wilfert, von 1929 bis 1974 bei Daimler-Benz und zuletzt Leiter der Karosserieentwicklung, wird als Gestalter genannt. Wilfert hatte schon Ende der dreißiger Jahre mit Béla Barényi an der gestaltfesten Fahrgastzelle gearbeitet; die Ponton ist das erste Serienauto, an dem man diese Denkschule in der Fläche sieht. 442.963 Fahrzeuge entstanden bis 1962, dazu 5.667 Sonderaufbauten von Binz und Miesen — Kombis, Krankenwagen, sogar Pick-ups.

Über die Hälfte dieser Sonderaufbauten entfiel auf den 180 D. Die Taxi-Geschichte der Baureihe beginnt also nicht beim W 123, wie meistens erzählt wird, sondern zwanzig Jahre früher. Bei einem Vierzylinder-Diesel mit 40 PS.

Heckflosse, 1961: Peilstege, offiziell

Mercedes-Benz W 110 mit den senkrechten Kanten am Heck
Mercedes nannte die Heckflossen „Peilstege“ und begründete sie mit dem Einparken. Der Zeitgeschmack kam in der Werkslesart nicht vor. Foto: Frank C. Müller, Baden-Baden, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der W 110 trägt den Spitznamen, gegen den sich das Werk gewehrt hat. Intern hießen die senkrechten Kanten am Heck „Peilstege“, und die Begründung war funktional: Sie sollten dem Fahrer beim Einparken das Wagenende markieren. Dass die Form dem amerikanischen Zeitgeschmack folgte, steht in keiner Werksmitteilung. Es ist eine Gestaltungsentscheidung mit nachgereichter Begründung — und ein frühes Beispiel dafür, wie Mercedes mit Moden umging, die es nicht selbst gesetzt hatte.

Technisch ist der W 110 interessanter, als sein Ruf vermuten lässt. Er kombinierte als erster Mercedes einen Dieselmotor mit Getriebeautomat, und sein Radstand unterschied sich nur um fünf Zentimeter von dem der Oberklasse W 111 — Baukastenprinzip, bevor das Wort in Mode kam. Vor allem aber brachte er die Sicherheitsfahrgastzelle nach Barényis Patent in die Mittelklasse, das Mercedes bereits am 23. Januar 1951 angemeldet hatte und das zuerst in der Oberklasse-Baureihe W 111 in Serie gegangen war. Bis Februar 1968 liefen 628.282 Fahrzeuge vom Band, und mit ihnen wurde eine Konstruktionsidee alltagstauglich, die vorher der teuersten Klasse vorbehalten war.

Strich-Acht, 1967: eine Achse, die nicht heißen durfte, wie sie war

Mercedes-Benz W 115 Limousine in Dreiviertelansicht
1.919.056 Fahrzeuge in neun Jahren: Der Strich-Acht war der erste Mercedes, der in Millionenstückzahlen dachte. Foto: Bene Riobó, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Hinten bekam der Strich-Acht eine Schräglenkerachse, und das war ein sauberer Bruch mit der alten Pendelachse. Verkauft wurde sie trotzdem als „Diagonal-Pendelachse“. Der Grund steht unverblümt in der deutschen Wikipedia: Man wollte die bisherigen Pendelachsen nicht als veraltete Konstruktion erscheinen lassen. Eine technische Verbesserung wurde sprachlich eingebremst, damit der Vorgänger auf dem Gebrauchtmarkt keinen Schaden nahm.

Auch die Baureihenspaltung ist ein Nachgedanke. Ursprünglich sollten Vier- und Sechszylinder unterschiedlich aussehen; dann entschied Mercedes, dass beide dieselbe Karosserie bekommen. Geblieben sind zwei interne Codes für ein Blechkleid: W 114 für die Sechszylinder, W 115 für alles darunter. Der 240 D 3.0 mit dem Fünfzylinder OM 617 war das erste Serien-Dieselfahrzeug, das knapp 150 km/h erreichte.

