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Fahrwerk abstimmen: Entwicklung, Rennsport und die Achsvermessung am normalen Pkw

Ein Fahrwerk hat drei Aufgaben, die einander widersprechen. Es soll das Auto von der Fahrbahn entkoppeln, damit die Insassen nicht durchgeschüttelt werden. Es soll das Rad gleichzeitig fest an die Fahrbahn drücken, damit es lenken, bremsen und antreiben kann. Und es soll dem Fahrer verständlich mitteilen, was gerade passiert.

Jede Fahrwerksabstimmung ist eine Entscheidung darüber, welche dieser Aufgaben an welcher Stelle Vorrang bekommt. Es gibt kein „richtiges“ Fahrwerk, es gibt nur eines, das zu einem definierten Zweck passt.

Dieser Artikel geht den ganzen Weg: die Winkel und was sie tun, die Bauarten und was sie können, wie in der Serienentwicklung und wie im Rennsport abgestimmt wird — und was passiert, wenn an einem gewöhnlichen Pkw falsch vermessen oder falsch eingestellt wird. Der letzte Teil ist der praktisch wichtigste, weil er die meisten Leser betrifft.

Der Zielkonflikt, den man nicht auflösen kann

Physikalisch stehen sich zwei Größen im Weg: Aufbaukomfort und Radlastschwankung.

Weich abgestimmt bleibt der Aufbau ruhig, das Rad folgt der Fahrbahn aber träge und hebt bei Unebenheiten zeitweise ab. Hart abgestimmt folgt das Rad der Fahrbahn genauer, überträgt aber jede Fuge in den Aufbau. Die Radlast — also die Kraft, mit der der Reifen auf die Straße gedrückt wird — schwankt in beiden Extremen stärker als in der Mitte.

Und Radlastschwankung ist das, was am Ende zählt: Ein Reifen überträgt Kraft ungefähr proportional zur Radlast, aber nicht ganz — bei doppelter Last kann er weniger als das Doppelte übertragen. Deshalb verliert eine Achse, deren Radlasten stark ungleich schwanken, unter dem Strich Seitenführung. Genau dieser Effekt ist später der Schlüssel zur gesamten Balance-Abstimmung.

Ein gutes Fahrwerk ist also nicht das härteste und nicht das weichste, sondern das, bei dem der Reifen am gleichmäßigsten belastet bleibt — bei der Federung, die zum Einsatzzweck passt.

Sturz und Spur: die beiden Winkel, die jeder kennt

Sturz ist die Neigung der Radebene gegenüber der Senkrechten, gesehen von vorn. Neigt sich das Rad oben nach innen, ist der Sturz negativ; neigt es sich oben nach außen, ist er positiv.

Sturz und SpurVorderansichtbeide Male dasselbe Rad, Fahrzeugmitte rechtsnegativer Sturzoben nach innenpositiver Sturzoben nach außenSturzNeigung der Radebene gegen die SenkrechteDraufsichtFahrtrichtungABSpurA kleiner als B = Vorspur, A größer als B = NachspurNegativer Sturz hält das kurvenäußere Rad aufrecht. Vorspur beruhigt, Nachspur schärft.
Sturz in der Vorderansicht, Spur in der Draufsicht. Schema: Bernies Garage. Nicht maßstäblich.

Negativer Sturz ist kein Selbstzweck. Er ist eine Vorhaltung: In der Kurve wälzt sich der Aufbau nach außen, gleichzeitig verformen sich Gummilager und Reifenflanke. Das kurvenäußere Rad stellt sich dadurch aufrecht bis positiv. Wer im Stand ein wenig negativen Sturz einstellt, sorgt dafür, dass das Rad genau dann senkrecht steht, wenn die Seitenkraft wirkt — und die Lauffläche mit voller Breite trägt.

Das erklärt auch den Preis: Zu viel negativer Sturz bedeutet geradeaus eine schmalere tragende Fläche, mehr Verschleiß an der Reifeninnenschulter und schlechteres Bremsen in der Geraden.

Spur ist die Stellung der Räder in der Draufsicht. Zeigen die Räder vorn zueinander, ist das Vorspur; zeigen sie auseinander, ist es Nachspur. Angegeben wird sie entweder als Winkel je Rad oder als Längendifferenz zwischen vorderem und hinterem Radabstand.

Die Wirkung ist eine Stabilitätsfrage: Vorspur macht den Geradeauslauf ruhiger und das Einlenken träger, Nachspur macht das Einlenken spitzer und den Geradeauslauf nervöser. Beides erzeugt permanenten Schräglauf, also permanente Reibung — und damit Verschleiß und Verbrauch, sobald man es übertreibt.

Wichtig ist dabei: Spur ist an der Hinterachse mindestens so wichtig wie vorn. Ein Spurfehler hinten lenkt das Auto mit, ohne dass der Fahrer etwas tut.

Spur: Millimeter in GradKapitel 2

δ=arctan(vD)

Werkstattprotokolle geben die Spur meist in Grad und Winkelminuten an, Einstellanleitungen oft in Millimeter. Umgerechnet wird über den Felgendurchmesser: Auf einer 17-Zoll-Felge entspricht ein Millimeter Spurmaß etwa acht Winkelminuten. Wer die Bezugsgröße nicht kennt, vergleicht Zahlen, die nichts miteinander zu tun haben.

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Nachlauf, Spreizung, Lenkrollhalbmesser

Diese drei beschreiben die Lenkachse — jene gedachte Linie, um die sich das Rad beim Lenken dreht. Bei einem McPherson-Federbein verläuft sie durch das obere Stützlager und das untere Traggelenk.

Nachlauf, Spreizung und LenkrollhalbmesserSeitenansichtFahrtrichtung nach linksVorderansichtFahrzeugmitte rechtsNachlaufwinkelNachlaufstreckeDie Lenkachse trifft den Boden vor dem Radaufstandspunkt.SpreizungLenkachseLenkrollhalbmesserPositiv: Der Schnittpunkt liegt innerhalb der Radmitte.
Nachlauf in der Seitenansicht, Spreizung und Lenkrollhalbmesser in der Vorderansicht. Schema: Bernies Garage. Nicht maßstäblich.

