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Wofür AMG steht – und zehn Dinge, die kaum jemand über die Firma weiß

Über AMG weiß man ungefähr so viel: schnelle Mercedes, viel Leistung, teuer. Was fast niemand weiß, ist, dass die Firma als Feierabendprojekt zweier Angestellter begann, dass ihr berühmtestes Auto als Prüfstand für Flugzeugreifen endete, und dass in Affalterbach eine Zeit lang Motoren für Mitsubishi entstanden.

Zehn Dinge, die in keiner Werbebroschüre stehen.

Die Firma in elf Jahreszahlen

  1. 1965Manfred Schiek gewinnt zehn Rennen mit dem von Aufrecht und Melcher überarbeiteten 300 SE. Die Firma gibt es noch nicht.
  2. 1966Aufrecht verlässt Daimler-Benz und überzeugt Melcher mitzukommen.
  3. 1967Gründung des Ingenieurbüros. Werkstatt: eine umgebaute Mühle in Burgstall.
  4. 1971Spa-Francorchamps: Klassensieg und Gesamtrang zwei mit der Roten Sau.
  5. 1976Umzug nach Affalterbach mit rund einem Dutzend Mitarbeitern.
  6. 1986„The Hammer“ – ein W124 mit 5,6-Liter-V8, knapp 300 km/h.
  7. 1987Der Debonair V 3000 Royal AMG für Mitsubishi, nur für Japan.
  8. 1990Kooperationsvertrag mit Daimler-Benz.
  9. 1993C 36 AMG – das erste gemeinsam entwickelte Serienauto.
  10. 1998Daimler übernimmt 51 Prozent der Anteile.
  11. 2005AMG wird hundertprozentige Tochter.

Die drei Buchstaben sind zwei Nachnamen und ein Dorf

AMG steht für Aufrecht, Melcher, Großaspach. Hans Werner Aufrecht und Erhard Melcher sind die beiden Gründer. Großaspach ist Aufrechts Geburtsort im Rems-Murr-Kreis, ein Dorf mit wenigen tausend Einwohnern.

Das ist der ganze Zauber: keine Abkürzung für „Aggregatebau Motorentechnik“ oder ähnliches, sondern zwei Familiennamen und eine Ortsangabe. Die Firma hieß bei der Gründung 1967 vollständig „Aufrecht Melcher Großaspach Ingenieurbüro, Konstruktion und Versuch zur Entwicklung von Rennmotoren“.

Die Firma entstand, weil Daimler den Rennsport strich

Aufrecht und Melcher waren Ingenieure in der Entwicklungsabteilung von Daimler-Benz und arbeiteten dort am Rennmotor des 300 SE. Als der Konzern seine Motorsportaktivitäten einstellte, war das Projekt erledigt – für den Arbeitgeber.

Die beiden machten in Aufrechts Wohnhaus in Großaspach weiter. Feierabends, in der eigenen Werkstatt, am selben Motor. Aufrecht verließ Daimler-Benz Ende 1966 und überzeugte Melcher, mitzukommen.

Der erste große Erfolg kam zwei Jahre vor der Firma

1965, als AMG noch gar nicht existierte, gewann ihr früherer Kollege Manfred Schiek mit dem von den beiden überarbeiteten 300 SE zehn Rennen in der Deutschen Rundstrecken-Meisterschaft. Der Ruf war also da, bevor es die Firma gab. Das erklärt, warum zwei Angestellte den Absprung überhaupt wagten.

Die erste Werkstatt war eine Mühle

1967 zog das junge Ingenieurbüro in eine umgebaute Mühle im benachbarten Burgstall. Nicht Sinnbild, sondern Adresse: ein altes Mühlengebäude, in dem Rennmotoren montiert wurden.

Erst 1976, mit etwa einem Dutzend Mitarbeitern, ging es nach Affalterbach – rund zwanzig Kilometer vom Mercedes-Stammsitz entfernt. Dort sitzt AMG bis heute.

Roter Mercedes-Benz 300 SEL 6,8 AMG Rennwagen in Seitenansicht
Der 300 SEL 6,8 AMG – hier der Nachbau, den AMG 2006 nach Originalunterlagen anfertigte. Foto: Jiří Sedláček, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die Rote Sau war eine Zweitonnen-Limousine mit 428 PS

1971 trat AMG beim 24-Stunden-Rennen von Spa-Francorchamps mit einem 300 SEL an. Der Serienmotor mit 6,3 Litern war auf 6.835 Kubikzentimeter aufgebohrt worden: 428 PS bei 5.500 Umdrehungen, 608 Newtonmeter, 265 km/h Spitze – bei 1.635 Kilogramm Leergewicht.

Gegen die leichten Ford Capri RS und BMW 2800 CS war das eine absurde Konstellation. Das Ergebnis: Klassensieg und Platz zwei in der Gesamtwertung. Der Spitzname kam vom feuerroten Lack.

Auf 6,8 Liter aufgebohrter V8-Motor im Motorraum
6.835 Kubikzentimeter, 428 PS, 608 Newtonmeter. Foto: Jiří Sedláček, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Und sie endete als Prüfstand für Flugzeugreifen

Nach ein paar weiteren Einsätzen verkaufte AMG den Wagen an den französischen Konzern Matra. Dort wurde er zum Hochgeschwindigkeits-Testfahrzeug für Flugzeugreifen umgebaut. Danach verliert sich die Spur.