Und hier gehört die Rekordgeschichte hin, die fast immer dem falschen Auto zugeschrieben wird. Gregorios Sachinidis aus Thessaloniki fuhr einen Mercedes 240 D, Baujahr 1976, auf 4,6 Millionen Kilometer. Er hatte ihn 1981 mit rund 220.000 km übernommen und gab ihn im Juli 2004 ans Mercedes-Benz-Museum ab, gegen die Schlüssel eines neuen C 200 CDI. Elfmal wurden Motoren durchgetauscht, liegengeblieben ist er nach eigener Aussage nie. Das ist kein W 123. Das ist ein Strich-Acht.

Der meistzitierte Kilometerrekord der Marke gehört einem Auto, das in der Erzählung fast immer durch seinen Nachfolger ersetzt wird.

W 123, 1975: als ein Mercedes den Golf schlug

Mercedes-Benz W 123 Limousine von vorn
1980 war der W 123 mit 202.252 Zulassungen das meistzugelassene Auto Deutschlands — vor dem VW Golf. Das ist davor nicht vorgekommen und danach nie wieder. Foto: Alexander Migl, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Es gibt eine Zahl, die den W 123 besser beschreibt als jede Charakterisierung seiner Bauqualität: 1980 wurde er mit 202.252 Zulassungen Spitzenreiter der deutschen Statistik und verdrängte den VW Golf von Platz eins. Ein Wagen der oberen Mittelklasse als meistzugelassenes Auto der Bundesrepublik — das hat es vorher nicht gegeben, und seither ist es nicht wieder vorgekommen. Bis zum Produktionsende entstanden 2.696.915 Fahrzeuge, verteilt auf Limousine, Coupé, T-Modell, die achtsitzige Langversion und die Fahrgestelle, aus denen Kranken- und Bestattungswagen wurden.

Die Nachfrage überforderte das Werk. Wie sehr, ist strittig: Die deutsche Wikipedia nennt Lieferzeiten von bis zu drei Jahren, die englische spricht von neun bis zwölf Monaten. Das ist keine kleine Abweichung, sondern ein Faktor drei, und keine der beiden Quellen sagt, worauf sie sich beruft. Wer die Geschichte vom Gebrauchtwagen erzählt, der teurer war als der Neuwagen, erzählt übrigens etwas, wofür sich keine belastbare Quelle finden ließ.

Konstruktiv brachte der W 123 zwei Dinge zum ersten Mal: die Sicherheitslenksäule, deren Bauteile durch ein Wellrohr verbunden waren, das beim Aufprall gezielt knickte, statt die Säule in den Innenraum zu schieben, und den Turbodieselmotor in einem Mercedes-Personenwagen. Friedrich Geiger verantwortete die Form, Bruno Sacco übernahm 1975 die Designleitung — wobei Geiger schon im Dezember 1973 in den Ruhestand gegangen war. Was in den anderthalb Jahren dazwischen geschah, erklärt keine der geprüften Quellen.

Zehn Generationen nebeneinander. Wählen Sie einen Maßstab — Länge, Radstand, Gewicht, Leistung oder Stückzahl — und klicken Sie eine Zeile an. Dahinter stehen Maße, Menschen und das jeweils überraschendste belegte Detail. Am aufschlussreichsten ist der Wechsel zwischen „Länge“ und „Leergewicht“.

W 124, 1984: acht Jahre Vorlauf

Mercedes-Benz W 124 Limousine in Dreiviertelansicht
Die Entwicklung begann im Herbst 1976, das Programm startete offiziell im Juli 1977. Bis zum Produktionsbeginn vergingen acht Jahre. Foto: Chin Yu Chu, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der W 124 ist die Generation, die den Ruf der Baureihe geprägt hat, und sein Vorlauf erklärt einen Teil davon: Die Entwicklung begann im Herbst 1976, das Programm startete offiziell im Juli 1977, gebaut wurde ab Januar 1985. Acht Jahre für ein Mittelklasseauto sind auch für damalige Verhältnisse viel. Bruno Sacco, der die Form gemeinsam mit Joseph Gallitzendörfer und Peter Pfeiffer verantwortete, hat sein Prinzip einmal so zusammengefasst.

