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Bremsflüssigkeit: warum sie ein Verfallsdatum hat

Es gibt einen Moment, in dem man begreift, was Bremsflüssigkeit ist. Man fährt einen Pass hinunter, bremst, bremst wieder, bremst noch einmal – und beim vierten Mal geht das Pedal weiter durch als vorher. Beim fünften Mal noch weiter. Und dann steht man mit dem Fuß auf einem Pedal, das sich anfühlt wie ein Schwamm.

Das ist kein Defekt. Die Bremse ist in Ordnung, die Beläge sind da, die Leitungen sind dicht. Was fehlt, ist eine Flüssigkeit, die nicht kocht.

Bremsflüssigkeit ist das einzige Betriebsmittel im Auto, das man wechseln muss, obwohl es nicht verbraucht wird und nicht verschmutzt. Sie geht kaputt, weil sie ihre Aufgabe erfüllt – und zwar von dem Moment an, in dem sie in Kontakt mit Luft kommt.

Warum überhaupt eine Flüssigkeit

Kurz zum Prinzip, weil daraus alles Weitere folgt.

Wenn Sie aufs Pedal treten, drücken Sie einen Kolben im Hauptbremszylinder. Der Druck geht durch Leitungen zu den Bremssätteln und presst dort die Kolben gegen die Beläge. Das funktioniert nur unter einer einzigen Bedingung: Die Flüssigkeit darf sich nicht zusammendrücken lassen.

Flüssigkeiten sind praktisch inkompressibel – deshalb funktioniert die Hydraulik. Gase sind es nicht. Und genau da liegt das Problem: Kocht die Bremsflüssigkeit irgendwo im System, entstehen Dampfblasen. Unter 20 bar Druck schrumpft ein Gasvolumen auf etwa ein Zwanzigstel zusammen – Ihr Pedalweg verschwindet also in der Kompression der Blase, statt Kraft an die Beläge zu geben.

Das ist die Dampfblasenbildung, im Englischen anschaulicher vapour lock. Sie kommt nicht schleichend, sondern genau dann, wenn die Bremse heiß ist. Also genau dann, wenn man sie braucht.

Der Konstruktionsfehler, der keiner ist

Jetzt die Eigenschaft, die alles erklärt: Bremsflüssigkeit ist hygroskopisch. Sie zieht Wasser aus der Luft.

Der erste Reflex ist, das für eine Schwäche zu halten. Es ist das Gegenteil. Wasser kommt ins Bremssystem so oder so – durch die Belüftung des Ausgleichsbehälters, durch die Poren der Gummischläuche, durch jedes Öffnen des Deckels. Eine Flüssigkeit, die kein Wasser aufnimmt, lässt es sich an der tiefsten und heißesten Stelle sammeln: im Bremssattel. Dort ergibt das erst Korrosion und dann, beim ersten harten Bremsen, eine Dampfblase aus reinem Wasser bei 100 Grad.

Eine hygroskopische Flüssigkeit verteilt das Wasser stattdessen im ganzen System. Kein Tröpfchen, keine Pfütze, kein lokaler Rostherd. Der Preis dafür ist, dass die Flüssigkeit als Ganzes altert.

Und zwar messbar: Die Wasseraufnahme liegt im Schnitt bei 1 bis 2 Prozent pro Jahr. Nach zwei Jahren stecken typischerweise 3 bis 4 Prozent Wasser in der Flüssigkeit.

Das klingt nach nichts. Es ist der Unterschied zwischen einer funktionierenden und einer versagenden Bremse.

Was die Zahlen auf der Dose bedeuten

Auf jeder Dose stehen zwei Siedepunkte, und beide muss man kennen.

Der Trockensiedepunkt gilt für fabrikneue Flüssigkeit. Der Nasssiedepunkt gilt für Flüssigkeit mit rund 3,5 bis 3,7 Prozent Wassergehalt – also für den Zustand am Ende ihrer Lebensdauer. Die Norm definiert genau diesen Punkt, weil dort gewechselt werden muss.

Klasse Trockensiedepunkt Nasssiedepunkt Basis
DOT 3 mind. 205 °C mind. 140 °C Glykolether
DOT 4 mind. 230 °C mind. 155 °C Glykolether mit Borsäureestern
DOT 5.1 mind. 260 °C mind. 180 °C Glykolether
DOT 5 mind. 260 °C mind. 180 °C Silikon – nicht mischbar

Das sind Mindestwerte. Gute DOT-4-Produkte liegen trocken deutlich über 230 Grad; für Sportanwendungen gibt es Flüssigkeiten mit über 300 Grad Trockensiedepunkt.

