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Sonderwunsch bei Porsche: von Krupps Heckscheibenwischer zum Werksunikat

Es beginnt 1955 mit einem Heckscheibenwischer.

Alfried Krupp von Bohlen und Halbach wünschte sich für sein Porsche 356 A Coupé einen Wischer für die Heckscheibe. Den gab es nicht. Porsche baute ihn trotzdem ein. Sieben Jahre später, für Krupps 356 B Carrera 2, machte man es noch einmal.

Aus dieser Bereitschaft, für einen einzelnen Kunden etwas zu bauen, das es im Katalog nicht gibt, ist über siebzig Jahre eine eigene Abteilung geworden — mit sechzig Mitarbeitern, einer Warteliste und einem Werksunikat, das drei Jahre Entwicklungszeit braucht.

Dieser Artikel erzählt, wie es dazu kam, was heute tatsächlich möglich ist, was es kostet — und wo Porsche selbst die Grenze zieht.

Die Vorgeschichte: Rennsport und Ersatzteile

Bevor es eine Abteilung für Kundenwünsche gab, gab es eine für Rennkunden. Ab 1970 verkaufte Porsche Rennsport-Ersatzteile an Privatfahrer. 1973 entstand daraus die Kundenrennsportabteilung.

Das ist keine Nebenbemerkung, sondern die eigentliche Wurzel. Wer Rennfahrzeuge für Kunden aufbaut, hat bereits alles, was ein Sonderwunsch braucht: Leute, die Einzelstücke fertigen können, eine Organisation, die außerhalb der Serienfertigung arbeitet, und die Gewohnheit, dass ein Kunde etwas will, das im Programm nicht steht.

Die Kundenrennsportabteilung ist auch der Grund, warum die frühen Sonderwünsche so oft nach Rennwagen aussehen. Man baute, was man beherrschte.

1978: aus Gefälligkeit wird eine Abteilung

1978 gründete Porsche offiziell die Sonderwunsch-Abteilung. Die Leitung der Kundenbetreuung übernahm Rolf Sprenger — ein Name, der in der Porsche-Geschichte deutlich seltener fällt, als er sollte.

Was sich damit änderte, ist eine Frage der Organisation, nicht der Technik. Vorher war ein Sonderwunsch eine Ausnahme, die jemand durchsetzte. Danach war er ein Vorgang mit Ansprechpartner, Kalkulation und Termin.

Acht Jahre später ging Porsche noch einen Schritt weiter und gründete 1986 die Einheit Porsche Exclusive. Das Unternehmen bezeichnet sich dabei selbst als „weltweit ersten Autohersteller mit einer eigenen Abteilung“ für werksseitige Individualisierung. Auslöser war unter anderem ein einzelnes Fahrzeug, von dem gleich noch die Rede sein wird.

Jahr Was passierte
1955 erster dokumentierter Sonderwunsch: Heckscheibenwischer für Alfried Krupp
1970 Verkauf von Rennsport-Ersatzteilen an Privatkunden beginnt
1973 Gründung der Kundenrennsportabteilung
1978 Gründung der Sonderwunsch-Abteilung unter Rolf Sprenger
1986 Gründung von Porsche Exclusive
2004 Kampagne „Ihr persönlichster Porsche“ wird weltweit ausgerollt
2017 Umbenennung in Porsche Exclusive Manufaktur
2021 Neuauflage des Sonderwunsch-Programms für alle Generationen

Was in den Siebzigern und Achtzigern tatsächlich gebaut wurde

Die frühen Beispiele sind gut dokumentiert und wilder, als man erwartet.

Porsche 917 Rennwagen
1975 baute die Sonderwunschabteilung aus einem 917 Kurzheck ein straßentaugliches Fahrzeug — zugelassen in Alabama, gefahren in Frankreich. Abgebildet ist ein Rennfahrzeug der Baureihe, nicht der Umbau. Foto: Thomas Vogt, Paderborn, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

1968 — ein 911 mit 2,0 Litern wird für den Marathon London–Sydney umgebaut: Rohrrahmen, verlängerte Auspuffanlage.