Ein Mercedes muss 30 Jahre aktuell bleiben und dabei trotzdem zeitlos wirken.

Bruno Sacco

Der schnellste W 124 wurde nicht bei Mercedes gebaut. Der 500 E entstand in Kooperation mit Porsche, wo die Umkonstruktionen für den Fünf-Liter-V8 aus dem SL vorgenommen wurden, und wurde im Porsche-Werk 1 in Zuffenhausen teilmontiert. Wer ihn 1991 haben wollte, zahlte mindestens 134.520 Mark und bekam dafür ein Auto, das sich von außen fast nur an den verbreiterten Kotflügeln vom Serienmodell unterschied. Für den E 500 waren 1994 dann 145.590 Mark fällig. Zusammen mit E 500 und E 60 AMG entstanden bis April 1995 genau 10.479 Fahrzeuge.

Die Zahl, die nicht stimmen kann

Bei den Stückzahlen wird es unangenehm. Die deutsche Wikipedia nennt eine Gesamtzahl von 2.583.470 — addiert man aber ihre eigenen Einzelwerte für Limousine, T-Modell, Coupé, Cabriolet, Langversion und Fahrgestelle, kommt man auf 2.737.925. Eine der beiden Zahlen derselben Seite ist falsch, und mbpassion.de stützt mit unabhängig genannten 2,737 Millionen die Summe, nicht die Gesamtangabe. Die englische Wikipedia wiederum nennt 2.721.817 und weicht beim T-Modell um 7.276 Fahrzeuge ab.

Das Werksarchiv liegt bei Limousine, Langversion und Fahrgestellen jeweils ein bis 28 Stück unter den Wikipedia-Werten, beim T-Modell aber exakt auf der deutschen Angabe. Wir nennen hier die Werkszahlen als Basis und die Abweichungen daneben, weil das ehrlicher ist als eine geglättete Zahl. Wer eine einzige Zahl braucht: rund 2,74 Millionen.

1993: was in den Lackbädern passierte

Im Lauf des Jahres 1993 stellten die Werke Sindelfingen und Bremen auf wasserbasierte Lacke um. Das war ökologisch geboten und technisch beherrschbar — wenn die Reinigungszyklen stimmten. Sie stimmten anfangs nicht. Weil die Tauchbäder zu lange zwischen den Reinigungen standen, verkeimten sie mit anaeroben Bakterien, in den Quellen namentlich genannt wird Burkholderia cepacia, und das Problem stellte sich jeweils ab der dritten Woche nach der Neubefüllung einer Anlage ein.

Karosserien, die in einem verkeimten Bad konserviert wurden, rosteten in den Folgejahren deutlich stärker. Das betrifft die späten W 124 ab 1993 — der als unverwüstlich geltende Vorgänger teilt das Problem seines Nachfolgers also in seinen letzten Baujahren. Und es betrifft den W 210 über seine gesamte Bauzeit.

Der entscheidende Punkt: Es gibt kein Baujahresfenster. Betroffen war chargenabhängig die gesamte Produktion — je nachdem, wann eine Karosserie durch das Bad lief.

W 210, 1995: der Rostfall

Mercedes-Benz W 210 mit den vier ovalen Scheinwerfern
Das Vier-Augen-Gesicht war vorbereitet: 1993 zeigte Mercedes in Genf eine Coupé-Studie, um das Publikum an die Form zu gewöhnen. Foto: Ethan Llamas, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Man muss dem W 210 zugutehalten, wie gut er war, bevor man beschreibt, woran er scheiterte. Sein cw-Wert von 0,27 galt als sensationell, das Werksarchiv nennt ihn genau so. Er brachte Sidebags als Weltpremiere im Segment, Regensensor und Xenonlicht, ab 1998 den E 220 CDI mit Common-Rail-Einspritzung. Das Vier-Augen-Gesicht bekam den Red Dot und prägte drei Generationen. Im Juli 1999 meldete das Werk nach vier Jahren Bauzeit rund eine Million verkaufter Exemplare.