Nachlauf. In der Seitenansicht ist die Lenkachse nach hinten geneigt. Der Nachlaufwinkel beschreibt diese Neigung, die Nachlaufstrecke den Abstand zwischen dem Durchstoßpunkt der Lenkachse auf der Fahrbahn und dem Radaufstandspunkt. Der Effekt ist derselbe wie bei einer Möbelrolle: Das Rad läuft dem Aufhängepunkt hinterher und richtet sich beim Rollen von selbst gerade. Nachlauf erzeugt außerdem beim Einlenken zusätzlichen negativen Sturz am kurvenäußeren Rad — er arbeitet also der Wankneigung entgegen.

Spreizung. In der Vorderansicht ist die Lenkachse oben nach innen geneigt. Beim Einschlagen wird die Fahrzeugfront dadurch geringfügig angehoben. Das Fahrzeuggewicht will zurück nach unten — und drückt die Räder in die Geradeausstellung. Das ist die zweite Rückstellquelle neben dem Nachlauf, und sie wirkt auch im Stand.

Lenkrollhalbmesser. Das ist der Abstand zwischen dem Durchstoßpunkt der Lenkachse und der Radmittelebene, gemessen auf Fahrbahnhöhe. Er ist der Hebelarm, mit dem Kräfte am Radaufstandspunkt auf die Lenkung wirken:

Lenkrollhalbmesser Verhalten beim ungleichen Bremsen
positiv Das Fahrzeug zieht zur besser haftenden Seite; der Fahrer muss gegenlenken.
null Bremskräfte erzeugen kein Moment in der Lenkung, dafür steigen die Lenkkräfte im Stand.
negativ Die Bremskraft schlägt das Rad zur schwächer gebremsten Seite ein und wirkt dem Giermoment entgegen — das Fahrzeug stabilisiert sich selbst.

Der negative Lenkrollhalbmesser ist eine der wenigen Fahrwerksgrößen mit einer eigenen Marketinggeschichte. Als erstes Serienfahrzeug hatte ihn der Oldsmobile Toronado von 1965; bekannt gemacht hat ihn der Audi 80 von 1972, der ihn als „spurstabilisierend“ bewarb. Er ist die technische Voraussetzung dafür, dass eine Zweikreisbremsanlage diagonal aufgeteilt werden kann — bei Ausfall eines Kreises bremsen dann ein Vorder- und das gegenüberliegende Hinterrad, und das Auto bleibt trotzdem beherrschbar.

Zwei weitere Größen tauchen im Messprotokoll auf: der Spurdifferenzwinkel — der Unterschied im Einschlag zwischen kurveninnerem und kurvenäußerem Vorderrad — und die Ackermann-Bedingung, nach der die Senkrechten aller vier Räder sich in einem Punkt schneiden sollen, damit die Räder in der Kurve möglichst schlupffrei abrollen. Beides ist nicht einstellbar; weicht es ab, ist die Lenkung verbogen.

Nachlaufstrecke aus dem NachlaufwinkelKapitel 3

n=r·tanτe

Der Winkel allein sagt wenig. Spürbar ist die Strecke: Sie erzeugt beim Einlenken das rückstellende Moment und den Geradeauslauf. Zwei Autos mit demselben Nachlaufwinkel können sich völlig verschieden anfühlen, wenn Reifenhalbmesser oder Versatz nicht gleich sind.

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Ackermann-BedingungKapitel 3

cotδacotδi=sl

Nur wenn sich die Senkrechten aller vier Räder in einem Punkt treffen, rollt beim Rangieren jedes Rad schlupffrei ab. Reale Lenktrapeze erfüllen die Bedingung nur bei kleinen Winkeln – im Grenzbereich weicht man bewusst davon ab, weil das kurveninnere Rad dort ohnehin kaum noch Last trägt.

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Die Fahrachse: warum die Hinterachse zuerst gemessen wird

Das ist der Punkt, an dem Werkstätten am häufigsten falsch abbiegen.

Die geometrische Fahrachse ist die Winkelhalbierende der Hinterachsspur. Sie ist die Richtung, in die das Fahrzeug tatsächlich läuft. Die Vorderachse wird nicht auf die Fahrzeuglängsachse eingestellt, sondern auf diese Fahrachse.

Steht die Hinterachse schief, passiert Folgendes: Das Auto läuft leicht schräg zur Karosserie — der sogenannte Hundegang. Um trotzdem geradeaus zu fahren, steht das Lenkrad schief. Stellt nun jemand die Vorderachsspur nach, bis das Lenkrad wieder gerade steht, ist das Symptom kurzfristig weg, der Fehler aber verschlimmert: Jetzt laufen beide Achsen schräg.

Deshalb gilt die Reihenfolge: erst hinten messen, hinten korrigieren, wenn möglich — dann vorn. Bei vielen Verbundlenkerachsen ist hinten nichts einstellbar; dann ist der Befund eine Aussage über verbogene Bauteile, nicht der Ausgangspunkt für eine Kompensation an der Vorderachse.

Die Bauarten und was sie können

Die Radaufhängung bestimmt, welche Abstimmung überhaupt möglich ist. Wer das Werkzeug nicht hat, kann es nicht benutzen.

