Zum Inhalt springen
Bernies Garage > Design > Das Design des BMW E32: Der Italiener, der den Siebener zeichnete

Das Design des BMW E32: Der Italiener, der den Siebener zeichnete

Der BMW E32 sieht aus, als hätte ihn niemand entworfen. Keine Kante sucht Aufmerksamkeit, keine Sicke erklärt sich selbst. Das ist keine Nachlässigkeit, sondern das Ergebnis von sieben Jahren Arbeit und der Entscheidung, eine Oberklasselimousine nicht über Gesten zu definieren.

Gezeichnet hat sie ein Italiener, der zuvor Sportwagen für Zagato entworfen hatte und den außerhalb der Branche fast niemand kennt.

BMW 750i der Baureihe E32 in dunkler Lackierung, Seitenansicht
BMW 750i (E32). Foto: BMW Group Classic

Der Mann aus Busto Arsizio

Ercole Spada, Jahrgang 1937, wurde bei Zagato in Mailand innerhalb weniger Jahre Chefdesigner. Zwischen 1960 und 1969 entstanden dort unter seiner Verantwortung Fahrzeuge wie der Alfa Romeo Junior Zagato, der Alfa 2600 SZ und der Lancia Fulvia Sport – dazu Einzelstücke für Aston Martin und Bristol.

Ercole Spada und weitere Mitarbeiter von Zagato neben dem Prototyp Lancia Flavia Super Sport, 1967
Zagato, Mai 1967: der Prototyp Lancia Flavia Super Sport, dahinter von links Edy Gambel, Mantegna, Elio Zagato, Gianni Zagato und rechts außen Chefdesigner Ercole Spada. Foto: unbekannt, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Nach sieben Jahren bei Ghia, wo er für den Ford-Konzern arbeitete, wechselte er 1976 nach München. Dort blieb er bis 1983 und zeichnete unter Designchef Claus Luthe zwei Baureihen, die das Bild von BMW bis weit in die neunziger Jahre bestimmten: den Fünfer E28 und den Siebener E32.

Spada gilt bis heute als einer der unbekanntesten Designer Europas. Das liegt nicht an der Qualität seiner Arbeit, sondern daran, dass er nie Wert darauf legte, sie zu erklären.

Was der Entwurf leisten musste

Die Vorgabe war unbequem. Der Vorgänger E23 galt als kantig und im Vergleich zur Stuttgarter Konkurrenz als zu wenig repräsentativ. Gleichzeitig durfte ein BMW nicht aussehen wie ein Mercedes. Und drittens musste die Karosserie einen Luftwiderstand erreichen, der 1986 als Oberklassewert überhaupt erst definiert werden musste.

Das Ergebnis: ein Luftwiderstandsbeiwert von 0,32 bei 2,1 Quadratmetern Querschnittsfläche. Zum Vergleich: Der E23 lag deutlich darüber, und auch die direkte Konkurrenz aus Stuttgart erreichte diese Werte erst eine Modellgeneration später.

Die endgültige Form stand 1983 fest. Die Designpatente wurden im Oktober 1984 eingereicht, fast zwei Jahre vor der Markteinführung.

Drei Entscheidungen, die den Wagen ausmachen

Die flache Niere. Bei den Vorgängern stand sie aufrecht und deutlich hervor. Spada legte sie flach und integrierte sie in die Frontpartie, statt sie darauf zu setzen. Der Wagen wirkt dadurch breiter und niedriger, als er ist. Beim Zwölfzylinder fiel die Niere zusätzlich breiter aus – das einzige äußere Erkennungsmerkmal des 750i, neben den eckigen Endrohren.

Frontpartie des BMW 750iL E32 mit flach integrierter Niere
Die flach integrierte Niere des 750iL. Foto: Damian B Oh, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die bündige Verglasung. Die Scheiben schließen weitgehend flächenbündig mit der Karosserie ab. Das war 1986 aufwendig in der Fertigung und ist der Hauptgrund für den niedrigen cW-Wert. Es hat außerdem einen akustischen Effekt: Weniger Kanten im Luftstrom bedeuten weniger Windgeräusch – die Grundlage dafür, dass der Innenraum als besonders ruhig galt. Wer wollte, bekam zusätzlich Isolier-Doppelverglasung.

Die durchgehende Schulterlinie. Sie läuft ohne Unterbrechung vom vorderen Kotflügel bis zum Heck und teilt die Flanke in zwei ruhige Flächen. Genau hier liegt der Unterschied zu fast allen Konkurrenten der Zeit, die ihre Flanken mit Sicken und Zierleisten gliederten.

Warum viele den E38 für den schöneren halten

BMW 750iL der Baureihe E32 in reiner Seitenansicht
BMW 750iL (E32), 1989. Foto: Damian B Oh, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der Nachfolger von 1994 gilt in Sammlerkreisen als der elegantere Siebener, und das ist nachvollziehbar: Er ist gefälliger proportioniert und wirkt weniger streng.

Der E32 ist der radikalere Entwurf. Er verzichtet auf jede Anbiederung und wirkt deshalb heute, vierzig Jahre später, moderner als sein Nachfolger. Das ist der Vorteil von Zurückhaltung: Sie altert langsamer als Eleganz.

Was davon geblieben ist

Die flach integrierte Niere, die bündige Verglasung und die ununterbrochene Schulterlinie wurden zum Standardrepertoire der Oberklasse. Was 1986 aufwendig und ungewöhnlich war, ist heute Voraussetzung.

Spada ging 1983 nach Turin und leitete das Design am I.DE.A Institute. Luthe blieb bis 1990. Die technische Seite derselben Baureihe – der erste deutsche Nachkriegs-Zwölfzylinder, das Xenonlicht als Weltpremiere und der heimliche Sechzehnzylinder im Kofferraum – steht in unserem Beitrag über den BMW E32.

Und wer wissen will, in welcher Gesellschaft Spada arbeitete, findet die Namen in unserer Übersicht der zehn wichtigsten Autodesigner.


Angaben zu Luftwiderstandsbeiwert, Querschnittsfläche, Designfreigabe und Patentanmeldung nach Wikipedia. Biografische Angaben zu Ercole Spada ebenda.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

×