Das Auto, das heute auf Oldtimerveranstaltungen steht und fotografiert wird, ist ein Nachbau: 2006 von Mercedes-AMG nach Originalunterlagen gefertigt. Die echte Rote Sau ist verschollen.

AMG hat Mitsubishis veredelt

Das ist der Punkt, an dem die meisten Gespräche kippen. In den achtziger Jahren arbeitete AMG mit Mitsubishi zusammen. Herausgekommen sind zwei Modelle ausschließlich für den japanischen Markt: der Debonair V 3000 Royal AMG ab 1987, gut dreihundert Stück, und der Galant AMG von 1989 bis 1993 in 1.395 Exemplaren.

Kein Mercedes-Stern, kein deutscher Vertrieb. Wer heute einen sucht, sucht in Japan.

Dunkler Mercedes-Benz W124 mit AMG-Umbau in Dreiviertelansicht
Die Baureihe W124 – Grundlage für den Wagen, den man in Amerika nur „The Hammer“ nannte. Foto: Charles, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

„The Hammer“ war 1986 die schnellste Limousine der Welt

AMG nahm einen W124, die brave Mittelklasse-Limousine, und baute einen 5,6-Liter-V8 mit vier Ventilen pro Zylinder ein. Ohne Abregelung lief das Auto rund 298 km/h.

Der Name stammt nicht aus Affalterbach, sondern von der amerikanischen Presse. Was Autotester damals am meisten beeindruckte, war nicht die Spitze, sondern der Zwischenspurt: zwischen 100 und 190 km/h zog das Ding einem Lamborghini Countach davon. In einer Limousine mit Kindersitzbefestigung.

Jeder Motor hat eine Unterschrift

„Ein Mann, ein Motor“ ist kein Werbespruch, sondern eine Fertigungsvorschrift: Ein einzelner Monteur baut einen Motor komplett allein zusammen und schraubt am Ende eine Plakette mit seiner Unterschrift darauf. Rund fünfzig Menschen in Affalterbach machen nichts anderes.

Für die Modelle mit den Kennungen 35, 43 und 53 gilt das nicht – deren Motoren laufen über die normale Fertigung. Wer also Wert auf die Plakette legt, muss beim Kaufen aufs Typenschild schauen.

Zwölfzylindermotor von AMG im Motorraum eines Pagani Zonda F
AMG-V12 mit 7,3 Litern im Pagani Zonda F. Foto: LSDSL, CC BY-SA 2.0 DE, via Wikimedia Commons

In jedem Pagani steckt Affalterbach

Horacio Paganis Manufaktur in Modena baut Karosserie, Fahrwerk und Interieur selbst. Die Motoren kommen von AMG – beim Zonda, beim Huayra und beim Utopia. Beim Zonda F waren es 7,3 Liter Hubraum und zwölf Zylinder.

Ein italienischer Supersportwagen, dessen Herz aus einem schwäbischen Dorf kommt, ist eine der schöneren Volten der Branche.

Daimler hat sich fast dreißig Jahre Zeit gelassen

Zwischen der Gründung 1967 und der vollständigen Übernahme liegen achtunddreißig Jahre. 1990 wurde ein Kooperationsvertrag geschlossen, 1993 kam mit dem C 36 AMG das erste gemeinsam entwickelte Serienauto. Erst 1998 übernahm Daimler 51 Prozent der Anteile von Aufrecht, und erst im Januar 2005 wurde AMG eine hundertprozentige Tochter.

Bis dahin war das, was heute als hauseigene Sportabteilung gilt, ein eigenständiger Zulieferer, der auch für andere arbeiten konnte – siehe Mitsubishi.

Zwei Angestellte bauen abends im Wohnhaus an einem Motor weiter, den ihr Arbeitgeber aufgegeben hat.

Großaspach, Mitte der sechziger Jahre

Was daraus zu lernen ist

Die Firmengeschichte von AMG ist keine Geschichte über Leistung. Sie ist eine Geschichte über Hartnäckigkeit an der falschen Stelle: Zwei Leute machen nach Feierabend weiter, weil sie die Sache nicht loslässt. Der Rest – Spa, der Hammer, Affalterbach, Pagani – folgt daraus.

Was in den Prospekten steht, ist der Schluss der Geschichte. Der Anfang stand in einer Mühle.

Weiterlesen

Wie eine Firma aus dem Allgäu einen ähnlichen Weg ging: ALPINA. Und wie Allradantrieb den Rallyesport umbaute: Michèle Mouton und der Audi quattro.

Quellen

  1. Mercedes-AMG: Die Geschichte – Gründung, Schiek 1965, Mühle in Burgstall, Umzug 1976
  2. Wikipedia: Mercedes-AMG – Namensherkunft, Mitsubishi-Modelle mit Stückzahlen, Beteiligungen 1998 und 2005
  3. Wikipedia: Mercedes-AMG (englisch) – „Hammer“, Ein Mann ein Motor, Motoren für Pagani
  4. Walter-Magazin – technische Daten der Roten Sau, Verkauf an Matra, Nachbau 2006
Bernd Mischke

Über den Autor

Bernd Mischke, Jahrgang 1975. Gelernter Mechaniker, heute Simultandolmetscher für Englisch und Trainer für Automotive-Themen – auf dem Shopfloor und weltweit. Schreibt hier über das, was zwischen Prospekttext und Stammtisch liegt. Mehr über mich

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