Drei Bauarten im Schemarot: Gelenke und Lager – grau: AufbauMcPherson-FederbeinDoppelquerlenkerVerbundlenker (Draufsicht)Federbein führt das Rad mitKinematik frei wählbarQuerprofilFahrtrichtung nach obenQuerprofil wirkt als StabilisatorFederbeinQuerlenker
Federbein, Doppelquerlenker und Verbundlenker – drei Bauarten mit drei unterschiedlichen Kompromissen. Schema: Bernies Garage. Nicht maßstäblich.
Bauart Prinzip Stärken Grenzen
Starrachse beide Räder über einen starren Körper verbunden robust, unempfindlich gegen Zuladung, konstanter Sturz zur Achse hohe ungefederte Masse, ein Rad beeinflusst das andere
Verbundlenkerachse zwei Längslenker, verbunden durch einen tordierenden Querträger billig, kompakt, leicht, Stabilisatorwirkung eingebaut Kinematik weitgehend festgelegt, meist nicht einstellbar
McPherson-Federbein Federbein als oberes Führungselement plus unterer Querlenker wenig Bauraum, kostengünstig, große Federwege begrenzter Sturzaufbau beim Einfedern, Reibung im Federbein
Doppelquerlenkerachse zwei übereinanderliegende Querlenker Sturzverlauf und Rollzentrum frei wählbar Bauraum, Gewicht, Kosten
Mehrlenker- oder Raumlenkerachse vier bis fünf einzelne Lenker Längs- und Querelastizität getrennt einstellbar, beste Elastokinematik teuer, komplex, empfindlich gegen verschlissene Lager

Der praktische Unterschied für den Besitzer: An einer Mehrlenkerachse ist meist alles einstellbar und entsprechend viel falsch einstellbar. An einer Verbundlenkerachse gibt es nichts einzustellen — dort ist eine Abweichung im Protokoll immer ein Schaden.

Eine McPherson-Vorderachse in Bewegung: Federbein, unterer Querlenker, Radträger und Bremse. Die Beschriftungen im Original sind englisch – MacPherson strut ist das Federbein, steering knuckle der Radträger. Video: Atharv Chandel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Kinematik: was beim Einfedern passiert

Die Winkel aus Kapitel 2 gelten nur in einem einzigen Zustand: dem, in dem gemessen wurde. Sobald das Rad einfedert, ändern sie sich. Diese Änderung — die Kinematik — ist der eigentliche Gegenstand der Fahrwerksentwicklung.

Komplette Mehrlenker-Hinterachse mit Hilfsrahmen, Federn und Radtraegern
Je mehr Lenker, desto freier lässt sich zeichnen, wie sich Sturz und Spur über dem Federweg ändern. Der Preis sind Bauraum, Gewicht und Kosten. Foto: TTTNIS, CC0, via Wikimedia Commons

Vier Verläufe sind entscheidend:

  • Sturzänderung über dem Federweg. Idealerweise wird das Rad beim Einfedern negativer, damit es bei Wanken aufrecht bleibt. Wie stark das gelingt, ist der Hauptunterschied zwischen McPherson und Doppelquerlenker.
  • Spurweitenänderung. Wandert der Radaufstandspunkt beim Einfedern seitlich, radiert der Reifen quer über die Fahrbahn. Das kostet Grip und erzeugt Geräusch.
  • Spuränderung über dem Federweg — im Fachjargon Bump Steer. Lenkt sich das Rad beim Einfedern selbst, zieht das Auto über jede Bodenwelle. Ziel ist ein Verlauf nahe null; ein häufiger Nebeneffekt schlecht ausgeführter Tieferlegungen ist genau hier ein Fehler.
  • Rollzentrum. Der geometrische Punkt, um den sich der Aufbau bei Querbeschleunigung wälzt. Seine Höhe bestimmt, wie sich die Radlastverlagerung an der Achse zwischen Federung und Kinematik aufteilt.

Das erklärt, warum Tieferlegen kein Abstimmen ist. Wer ein Auto um vierzig Millimeter tieferlegt, verschiebt sämtliche dieser Verläufe in einen Bereich, für den sie nicht ausgelegt wurden. Ein billiges Gewindefahrwerk macht das Auto härter, nicht besser.

Interaktiv: Ziehen Sie das Rad durch den Federweg und vergleichen Sie Doppelquerlenker und Federbein. Rechenmodell und Zeichnung: Bernies Garage. Vereinfachte ebene Kinematik, nicht maßstäblich.

Elastokinematik: der eigentliche Trick

Bis hierher war alles starr gedacht. In Wirklichkeit ist keine Radaufhängung starr: Sie hängt in Gummilagern, und Gummi verformt sich unter Kraft. Genau diese Verformung wird in der Entwicklung nicht bekämpft, sondern ausgelegt.

Die Elastokinematik beschreibt, wie sich Sturz und Spur unter Kräften ändern — nicht über dem Federweg, sondern über der Brems-, Antriebs- und Seitenkraft. Erreicht wird das über die gezielte Steifigkeitsverteilung der Gummilager: längs weich für den Abrollkomfort, quer steif für die Seitenführung.

Drei klassische Auslegungsziele:

  • Vorspur unter Bremskraft. Die Hinterachse soll beim Bremsen in Vorspur gehen, nicht in Nachspur — Nachspur hinten beim Bremsen ist der direkte Weg in ein instabiles Heck.
  • Untersteuerndes Eigenlenken. Die Hinterachse soll unter Seitenkraft leicht in Richtung Kurvenaußen mitlenken, damit das Fahrzeug seiner eigenen Übersteuertendenz entgegenwirkt.
  • Lastwechselverhalten. Geht der Fahrer in der Kurve vom Gas, kippt die Lastverteilung nach vorn und die Hinterachse wird leicht. Eine gut abgestimmte Hinterachse fängt das über die Elastokinematik ab.

Das bekannteste Beispiel dafür trägt einen Ortsnamen: die Weissach-Achse des Porsche 928 von 1977. Sie war so ausgelegt, dass das kurvenäußere Hinterrad beim Lastwechsel in Vorspur gezwungen wird, statt — wie bei einfachen Schräglenkerachsen — in Nachspur zu geraten und das Heck herumzuwerfen. Passiv, ohne Elektronik, allein über Lenkeranordnung und Lagersteifigkeit.

Für den Besitzer eines gebrauchten Autos folgt daraus etwas Unangenehmes: Ausgeschlagene Gummilager zerstören die Abstimmung vollständig, ohne dass ein einziger Winkel im Messprotokoll auffällig sein muss. Im Stand steht alles korrekt — unter Kraft macht das Rad, was es will.

Federn: was sie tun und was nicht

Die Feder trägt das Fahrzeug und bestimmt die Höhe. Sie bestimmt nicht, wie schnell sich der Aufbau bewegt — das ist Aufgabe des Dämpfers.