Rechnen Sie einmal nach, was mit DOT 4 passiert: von mindestens 230 Grad neu auf mindestens 155 Grad nass. Das sind rund 75 Grad oder fast ein Drittel der thermischen Reserve, verloren an ein paar Prozent Wasser.

240220200180160140 0 %1 %2 %3 %4 % SIEDEPUNKT IN °C WASSERGEHALT DER BREMSFLÜSSIGKEIT 230 °C – fabrikneu 155 °C – Nasssiedepunkt in Ordnung bald wechseln sofort wechseln nach 1 Jahr nach 2 Jahren

Schematischer Verlauf für DOT 4: von mindestens 230 °C fabrikneu auf mindestens 155 °C bei 3,5 Prozent Wassergehalt. Die Grenzwerte 180 °C und 155 °C sind die üblichen Bewertungsstufen der Siedepunktmessung. Die Kurve zwischen den beiden Normpunkten ist eine Darstellung des Prinzips, keine Messreihe.

Und ja, 155 Grad erreicht eine Bremse. Eine Scheibe wird auf einer langen Bergabfahrt mehrere hundert Grad heiß; die Wärme wandert über Sattel und Kolben in die Flüssigkeit. Auf der Ebene passiert das nie – im Gebirge und am Anhänger schon.

DOT 5 ist nicht DOT 4 plus eins

Der häufigste Irrtum an der Theke, und er kann teuer werden.

DOT 3, DOT 4 und DOT 5.1 sind alle auf Glykolbasis und untereinander mischbar. Wer DOT 5.1 in ein DOT-4-System kippt, macht nichts falsch – die Zahl steigt, die Chemie bleibt.

DOT 5 ist etwas völlig anderes. Es ist eine Silikonflüssigkeit, und sie darf mit keiner der anderen gemischt werden. Die Nummerierung ist schlicht unglücklich gewählt.

Silikon hat einen echten Vorteil: Es ist nicht hygroskopisch und greift keinen Lack an. Deshalb taucht es in der Oldtimerszene regelmäßig als Wunderlösung auf, besonders bei Fahrzeugen, die mehr stehen als fahren.

Die Kehrseite ist die Umkehrung von Kapitel 2: Weil Silikon kein Wasser bindet, sammelt sich eintretendes Wasser als freie Phase am tiefsten Punkt. Dazu neigt Silikon stärker zur Aufnahme von Luft, was einen weicheren Pedaldruckpunkt gibt.

Und für moderne Fahrzeuge gilt schlicht: Silikonflüssigkeit gehört nicht in ein ABS-System. Wer umstellen will, muss das System vollständig spülen und alle Gummiteile prüfen – ein Restbestand alter Flüssigkeit im Sattel reicht, um Ärger zu machen.

Mein Rat, und er ist unspektakulär: Nehmen Sie das, was der Hersteller vorschreibt. Bei praktisch jedem Youngtimer ist das DOT 4.

Die zwei Jahre – Regel oder Masche?

„Alle zwei Jahre“ steht in jedem Serviceheft, und die Frage kommt bei jedem Werkstattbesuch: Muss das wirklich sein?

Die ehrliche Antwort hat zwei Teile.

Erstens: Die zwei Jahre sind keine Erfindung des Vertriebs, sondern folgen direkt aus der Aufnahmerate. Bei 1 bis 2 Prozent pro Jahr ist man nach zwei Jahren bei 3 bis 4 Prozent – also genau bei dem Wassergehalt, für den der Nasssiedepunkt definiert ist. Der ADAC empfiehlt den Wechsel spätestens alle zwei Jahre und nennt als Versagensszenario ausdrücklich die lange Bergabfahrt.

Zweitens, und das ist der Punkt, den man in der Werkstatt ansprechen sollte: Man muss nicht raten. Der Siedepunkt lässt sich messen, und zwar in unter fünf Minuten. Ein Prüfgerät erhitzt eine kleine Probe direkt im Ausgleichsbehälter und zeigt an, wann sie kocht.

Die übliche Bewertung sieht so aus:

  1. Über 180 °C – in Ordnung, kein Handlungsbedarf.
  2. 155 bis 180 °C – Wechsel bei nächster Gelegenheit einplanen.
  3. Unter 155 °C – sofort wechseln.