1974Herbert von Karajan bekommt einen Leichtbau-911 Turbo 3.0 in Silbergrau. Es ist das einzige Fahrzeug dieser Art mit der Leichtbaukarosserie des Carrera RS 3.0. Der Dirigent, der für seine Autoleidenschaft bekannt war, hat damit das seltenste G-Modell überhaupt gefahren.

1975 — für Conte Gregorio Rossi di Montelera entsteht eine Straßenversion des 917 Kurzheck. Zugelassen wurde sie in Alabama, gefahren wurde sie in Frankreich. Das ist kein Umbau, das ist eine Zulassungsakrobatik mit einem Le-Mans-Sieger.

1983Mansour Ojjeh bestellt den 935 „Street“: Flachbau-Karosserie, 409 PS, Leder in Creme Caramel, Candy-Apple-Lack. Dieses Fahrzeug gilt als der Anstoß, aus dem drei Jahre später Porsche Exclusive wurde.

1989 — ein Mitglied des katarischen Königshauses bestellt sieben Porsche 959. In Saharabeige, Royalblau und Seidengrün, mit Büffelleder und einer 24 Karat vergoldeten Auspuffanlage.

1990 — ein New Yorker Sammler reicht für sein 911 Turbo 3.3 Cabriolet eine Sonderwunschliste über 28 Seiten ein. Enthalten unter anderem: ein elektrisches Verdeck mit Regensensor.

1997 — ein 911 GT2 der Baureihe 993 als Einzelstück in Hellblau mit Vollleder in Can-Can-Rot, gebaut für die „Coppa Florio“.

Was an dieser Liste auffällt: Es sind keine Farbmuster und Zierleisten. Es sind Umbauten, die tief in die Technik gehen — und in mehreren Fällen Fahrzeuge, die es in der Serie nie gab.

Porsche 959 von vorn
1989 bestellte ein Mitglied des katarischen Königshauses sieben dieser Fahrzeuge — in Sonderfarben, mit Büffelleder und 24 Karat vergoldeter Auspuffanlage. Das abgebildete Exemplar ist ein Serienfahrzeug. Foto: M 93, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons

Der Flachbau: der einzige Sonderwunsch mit vierstelliger Stückzahl

Ein Sonderwunsch ist normalerweise ein Einzelstück. Genau einer war das nicht.

Porsche 911 SC mit Flachbau-Umbau
Die Front ohne Klappscheinwerfer, abgeleitet vom Rennwagen 935: 948 Fahrzeuge entstanden zwischen 1982 und 1989 — der einzige Sonderwunsch mit vierstelliger Stückzahl. Das abgebildete Fahrzeug ist ein 911 SC, nicht der Turbo. Foto: Onofrio Scaduto, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Der 911 Turbo Flachbau — im englischen Sprachraum „Slantnose“ — entstand auf Wunsch von Kunden, die einen Straßen-911 im Stil des Rennwagens 935 von 1976 wollten: mit abgesenkter, klappscheinwerferloser Front. Gebaut wurde er von der Sonderwunschabteilung.

911 Turbo Flachbau (930)
Bauzeit 1982 bis 1989
Stückzahl gesamt 948
Aufteilung nach Generationen 58 / 204 / 686
Höchstgeschwindigkeit 275 km/h
Hauptmarkt der dritten Generation USA

948 Fahrzeuge sind für einen Sonderwunsch eine gewaltige Zahl — und der Grund, warum der Flachbau als einziger dieser Umbauten heute einen eigenen Markt hat.

Zum Aufpreis kursieren Zahlen, die ich nicht belegen konnte. Porsche selbst spricht in seiner Modellgeschichte nur von einem „erheblichen Aufpreis“, ohne ihn zu beziffern. Wer eine konkrete DM- oder Dollar-Summe liest, sollte nach der Quelle fragen.