Schraubenfeder und Laengslenker im Radkasten einer Hinterachse
Die Feder bestimmt die Höhe und die Eigenfrequenz des Aufbaus – und sonst zunächst nichts. Foto: Mike Peel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die maßgebliche Größe ist die Federrate in Newton je Millimeter. Aus Federrate und anteiliger Aufbaumasse ergibt sich die Aufbaueigenfrequenz — die Frequenz, mit der der Wagenkasten nach einer Anregung schwingen möchte. Sie ist der eigentliche Charakterwert einer Abstimmung: Komfortfahrzeuge liegen tief, sportliche Fahrzeuge höher, Rennfahrzeuge mit Abtrieb sehr viel höher, weil dort die Aerodynamik eine annähernd konstante Fahrzeughöhe verlangt.

Zwei Bauformen sind zu unterscheiden. Eine lineare Feder hat über den ganzen Weg dieselbe Rate. Eine progressive Feder wird mit zunehmendem Weg härter — sie erlaubt weiches Ansprechen bei kleinen Unebenheiten und trotzdem Reserve gegen Durchschlagen. Denselben Zweck erfüllen die oft belächelten Zusatzfedern aus Zellkautschuk auf der Kolbenstange: Sie sind kein Anschlagpuffer, sondern ein progressives Federelement, das in der Auslegung mitgerechnet wird. Wer sie beim Tieferlegen einfach abschneidet, entfernt einen Teil der Federkennlinie.

Ein Citroën BX geht von der höchsten in die tiefste Stellung. Was hier die Hydropneumatik in einer halben Minute vorführt, entscheidet die Feder an jedem anderen Auto ein für alle Mal: wie hoch der Aufbau über der Fahrbahn steht. Video: LimoWreck, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

AufbaueigenfrequenzKapitel 8

f=1·cm

Diese eine Zahl entscheidet darüber, ob ein Auto komfortabel oder straff wirkt. Limousinen liegen vorn bei etwa 1,0 bis 1,3 Hertz, sportliche Fahrwerke bei 1,5 bis 2,0, Rennwagen deutlich darüber. Unter 0,9 Hertz beginnt der Aufbau zu schaukeln, über 2 Hertz wird jede Querfuge zur Meldung. Höherlegen, Tieferlegen, andere Federn – alles läuft am Ende auf diese Formel hinaus.

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Von der Feder zum RadKapitel 8

cRad=cFeder·i2

Der Grund, warum man Federraten aus dem Katalog nicht vergleichen kann: Sitzt die Feder auf halber Lenkerlänge, kommt am Rad nur ein Viertel der Rate an. Das Quadrat entsteht, weil sich sowohl der Weg als auch die Kraft übersetzen. Beim Federbein liegt i nahe bei eins, beim Doppelquerlenker mit tief angesetzter Feder deutlich darunter.

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Der Stabilisator: der stärkste Hebel für die Balance

Der Stabilisator ist eine Drehstabfeder, die die beiden Räder einer Achse verbindet. Federn beide Räder gleich ein, tut er nichts. Federn sie ungleich ein — also beim Wanken —, verdreht er sich und erzeugt ein Moment.

Stabilisatorschenkel und Koppelstange an einer Vorderachse, farbig hervorgehoben
Stabilisator (gelb) und Koppelstange (rot): ein dünner Stab, der die Radlastverteilung zwischen links und rechts sofort verändert. Foto: Hans Haase, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons. Farbliche Hervorhebung im Original.

Damit erhöht er die Wanksteifigkeit genau dieser Achse, ohne die Federrate für gleichseitiges Einfedern zu verändern. Und hier schließt sich der Kreis zu Kapitel 1:

Eine steifere Achse nimmt einen größeren Anteil der gesamten Radlastverlagerung auf. Weil der Reifen bei hoher Last unterproportional mehr Kraft überträgt, verliert die Achse mit der größeren Lastverlagerung unter dem Strich Seitenführung. Daraus folgt die zentrale Regel der Balance-Abstimmung:

Maßnahme Wirkung auf die Balance
Vorderer Stabilisator härter mehr Untersteuern
Vorderer Stabilisator weicher weniger Untersteuern
Hinterer Stabilisator härter mehr Übersteuern
Hinterer Stabilisator weicher weniger Übersteuern

Dieselbe Logik gilt für Federraten und, mit anderer Zeitkonstante, für Dämpfer. Der Stabilisator ist nur deshalb das bevorzugte Werkzeug, weil er sich verstellen lässt, ohne den Komfort auf gerader Strecke anzutasten.

Drehsteifigkeit des StabilisatorsKapitel 9

ct=π·G·d432·L

Hier steckt der Grund, warum am Stabilisator so wenig verändert werden muss, um viel zu bewirken: Der Durchmesser geht in der vierten Potenz ein. Ein Stabilisator, der von 22 auf 24 Millimeter wächst, wird nicht neun Prozent steifer, sondern 42 Prozent. Deshalb ist er das schärfste Werkzeug für die Balance – und deshalb geht man in Zwei-Millimeter-Schritten vor und nicht in Fünfer-Sprüngen.

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Radlastverlagerung in der KurveKapitel 9

ΔF=m·ay·hs

Die entscheidende Erkenntnis dieser Formel ist, was nicht darin vorkommt: keine Federrate, kein Stabilisator, kein Dämpfer. Die gesamte Radlastverlagerung hängt nur an Masse, Schwerpunkthöhe und Spurweite. Das Fahrwerk bestimmt allein, wie sie sich zwischen Vorder- und Hinterachse aufteilt – und genau daraus entsteht Balance. Wer mehr Grip an beiden Enden will, muss den Schwerpunkt senken oder die Spur verbreitern.

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Interaktiv: Verstellen Sie die beiden Stabilisatoren und beobachten Sie Wankwinkel, Radlasten und Balance. Rechenmodell und Zeichnung: Bernies Garage. Vereinfachtes Wankmodell.