Und dann rostete er. Die deutsche Wikipedia listet die betroffenen Stellen so detailliert auf, wie man es sonst nur in Werkstattunterlagen findet: Türkanten unter den Dichtungsgummis, Batteriefach unter der Rücksitzbank, Federbeindom und Stoßdämpferaufnahme vorn, Vorder- und Hinterachsträger, Blechkanten an Motorhaube und Kühler, Heckklappe an Scharnieren, Fensterrand und Bremslicht, der Bereich um das Kofferraumschloss, Unterboden, Innenkotflügelhalterungen, Stoßstangenhalterungen, Schweller und die Kotflügel unter den Scheinwerfern. Zwölf Zonen. Und das ist eine einzige Quelle.

Wie viele Fahrzeuge betroffen waren, weiß niemand genau. AUTO BILD schrieb, aus zwei Leserzuschriften seien 800 geworden und die Mercedes-Lackierer hätten im Akkord gearbeitet; Insider sprechen dort von etwa einem Drittel der Produktion. Bei 1.653.437 gebauten Fahrzeugen wären das gut 550.000 Autos — aber „Insider sprechen von“ ist keine Zahl, sondern eine Schätzung aus dem Journalismus. Belegt ist die Kulanz: Mercedes reparierte je nach Zustand in der Regel bis zum achten Fahrzeugjahr.

Wer heute einen W 210 kauft, kauft eine Lotterie mit bekannten Losen. Die Konservierung eines gesunden Exemplars ist die einzige Maßnahme, die wirklich hilft; wer Hohlräume und Falzkanten regelmäßig behandelt, verschiebt das Problem um Jahre. Entsprechende Pflege- und Konservierungsmittel gibt es im Fachhandel — sie ersetzen keine Schweißarbeit, verhindern aber, dass welche nötig wird.

Die mit * gekennzeichneten Links sind Partnerlinks. Kaufen Sie darüber, erhalte ich eine Provision; für Sie bleibt der Preis derselbe.

73 Prüfpunkte, nach Schwere sortiert. Wählen Sie eine Generation. Was oben steht, kostet am meisten. Jeder Punkt nennt die Stelle, die betroffenen Baujahre und einen Satz dazu, was Sie bei der Besichtigung tatsächlich anfassen sollten. Zum Abhaken beim Termin.

W 211, 2002: die Bremse, die zu früh kam

Mercedes-Benz W 211 Limousine
Die größte Neuerung des W 211 war vier Jahre später aus der Großserie verschwunden. Foto: Dinkun Chen, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die spektakulärste Neuerung des W 211 wurde sein größtes Problem. Sensotronic Brake Control, gemeinsam von Daimler und Bosch entwickelt, ersetzte die hydraulische Verbindung zwischen Pedal und Bremse durch eine elektronische. Das Werksarchiv bewarb sie als Beitrag zu „maximum safety“. Verbaut wurde sie von 2003 bis zur Modellpflege im Juni 2006, danach war sie aus der Großserie verschwunden.

Dazwischen liegen zwei Rückrufe, und die Zahlen dazu muss man auseinanderhalten, weil sie sich auf verschiedene Grundgesamtheiten beziehen. Im Mai 2004 ging es um 680.000 Fahrzeuge weltweit mit SBC, im März 2005 um 1,3 Millionen. Die deutsche Wikipedia datiert dieselben Aktionen auf Juni 2004 und April 2005 und nennt für Deutschland 200.000 E-Klassen der Baujahre 2002 bis 2005. Das sind keine widersprüchlichen Zählungen. Es sind verschiedene Ausschnitte desselben Vorgangs.