Damit lässt sich die Frage sachlich klären: Ein Fahrzeug, das trocken in einer Garage steht und wenig bewegt wird, kann nach zwei Jahren noch gute Werte haben. Ein Auto, das draußen steht, dessen Behälterdeckel altert und das viel im Regen fährt, kann früher unter die Grenze rutschen.

Das Alter ist die Faustregel. Der Messwert ist die Wahrheit.

Was in der Praxis schiefgeht

Vier Dinge, die in Werkstätten und Garagen immer wieder vorkommen:

Die angebrochene Dose. Bremsflüssigkeit zieht Wasser aus der Luft – auch in der Dose im Regal. Eine vor einem Jahr geöffnete Flasche ist keine frische Flüssigkeit mehr. Für den Wechsel gehört eine ungeöffnete Packung genommen, und der Rest wird nicht aufgehoben.

Nur nachfüllen statt wechseln. Sinkt der Pegel im Behälter, liegt das in aller Regel nicht an Verlust, sondern am Belagverschleiß: Die Kolben stehen weiter draußen, das Volumen im Sattel wächst. Wer stur nachfüllt, hat beim nächsten Belagwechsel einen überlaufenden Behälter – und die alte Flüssigkeit immer noch drin.

Der Lack. Glykolbasierte Bremsflüssigkeit greift Lack an, und zwar schnell. Ein Tropfen auf dem Kotflügel gehört sofort mit viel Wasser abgespült, nicht abgewischt.

Das ABS-Aggregat. Bei modernen Fahrzeugen ist der teure Teil nicht der Sattel, sondern das Hydroaggregat. Alte, wasserhaltige Flüssigkeit korrodiert dort feine Ventile, bis sie klemmen. Ein Aggregat kostet ein Vielfaches eines Flüssigkeitswechsels – das ist die betriebswirtschaftliche Version desselben Arguments.

Das Fazit in drei Sätzen

Bremsflüssigkeit zieht Wasser, weil das die bessere von zwei schlechten Möglichkeiten ist. Das Wasser senkt den Siedepunkt, und der Siedepunkt entscheidet, ob die Bremse bei Hitze noch Druck überträgt oder nur noch Dampf komprimiert.

Zwei Jahre sind die Faustregel, fünf Minuten am Prüfgerät sind die Gewissheit.

Und wenn Sie ein Auto haben, das selten bewegt wird und dann im Sommer über einen Pass soll: Machen Sie den Wechsel vorher, nicht danach.

Weiterlesen

Über den Mann, der dem Auto beibrachte, an den richtigen Stellen nachzugeben: Béla Barényi und die Knautschzone. Und über Diagnose ohne teures Werkzeug: Fehler auslesen per Blinkcode.

Quellen

  1. Wikipedia: Bremsflüssigkeit – Siedepunktgrenzen der DOT-Klassen, Definition des Nasssiedepunkts bei rund 3,7 Prozent Wassergehalt, Kompression von Dampf unter Druck, Unverträglichkeit von DOT 5 mit glykolbasierten Flüssigkeiten.
  2. Kfz Dietrich: Bremsflüssigkeit wechseln – die Physik dahinter – Wasseraufnahme von 1 bis 2 Prozent pro Jahr, 3 bis 4 Prozent nach zwei Jahren, der Verlust von fast einem Drittel der thermischen Belastbarkeit, die Bewertungsstufen 180 °C und 155 °C, Messdauer unter fünf Minuten.
  3. t-online: Was der ADAC zum Bremsflüssigkeitswechsel sagt – Empfehlung „spätestens alle zwei Jahre“, Versagensszenario lange Bergabfahrt, Warnung vor dem Wechsel in Eigenregie.
  4. Mein Autolexikon: Bremsflüssigkeit – Tabelle der Siedepunkte und Viskositätsanforderungen, Wassergehalt von 3,5 Prozent als Wechselgrenze.
  5. Actronics: Bremsflüssigkeit und das ABS-System – warum alte Flüssigkeit ABS-Hydroaggregate verklemmt, Eignung der Typen für ABS-Fahrzeuge, Wechselintervall für DOT 3 und DOT 4.
Bernd Mischke

Über den Autor

Bernd Mischke, Jahrgang 1975. Gelernter Mechaniker, heute Simultandolmetscher für Englisch und Trainer für Automotive-Themen – auf dem Shopfloor und weltweit. Schreibt hier über das, was zwischen Prospekttext und Stammtisch liegt. Mehr über mich

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