Dämpfer: der am meisten unterschätzte Teil

Der Dämpfer erzeugt keine Kraft aus dem Weg, sondern aus der Geschwindigkeit. Das ist der Grund, warum man ihn nicht durch Draufdrücken prüfen kann.

Feder-Daempfer-Einheit mit Gewindefahrwerk im Radhaus eines Sportwagens
Feder und Dämpfer teilen sich eine Achse, aber nicht die Aufgabe: Die Feder trägt, der Dämpfer bestimmt, wie schnell die Last umverteilt wird. Foto: Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Zwei Richtungen sind zu unterscheiden. Die Druckstufe wirkt beim Einfedern, also wenn das Rad über ein Hindernis läuft; sie bestimmt, wie viel davon im Aufbau ankommt. Die Zugstufe wirkt beim Ausfedern; sie bestimmt, wie schnell die Feder den Aufbau zurückschiebt und wie sauber das Rad der Fahrbahn nach unten folgt.

Innerhalb beider Richtungen unterscheidet man nach Kolbengeschwindigkeit:

  • Low Speed — langsame Bewegungen, wie sie beim Wanken, Nicken und Einlenken entstehen. Hier wird die Fahrzeughaltung abgestimmt.
  • High Speed — schnelle Bewegungen über scharfe Kanten, Querfugen, Randsteine. Hier wird entschieden, ob der Reifen auf der Fahrbahn bleibt.

Ein hochwertiger Dämpfer erlaubt beide getrennt einzustellen. Genau das ist der technische Unterschied zwischen einem einstellbaren Sportfahrwerk und einem Gewindefahrwerk mit einem einzigen Drehrad, das schlicht beide Richtungen gleichzeitig zudreht.

Für den Alltag ist die wichtigste Erkenntnis eine andere: Ein müder Dämpfer verschlechtert nicht in erster Linie den Komfort, sondern die Radlastschwankung. Das Rad springt, die Kraftübertragung wird periodisch unterbrochen, der Bremsweg wächst und ABS und ESP arbeiten auf schlechterer Grundlage. Dämpfer sterben langsam und unauffällig — deshalb bemerkt man ihren Verschleiß fast nie beim Fahren, sondern erst bei der Prüfung.

DämpfungsmaßKapitel 10

D=k2·c·m

Dämpfer werden nie allein beurteilt, sondern immer im Verhältnis zu Feder und Masse. Serienfahrwerke liegen bei etwa 0,25 bis 0,35: Der Aufbau schwingt nach einer Bodenwelle einmal nach und ist dann ruhig. Darunter wippt das Auto, darüber wird es hart und stößig. Wer nur die Federn tauscht und die Dämpfer lässt, verändert diese Zahl mit – meist nach unten.

Auf ein Zeichen tippen oder mit der Maus darauf zeigen, dann wird es erklärt.

Interaktiv: Zug- und Druckstufe getrennt verstellen. Links die Kennlinie, rechts das Ausschwingen des Aufbaus. Rechenmodell und Zeichnung: Bernies Garage. Einmassenmodell je Rad.

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Dämpfer altern langsam und immer paarweise. Wer sie ersetzt, sollte das achsweise tun und nicht nach dem Preis, sondern nach der Kennung entscheiden, die zu Feder und Fahrzeug passt: Stoßdämpfer bei kfzteile24.

Wie in der Serienentwicklung abgestimmt wird

In der Fahrzeugentwicklung ist die Abstimmung kein Herumprobieren, sondern eine Kette aus Simulation, Prüfstand und Fahrversuch — in dieser Reihenfolge, weil jede Stufe teurer wird als die vorhergehende.

Erstens die Mehrkörpersimulation. Die Radaufhängung existiert zunächst nur als Satz von Gelenkpunkten — den Hardpoints. Am Rechner werden Sturz-, Spur- und Rollzentrumsverläufe über dem Federweg ausgelegt, lange bevor ein Teil existiert. Wer die Hardpoints später ändern will, ändert die Karosserie mit.

Zweitens der K&C-Prüfstand. K&C steht für Kinematics and Compliance. Auf diesem Prüfstand wird ein komplettes Fahrzeug an den Radaufstandspunkten bewegt und belastet: Die Räder werden ein- und ausgefedert, und es werden definierte Längs-, Quer- und Lenkkräfte eingeleitet. Gemessen wird, wie sich Sturz und Spur dabei tatsächlich ändern — also die Kinematik und die Elastokinematik am realen Fahrzeug, mit allen Lagersteifigkeiten und Bauteilverformungen. Es ist der Prüfstand, auf dem sich zeigt, ob die Rechnung stimmte.

Drittens die Vier-Stempel-Anlage. Vier Hydraulikzylinder unter den Rädern spielen aufgezeichnete Straßenprofile ab. Das dient der Betriebsfestigkeit — Dauerlauf ohne Fahrer — und der Beurteilung von Komfort und Geräusch unter reproduzierbaren Bedingungen. Eine Bodenwelle, die man auf der Straße nie zweimal gleich trifft, lässt sich hier hundertmal identisch abspielen.

Viertens der Fahrversuch. Auf dem Prüfgelände laufen genormte Manöver: stationäre Kreisfahrt zur Bestimmung des Eigenlenkverhaltens, Lenkwinkelsprung für das Ansprechverhalten, doppelter Fahrspurwechsel für die Stabilität, Bremsen in der Kurve und auf ungleichem Reibwert.

Fünftens die Subjektivbewertung. Erfahrene Versuchsfahrer beurteilen jede Eigenschaft auf einer Zehnerskala, getrennt nach Kriterien wie Lenkpräzision, Geradeauslauf, Wankverhalten, Abrollkomfort. Das klingt weich, ist aber der härteste Teil: Am Ende kauft niemand eine Messkurve. Die Kunst der Entwicklung besteht darin, subjektive Urteile mit objektiven Kennwerten zu verknüpfen, damit die nächste Baureihe nicht wieder bei null anfängt.

Wie im Rennsport abgestimmt wird

Im Rennsport fällt die Komfortanforderung weg, und der Zielkonflikt vereinfacht sich zu einer einzigen Frage: Wo verliert das Auto Zeit?