Bemerkenswert ist, wie Mercedes die Sache abgeschlossen hat: Seit August 2018 gilt für die SBC-Einheit eine erweiterte Garantie von 25 Jahren ab ursprünglichem Garantiebeginn, ohne Kilometerbegrenzung. Ein Hersteller, der für ein Bauteil ein Vierteljahrhundert geradesteht, hat aufgehört, es verteidigen zu wollen.

Ein Befund, der gegen die Erwartung geht: Für die verbreitete Annahme, die frühen W 211 hätten das Rostproblem des Vorgängers geerbt, ließ sich keine belastbare Quelle finden. Weder die deutsche Wikipedia noch die geprüften Kaufberatungen nennen für die Baureihe 211 systematische Rostzonen. Nach Aktenlage ist der W 211 deutlich weniger gefährdet als sein Vorgänger. Falls Sie das anders erlebt haben: Schreiben Sie mir, ich nehme es auf.

W 212 und W 213: die Generationen ohne Zahlen

Mercedes-Benz W 212 Limousine
492 Kilogramm wiegt die Rohkarosserie des W 212, ihre Torsionssteifigkeit beträgt 29.920 Newtonmeter pro Grad. Beide Werte stehen selten irgendwo. Foto: Dinkun Chen, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Für den W 212 und den W 213 nennt keine zugängliche Quelle eine Produktionsstückzahl — weder die Wikipedia in beiden Sprachen noch das Werksarchiv, dessen entsprechende Seite mit einem Zugriffsfehler antwortet. Das ist bemerkenswert: Für einen Fünfzigerjahre-Ponton lassen sich die Modellvarianten einzeln aufschlüsseln, für ein Auto von 2009 nicht. Der einzige belegte Absatzwert stammt aus dem Jahr 2014, in dem 257.571 E-Klassen verkauft wurden. Eine Gesamtzahl gibt es nicht.

Zwei Zahlen dafür, die man sonst nirgends findet: Die Rohkarosserie des W 212 wiegt 492 Kilogramm, ihre Torsionssteifigkeit liegt bei 29.920 Newtonmetern pro Grad. Das ist knapp eine halbe Tonne für das nackte Blech — und ein Wert, an dem sich der Fortschritt im Karosseriebau ehrlicher ablesen lässt als an PS-Angaben. Nur nennt sie niemand.

Mercedes-Benz W 213 Limousine
84 einzeln ansteuerbare Leuchtdioden im Multibeam-Scheinwerfer des W 213 — gegenüber 24 im Vorgänger. Foto: Dinkun Chen, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der W 213 brachte den Sprung im Licht: 84 einzeln ansteuerbare Leuchtdioden je Scheinwerfer gegenüber 24 im Vorgänger, also mehr als die dreifache Auflösung des Lichtkegels innerhalb einer Generation. Dazu ein Spurhalteassistent bis 200 km/h und ein Lenkassistent, der Fahrbahnmarkierungen bis 140 km/h las. Beim cw-Wert widersprechen sich die Quellen: Die deutsche Wikipedia nennt 0,26, die englische 0,23. Die 0,23 gehören zum Nachfolger — hier hat die Quelle zwei Generationen vermischt.

W 214, 2023: 0,23

Mercedes-Benz W 214 Limousine
cw 0,23: der aerodynamisch beste Wagen der Ahnenreihe. Die Verbesserung gegenüber dem W 124 beträgt rund zwanzig Prozent. Foto: Alexander-93, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der aktuelle W 214 ist der windschlüpfrigste Wagen der Reihe: cw 0,23 für die Limousine, 0,26 für das T-Modell. Die Ahnenreihe dahinter liest sich als stetige Arbeit an einem einzigen Wert: W 124 zwischen 0,29 und 0,30, W 210 0,27, W 211 0,26, W 212 0,25, W 213 0,26. Rund zwanzig Prozent Verbesserung über vier Jahrzehnte — mit einer Delle beim W 213, die keine Quelle erklärt.

Ein Detail aus der Personalliste sagt mehr über diese Generation als jedes Ausstattungsmerkmal: Beim W 214 ist erstmals ein eigener Lichtdesigner namentlich dokumentiert, Torben Ewe, neben Gorden Wagener als Designdirektor und Bastian Baudy für die Skizze. Licht ist in dieser Generation eine eigene gestalterische Disziplin geworden, keine Zulieferfrage mehr.

87 Motoren, von M 136 bis M 254. Geben Sie einen Kennbuchstaben ein, eine Baureihe wie OM 606, einen Hubraum oder eine Leistung. Sie können zusätzlich nach Antriebsart und Generation filtern. Den Kennbuchstaben Ihres Wagens finden Sie im Fahrzeugschein unter Ziffer 10, in neuen Papieren im Feld P.5.

Was die Zahlen zeigen, wenn man sie nebeneinanderlegt

In siebzig Jahren ist die E-Klasse um zehn Prozent länger geworden: von 4.500 Millimetern bei der Ponton auf 4.949 beim W 214. Der Radstand wuchs um zwölf Prozent, die Breite um acht. Das sind bescheidene Werte für sieben Jahrzehnte, und sie widersprechen dem Eindruck, den viele beim Blick auf einen aktuellen Parkplatz haben.

Beim Gewicht sieht es anders aus. Die Ponton wog leer 1.150 Kilogramm, der W 214 beginnt bei 1.810 — ein Zuwachs von 57 Prozent, also rund fünfmal so viel wie beim Längenmaß, und in diesen 660 Kilogramm stecken Knautschzonen, Airbags, Dämmung, Klimaanlage, elektrisch verstellbare Sitze, Assistenzsysteme und beim Plug-in-Hybrid ein Akku von 25,4 Kilowattstunden. Der Wagen ist nicht größer geworden, er ist voller geworden.

Generation Länge Leergewicht ab Stärkster Motor
W 120 (1953) 4.500 mm 1.150 kg 80 PS
W 123 (1975) 4.725 mm 1.390 kg 185 PS
W 124 (1984) 4.755 mm 1.390 kg 381 PS
W 210 (1995) 4.818 mm 1.440 kg 354 PS
W 212 (2009) 4.868 mm 1.540 kg 585 PS
W 214 (2023) 4.949 mm 1.810 kg 612 PS

Die Leistungsspanne ist der eigentliche Bruch: Vom stärksten Ponton mit 80 PS zum AMG E 53 mit 612 PS Systemleistung liegt der Faktor 7,7. Beim Gewicht liegt er bei 1,6, bei der Länge bei 1,1. Autos sind in siebzig Jahren vor allem stärker geworden, ein wenig schwerer und kaum größer. Wer die passende Reifendimension zu diesen Gewichten sucht, wird schnell merken, wie sehr auch die mitgewachsen ist — ein W 124 fuhr auf 185/65 R15, aktuelle Ausführungen tragen bis zu 20 Zoll. Passende Dimensionen finden Sie im Handel über die Schlüsselnummern Ihres Fahrzeugscheins.

Die Taxifrage: was belegt ist und was nicht

Jeder kennt den Satz, dass jedes zweite deutsche Taxi ein W 123 gewesen sei. Er ließ sich in keiner der geprüften Quellen belegen. Es gibt keine zugängliche Prozentzahl für den Taxi-Anteil am Absatz des W 123, und auch die oft zitierte Aussage, 500.000 Kilometer seien normal gewesen, steht in der englischen Wikipedia ohne eigene Quelle. Was belegt ist: Das Werksarchiv schreibt, die Langversionen seien überwiegend von Taxi- und Mietwagenunternehmen im Transferverkehr eingesetzt worden.

Belegt ist auch der Einzelfall, und der ist bemerkenswert genug. Ein Mercedes 240 D in der Langversion V 123, Baujahr 1986, gefahren auf Gran Canaria seit dem 30. August 1988, stand Ende 2023 bei über sieben Millionen Kilometern: rund 700 Kilometer am Tag, 52 Ölwechsel im Jahr, nach jeder Million eine Motorrevision. Es ist erst der zweite Motor in diesem Wagen.