Vordere Doppelquerlenkerachse eines Leichtbausportwagens mit Feder-Daempfer-Bein
Im Rennsport liegt alles frei: Lenker, Gelenke, Feder-Dämpfer-Bein. Genau deshalb lässt sich hier jede einzelne Größe isoliert verändern. Foto: Brian Snelson, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Das methodische Grundgesetz lautet: immer nur eine Größe verändern. Wer Reifendruck, Stabilisator und Sturz gleichzeitig anfasst, hat danach eine schnellere oder langsamere Runde — aber keine Information. Der Ablauf ist deshalb immer derselbe: Ausgangszustand messen und dokumentieren, eine Größe isoliert ändern, Wirkung bewerten, dokumentieren, wiederholen.

Bewertet wird doppelt: über den Fahrereindruck und über Daten. Und die Daten haben den Vorteil, dass sie das Problem benennen, statt es zu beschreiben. Das klassische Beispiel: Ein wachsender Lenkwinkelbedarf bei gleichbleibender Querbeschleunigung ist die objektive Signatur von beginnendem Untersteuern. Der Fahrer sagt „das Auto schiebt“; der Datensatz sagt, ab welcher Kurvenphase und wie viel.

Der Werkzeugkasten und seine Nebenwirkungen:

Symptom Übliche Maßnahme Preis dafür
Untersteuern beim Einlenken vorderen Stabilisator weicher, mehr negativen Sturz vorn, weniger Vorspur vorn nervöserer Geradeauslauf, mehr Verschleiß an der Reifeninnenschulter
Untersteuern in Kurvenmitte Wankverteilung nach hinten verschieben, Reifendruck vorn anpassen Heck wird beim Bremsen unruhiger
Übersteuern beim Anbremsen hintere Zugstufe weicher, Vorspur hinten erhöhen, Bremsbalance nach vorn längerer Bremsweg, träger beim Einlenken
Übersteuern am Kurvenausgang hinteren Stabilisator weicher, Differenzialsperrwirkung anpassen mehr Wanken, weniger Traktion beim Herausbeschleunigen
Auto springt über Curbs High-Speed-Druckstufe öffnen weniger Aufbaukontrolle bei langsamen Bewegungen

Auffällig ist, wie klein die Rolle der Federrate in dieser Liste ist. Federn und Dämpfer legen den Grundcharakter fest; die Feinarbeit an der Balance erfolgt über Stabilisatoren, Spur, Sturz und Reifendruck — weil diese sich in der Boxengasse in Minuten ändern lassen.

Der Reifen ist das Messgerät

Alles, was in den letzten Kapiteln stand, hat genau einen Zweck: den Reifen in seinen Arbeitsbereich zu bringen. Deshalb ist der Reifen selbst das wichtigste Diagnosemittel — im Rennsport unmittelbar nach dem Einfahren, am Straßenauto über den Verschleiß.

An der Rennstrecke wird direkt nach der Einfahrt die Temperatur über die Laufflächenbreite gemessen, an drei Stellen: innen, Mitte, außen. Das Muster verrät zwei Dinge gleichzeitig:

Temperaturbild über die Breite Aussage
innen deutlich heißer als außen zu viel negativer Sturz
außen deutlich heißer als innen zu wenig negativer Sturz
Mitte heißer als beide Schultern Reifendruck zu hoch
beide Schultern heißer als die Mitte Reifendruck zu niedrig
eine Achse insgesamt deutlich heißer diese Achse arbeitet zu hart — Balance stimmt nicht

Der Reifendruck ist dabei kein Komfortthema, sondern die schnellste und billigste Stellgröße überhaupt: Er verändert Aufstandsfläche, Flankensteifigkeit und Temperaturaufbau in einem Zug. Gerechnet wird immer mit dem warmen Druck; der kalte Fülldruck ist nur der Weg dorthin.

Die Vermessung am normalen Pkw

Damit zum Teil, der die meisten Leser betrifft. Eine Achsvermessung ist eine Messung unter Bedingungen — und wenn die Bedingungen nicht stimmen, ist das Ergebnis wertlos, egal wie teuer die Anlage war.

Messkopf am Vorderrad auf der Achsmessbuehne, darunter der Drehteller
Der Drehteller unter dem Rad ist kein Zubehör: Ohne ihn kann sich die Achse beim Einlenken nicht spannungsfrei bewegen, und der Nachlauf lässt sich gar nicht bestimmen. Foto: Mike Peel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Was vorher erfüllt sein muss:

  • Ebener, kalibrierter Messplatz. Ein Höhenunterschied links zu rechts geht direkt in die Sturzmessung ein, ein Unterschied vorn zu hinten in die Nachlaufmessung. Ein schiefer Hallenboden erzeugt Messwerte, die es am Fahrzeug nicht gibt.
  • Vorherige Fahrwerksprüfung. Spiel in Spurstangenköpfen, Traggelenken, Radlagern oder ausgeschlagene Gummilager machen jede Messung sinnlos. Wer auf ein spielbehaftetes Fahrwerk eine Einstellung schreibt, hat eine Zahl protokolliert, keinen Zustand hergestellt.
  • Korrekter, seitengleicher Reifendruck. Er verändert die Abrollhöhe und damit die Winkel.
  • Vorgeschriebener Beladungszustand. Manche Hersteller schreiben Ballast oder einen definierten Tankinhalt vor. Wer ohne misst, misst ein anderes Auto.
  • Schlagkompensation der Räder, damit ein unrunder Felgenrand nicht als Spurfehler erscheint.
  • Lenkrad in Mittelstellung fixiert, Bremse festgesetzt, Fahrwerk vor der Messung durch Abrollen oder Einfedern gesetzt.

Gemessen wird an der Vorderachse Einzel- und Gesamtspur bezogen auf die geometrische Fahrachse, dazu Sturz, Nachlauf, Spreizung, Spurdifferenzwinkel und Radversatz. An der Hinterachse Spur, Sturz und der Fahrachswinkel. Üblich sind heute optische, CCD- oder 3D-Systeme, die mit vier Messköpfen am Fahrzeug auskommen.