Die Gegenwart daneben ist ernüchternd. Mercedes’ Anteil an den deutschen Taxi-Neuzulassungen lag 2022 noch bei 45 Prozent und fiel im ersten Halbjahr 2025 auf acht, und von der E-Klasse wurden im gesamten Jahr 2025 genau 72 Fahrzeuge als Taxi neu zugelassen — von jenem Modell, dessen Vorgänger den deutschen Taxistand jahrzehntelang geprägt haben. Im ersten Halbjahr 2026 ging es wieder auf 18 Prozent und 126 Fahrzeuge hinauf, während Volkswagen inzwischen mehr als die Hälfte des Marktes stellt — eines Marktes, der selbst auf 1.600 Neuzulassungen im Halbjahr geschrumpft ist.

Zwei Erzählungen, eine Baureihe

Die E-Klasse trägt zwei Geschichten mit sich herum, die einander ausschließen und trotzdem beide stimmen. Die eine handelt von einem Taxi auf Gran Canaria mit sieben Millionen Kilometern und einem Strich-Acht, der 4,6 Millionen schaffte. Die andere handelt von zwölf Rostzonen, 800 Leserzuschriften und einer Lackieranlage, in der Bakterien wuchsen.

Beide gehören zur selben Marke. Zwischen ihnen liegen zwei Generationen. Was sie zusammenhält, ist keine Qualitätsphilosophie, sondern eine sehr gewöhnliche Einsicht: Ein Auto ist so gut wie der schlechteste Prozess, durch den es gelaufen ist. Beim W 123 war das die Konstruktion, beim W 210 die dritte Woche nach dem Befüllen eines Tauchbads.

Wenn Sie einen dieser Wagen fahren oder gefahren haben — besonders einen frühen W 211, zu dem die Quellenlage dünn ist: Ich würde gern hören, was Ihre Karosserie dazu sagt.

Weiterlesen

Quellen

Alle Online-Quellen abgerufen am 5. September 2026. Angaben aus Kaufberatungs- und Werkstattportalen sind als solche gekennzeichnet; sie sind keine Werks- oder Prüforganisationsdaten.