Einstellbar ist dabei fast immer nur ein Teil davon: vorn meist die Spur, je nach Bauart auch Sturz und Nachlauf; hinten je nach Achse gar nichts. Alle übrigen Werte sind Diagnosewerte — sie sagen, ob etwas verbogen ist.

Die häufigsten Fehler — und wie sie sich anfühlen

Aus der Praxis lassen sich die typischen Fehlerbilder ziemlich genau ihren Ursachen zuordnen.

Kalibriertafel und Messkopf einer 3D-Achsvermessung neben dem Vorderrad
Bei der 3D-Vermessung sieht die Kamera nicht das Rad, sondern eine Messtafel. Sitzt der Adapter schief oder ist die Felge verzogen, misst die Anlage sauber – nur eben das Falsche. Foto: Mike Peel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Fehler bei Messung oder Einstellung Wie es sich im Fahrbetrieb zeigt Was am Reifen passiert
Vorderachse auf schiefe Fahrachse eingestellt statt Hinterachse korrigiert Lenkrad steht gerade, Auto läuft im Hundegang; auf der Autobahn ständiges Nachkorrigieren beidseitig schräger Abrieb, oft mit scharfen Profilkanten
Zu viel Vorspur ruhiger Geradeauslauf, träges Einlenken, spürbarer Mehrverbrauch Abrieb an den Außenschultern, Kanten fühlen sich zur Fahrzeugmitte hin scharf an
Zu viel Nachspur nervöses, unruhiges Fahrverhalten, Auto folgt Spurrillen Abrieb an den Innenschultern
Sturz seitlich ungleich Fahrzeug zieht einseitig, Lenkrad steht schief bei geradem Lauf einseitiger Schulterverschleiß an nur einem Rad
Vermessung ohne Fahrwerksprüfung Symptome kehren nach kurzer Zeit zurück Verschleißbild passt nicht zu den protokollierten Werten
Falscher Beladungszustand beim Messen alles im Protokoll grün, Auto fährt trotzdem nicht sauber langsam wachsender ungleicher Abrieb
Nach Tieferlegung nicht neu vermessen Spurrillenempfindlichkeit, Auto lenkt über Bodenwellen mit starker Innenkantenverschleiß, oft schon nach wenigen tausend Kilometern

Der letzte Punkt ist der teuerste. Eine Tieferlegung verändert Sturz und Spur systematisch — meist in Richtung mehr negativen Sturz und veränderte Vorspur. Eine Vermessung danach ist keine Empfehlung, sondern Bestandteil des Umbaus.

Verschleißbilder lesen

Der Reifen dokumentiert den Fahrwerkszustand über Monate. Man muss ihn nur ablesen können — am besten mit der flachen Hand quer über die Lauffläche, weil sich Kantenbildung besser fühlen als sehen lässt.

Verschleißbilder lesenLauffläche von vorn, Fahrzeugmitte jeweils links – rot: abgetragene Zoneeinseitig innenzu viel negativer Sturzoder Spurfehlereinseitig außenpositiver Sturz oderzu viel Vorspurbeide Schulternzu wenig LuftdruckMittezu viel LuftdruckSägezahn: dieselbe Lauffläche von der SeiteneuAbrollrichtungJeder Profilblock wird an einer Kante stärker abgetragen und stellt sich auf – typisch an der wenig belasteten Hinterachse.
Vier Verschleißbilder in der Vorderansicht und der Sägezahn in der Seitenansicht. Schema: Bernies Garage. Nicht maßstäblich.
Verschleißbild Ursache
Mitte stärker abgefahren als die Schultern dauerhaft zu hoher Luftdruck
Beide Schultern stärker als die Mitte dauerhaft zu niedriger Luftdruck
Nur die Innenkante zu viel negativer Sturz oder Spurfehler
Nur die Außenkante positiver Sturz oder falsche Spureinstellung
Sägezahn: Profilblöcke einseitig angeschrägt, lautes Abrollen fehlerhafte Hinterachsspur, verschlissene Fahrwerkslager oder zu niedriger Druck
Örtlich begrenzte Platte blockiertes Rad beim Bremsen oder langes Stehen

Der Sägezahn verdient eine eigene Erklärung, weil er am häufigsten falsch gedeutet wird. Er ist keine Reifenschwäche, sondern eine Folge des Abrollvorgangs: Beim Durchlaufen der Aufstandsfläche werden die Profilblöcke verspannt, gestaucht und seitlich verbogen. Beim Verlassen der Aufstandsfläche federn sie zurück, und dabei entsteht Schlupf an den Blockkanten — mit entsprechend erhöhtem Verschleiß an einer Kante.

Betroffen sein können alle Reifen, besonders anfällig sind aber solche mit vielen quer verlaufenden Profilkanten sowie Winterreifen mit weicheren Profilblöcken. Bei Frontantrieb tritt der Effekt typischerweise an der Hinterachse auf — dort, wo die Räder mitlaufen, statt anzutreiben oder zu lenken. Der ADAC empfiehlt dagegen zwei einfache Maßnahmen: regelmäßige Luftdruckkontrolle und frühzeitiges seitengleiches Tauschen der Räder von vorn nach hinten, etwa alle 5.000 bis 8.000 Kilometer.

Ein Reifen, der bereits einen ausgeprägten Sägezahn hat, wird durch eine korrigierte Spur nicht wieder leise. Er bleibt laut, bis das Profil abgefahren ist. In diesem Fall lohnt es sich, Vermessung und Reifenwechsel zusammen zu planen: Reifen bei reifen.com.

Wann eine Vermessung fällig ist

Nicht nach Kilometern und nicht nach Kalender, sondern nach Anlass:

Federbein, Radtraeger und Bremsscheibe eines Vorderrades ohne Rad
Nach jedem Eingriff an Federbein, Radträger oder Lenkern gehört das Fahrzeug auf die Bühne – auch dann, wenn nichts „verstellt“ wurde. Foto: 4028mdk09, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
  • nach jedem Eingriff ins Fahrwerk — Federn, Dämpfer, Querlenker, Spurstangen, Achsschenkel
  • nach einem harten Bordsteinkontakt oder einem tiefen Schlagloch bei Tempo
  • nach jedem Unfall mit Beteiligung eines Rades, auch bei geringem Blechschaden
  • bei einseitigem oder ungleichmäßigem Reifenverschleiß
  • wenn das Lenkrad bei Geradeausfahrt schief steht
  • wenn das Fahrzeug bei losgelassenem Lenkrad auf ebener Fahrbahn deutlich zieht
  • vor dem Kauf eines neuen Reifensatzes — es ist billiger, das Fahrwerk zu prüfen als die Reifen zweimal zu kaufen

Und ein Hinweis zum Protokoll: Ein seriöser Betrieb händigt Vorher- und Nachher-Werte aus, mit Sollwerten und Toleranzen daneben. Ein Ausdruck mit nur einer Spalte ist kein Nachweis, sondern eine Behauptung.

Bevor gemessen wird, müssen die Lager stehen. Ausgeschlagene Traggelenke, weiche Querlenkerbuchsen und ausgeleierte Koppelstangen machen jede Einstellung wertlos, weil sich die Geometrie unter Last wieder verschiebt: Teile der Achsaufhängung bei kfzteile24.

Was bleibt

Fahrwerksabstimmung sieht von außen aus wie Geschmack und ist in Wirklichkeit Buchführung: Jede Änderung an einer Achse hat eine gewollte Wirkung und mindestens eine ungewollte, und wer beide nicht aufschreibt, dreht im Kreis.

In der Entwicklung führt der Weg über Simulation, K&C-Prüfstand und Fahrversuch, weil dort tausend Fahrzeuge gleich sein müssen. Im Rennsport führt er über eine Größe pro Durchgang und einen Datenlogger, weil dort nur eines zählt. Und in der Werkstatt führt er über eine korrekt vorbereitete Messung in der richtigen Reihenfolge — hinten vor vorn.

Für den Autofahrer bleibt eine Faustregel, die in allen drei Welten gilt: Der Reifen sagt die Wahrheit. Er zeigt an, ob die Einstellung stimmt, ob die Lager noch taugen und ob jemand sauber gearbeitet hat — man muss nur einmal die Hand quer über die Lauffläche legen, bevor man dem Protokoll glaubt.

Weiterlesen

Was bei einer fachgerechten Motorüberholung passiert, steht im Beitrag zur Motor-Generalüberholung. Warum Radgröße und Reifenflanke direkt in die Fahrdynamik hineinwirken, erklärt die Geschichte des Felgendesigns. Und wie moderne Karosserien nach einem Schaden instand gesetzt werden, zeigt der Artikel zur Mischbauweise.

Quellen

  1. Motorblog: Fahrwerk, geometrische Grundbegriffe – Definitionen von Sturz, Spreizung, Nachlaufwinkel und Nachlaufstrecke, Lenkrollhalbmesser, Spurdifferenzwinkel, Lenktrapez und Ackermann-Bedingung; Anheben der Front beim Einlenken als Rückstellquelle, Schnittpunkt der Radsenkrechten in einem Punkt als Bedingung für schlupffreies Abrollen
  2. Wikipedia: Lenkrollradius – Wirkung von positivem, negativem und Null-Lenkrollradius beim ungleichen Bremsen, Oldsmobile Toronado 1965 als erstes Serienfahrzeug mit negativem Lenkrollradius, Audi 80 von 1972 als bekannt gewordenes Beispiel, Zusammenhang mit der diagonalen Zweikreis-Bremsaufteilung
  3. kfz-tech: Elastokinematik – Abgrenzung von Kinematik und Elastokinematik, Rolle der Gummilagerstellen, dynamische Vorspur unter Last und Bremskraft, Abrollkomfort und Schwingungsberuhigung als Auslegungsziele
  4. Wikipedia: Fahrwerkvermessung – Einfluss des Höhenniveaus links zu rechts auf die Sturzmessung und vorn zu hinten auf die Nachlaufmessung, gemessene Größen an Vorder- und Hinterachse bezogen auf die geometrische Fahrachse, optische, CCD- und 3D-Verfahren mit vier Messpunkten, Folgen fehlerhafter Einstellung
  5. KFZ Dietrich: Fahrwerk-Setup für die Rennstrecke – Wirkung von Federrate, getrennter Zug- und Druckstufe, Sturz und Spur, Stabilisatoren als wirksamstes Werkzeug für die Balance, iteratives Vorgehen mit isolierter Veränderung einer Stellgröße, wachsender Lenkwinkelbedarf bei konstanter Querbeschleunigung als objektive Signatur des Untersteuerns
  6. KFZ Dietrich: Reifenverschleißbilder deuten – Zuordnung von mittigem Verschleiß, beidseitigem Schulterverschleiß, einseitigem Innen- und Außenverschleiß, Sägezahn und fleckigem Verschleiß zu Luftdruck, Sturz, Spur und Fahrwerkslagern
  7. ADAC: Sägezahnbildung bei Reifen – Entstehung durch Verspannen, Stauchen und seitliches Verbiegen der Profilblöcke in der Aufstandsfläche, erhöhter Schlupf an den Kanten, besondere Anfälligkeit von Reifen mit vielen Querkanten und von Winterreifen, typisches Auftreten an der Hinterachse bei Frontantrieb, Empfehlung zu Luftdruckkontrolle und seitengleichem Radwechsel nach 5.000 bis 8.000 Kilometern

Titelbild: Achsvermessung an einem Ford Focus. Foto: Mike Peel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.

Bernd Mischke

Über den Autor

Bernd Mischke, Jahrgang 1975. Gelernter Mechaniker, heute Simultandolmetscher für Englisch und Trainer für Automotive-Themen – auf dem Shopfloor und weltweit. Schreibt hier über das, was zwischen Prospekttext und Stammtisch liegt. Mehr über mich

Fragen, Korrekturen oder ein Themenwunsch? Direkt an mich: bernie[at]bernies-garage.com

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