  1. Mercedes-Benz Public Archive: „Ponton Mercedes“, four-cylinder models (W 120, W 121), 1953–1959. mercedes-benz-publicarchive.com
  2. Mercedes-Benz Public Archive: 123 series saloons, 1975–1985. mercedes-benz-publicarchive.com
  3. Mercedes-Benz Public Archive: 124 series E-Class Saloons, 1993–1995. mercedes-benz-publicarchive.com
  4. Mercedes-Benz Public Archive: 124 series E-Class Estates, 1993–1996. mercedes-benz-publicarchive.com
  5. Mercedes-Benz Public Archive: 210 series E-Class Saloons, 1995–1999. mercedes-benz-publicarchive.com
  6. Mercedes-Benz Public Archive: 211 series E-Class Saloons, 2002–2006. mercedes-benz-publicarchive.com
  7. Mercedes-Benz Public Archive: 211 series E-Class Estates, 2006–2009. mercedes-benz-publicarchive.com
  8. Wikipedia: Mercedes-Benz W 120. de.wikipedia.org
  9. Wikipedia: Mercedes-Benz W 121. de.wikipedia.org
  10. Wikipedia: Mercedes-Benz W 110. de.wikipedia.org
  11. Wikipedia: Mercedes-Benz /8. de.wikipedia.org
  12. Wikipedia: Mercedes-Benz Baureihe 123. de.wikipedia.org
  13. Wikipedia: Mercedes-Benz Baureihe 124. de.wikipedia.org
  14. Wikipedia: Mercedes-Benz Baureihe 210. de.wikipedia.org
  15. Wikipedia: Mercedes-Benz Baureihe 211. de.wikipedia.org
  16. Wikipedia: Mercedes-Benz Baureihe 212. de.wikipedia.org
  17. Wikipedia: Mercedes-Benz Baureihe 213. de.wikipedia.org
  18. Wikipedia: Mercedes-Benz Baureihe 214. de.wikipedia.org
  19. Wikipedia (englisch): Mercedes-Benz W123. en.wikipedia.org
  20. Wikipedia (englisch): Mercedes-Benz W124. en.wikipedia.org
  21. Wikipedia (englisch): Mercedes-Benz E-Class (W210). en.wikipedia.org
  22. Wikipedia (englisch): Sensotronic Brake Control. en.wikipedia.org
  23. Wikipedia (englisch): Mercedes-Benz E-Class (W212). en.wikipedia.org
  24. Wikipedia (englisch): Mercedes-Benz E-Class (W214). en.wikipedia.org
  25. Wikipedia (englisch): Bruno Sacco. en.wikipedia.org
  26. Wikipedia: Karl Wilfert (Konstrukteur). de.wikipedia.org
  27. auto motor und sport: Auto-Legende Mercedes Strich-Acht W114/115. www.auto-motor-und-sport.de
  28. auto motor und sport: Mercedes findet zurück zum Taxi (Daten: Dataforce, Handelsblatt). www.auto-motor-und-sport.de
  29. AUTO BILD: Mercedes E-Klasse W 210 – Gebrauchtwagentest. www.autobild.de
  30. AUTO BILD: Mercedes W 123 – Taxi mit sieben Millionen Kilometern. www.autobild.de
  31. Autokiste: Der Kilometer-Rekordler – Strich-Acht mit 4,6 Millionen Kilometern. www.autokiste.de
  32. AUTO ZEITUNG: Mercedes W 210 – die Revolution des Vier-Augen-Gesichts. www.autozeitung.de
  33. autohaus.de: Vor 75 Jahren – Barényi-Karosseriepatent. www.autohaus.de
  34. MBpassion: Die Historie der Mercedes-Benz E-Klasse. mbpassion.de
  35. Mercedes-Fans: W 110, die kleine Heckflosse (1961–68). www.mercedes-fans.de
  36. Mercedes-Seite (Wiedergabe einer Daimler-Mitteilung vom 28.06.2015): 13 Millionen E-Klassen. www.mercedes-seite.de
  37. Kurth Classics: Kaufberatung Mercedes W 124 (Werkstattquelle). kurth-classics.de
  38. TrabHan: Typische Roststellen beim Mercedes W 124 (Kaufberatung). www.trabhan.com
  39. Oldtimer-4you: Mercedes W 123 Kaufberatung (Kaufberatung). oldtimer-4you.de
  40. Gebrauchtwagenberater: Mercedes E-Klasse W 211 (Kaufberatung). gebrauchtwagenberater.de
  41. Gebrauchtwagenberater: Mercedes E-Klasse W 212 (Kaufberatung). gebrauchtwagenberater.de
  42. Gebrauchtwagenberater: Mercedes E-Klasse W 213 (Kaufberatung). gebrauchtwagenberater.de
  43. Carwiki: Mercedes OM 651 – Probleme und Haltbarkeit (Ratgeberportal). carwiki.de
  44. Kraftfahrt-Bundesamt: Der Fahrzeugbestand am 1. Januar 2025. www.kba.de

Bernd Mischke schreibt in Bernies Garage über Autotechnik, Design und die Menschen dahinter. Hinweise, Korrekturen und Widerspruch gehen an bernd [at] bernies-garage [punkt] com.

Sie haben einen dieser Wagen?

Besonders gesucht: Erfahrungen mit frühen W 211 — rostet er oder nicht? Die Quellenlage gibt es nicht her, Ihre Karosserie schon.

Werkstattpost

Einmal im Monat ein Brief aus der Garage: neue Artikel, Fundstücke aus der Recherche, gelegentlich eine Frage an Sie.

Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

×