Auch beim Startjahr gehen die Angaben leicht auseinander: Die Porsche-Modellseite schreibt vage „Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger“, eine Pressemitteilung von 2026 nennt 1982, andere Quellen 1981. Belegt ist das Ende: 1989.

Von Exclusive zur Exclusive Manufaktur

Die Namensgeschichte ist verwirrend, deshalb kurz sortiert:

Sonderwunsch (ab 1978) ist die ursprüngliche Abteilung für Einzelanfertigungen. Porsche Exclusive (ab 1986) ist die werksseitige Individualisierung von Neufahrzeugen — Farben, Materialien, Ausstattung, alles in die Serienfertigung integriert. Porsche Exclusive Manufaktur heißt dasselbe seit 2017, eingeführt mit dem 911 Turbo S Exclusive Series. Und Sonderwunsch gibt es seit 2021 wieder als eigenes Programm, jetzt für Fahrzeuge aller Generationen.

Die Einheit sitzt in Zuffenhausen im Werk II, dem sogenannten Rössle-Bau. Die Endmontage individualisierter Neufahrzeuge ist seit 1986 direkt in die Serienproduktion integriert — was technisch der schwierigere Weg ist, aber dafür sicherstellt, dass ein Exclusive-Fahrzeug dieselbe Fertigungsqualität hat wie jedes andere.

Farbe nach Wahl: der meistgenutzte Sonderwunsch

Der häufigste Weg zum individuellen Porsche führt über den Lack. Das Programm heißt Paint to Sample, auf Deutsch „Farbe nach Wahl“, und es hat zwei Stufen.

Paint to Sample bedeutet: Sie wählen aus einem Bestand vorfreigegebener Farben, die nicht im normalen Konfigurator stehen. 2021 wurde dieser Bestand auf über 160 Farben ausgebaut; 2025 nennt Porsche mehr als 190. Zurückgeholt wurden dabei auch historische Töne wie Vipergrün, Sternrubin und Gulfblau. Wie viele Farben verfügbar sind, hängt vom Modell ab — 2021 waren es für 911 und 718 jeweils 105, für den Taycan 65, für Macan und Panamera je 59 und für den Cayenne 52.

Paint to Sample Plus bedeutet: Sie bringen Ihre eigene Farbe mit. Porsche entwickelt sie, prüft sie auf Machbarkeit und lackiert mindestens eine Testkarosserie damit. Scheitert die Farbe an der Machbarkeit, trägt Porsche die Testkosten.

Variante Deutschland USA
Farbe nach Wahl, 911 und 718 Standard 8.806 € 11.430 $
Farbe nach Wahl, GT- und Turbo-Modelle 9.877 € 12.830 $
Farbe nach Wahl Plus 17.612 bis 19.754 € 22.860 bis 25.660 $

Die Preise stammen aus den Jahren 2021 und 2022; aktuellere Listenpreise habe ich nicht belegen können. An der Größenordnung dürfte sich wenig geändert haben.

Was man einplanen muss, ist Zeit. Paint to Sample verlängert die Lieferzeit um rund drei Monate. Paint to Sample Plus kann bis zu elf Monate dauern. Für den Cayenne gab es Paint to Sample Plus 2021 gar nicht.

Ein Detail, das zeigt, wie ernst Porsche das Thema nimmt: Für das Programm wurde eine neue Farbmischbank gebaut. Die Kapazität stieg damit von rund fünf auf etwa zwanzig Paint-to-Sample-Fahrzeuge pro Tag.

Die drei Stufen des heutigen Sonderwunsch-Programms

Seit der Neuauflage 2021 kommuniziert Porsche drei Stufen:

Was die einzelnen Stufen an Zeit kostenzusätzliche Dauer in Monaten, nach Porsche-Angaben061218243036Farbe nach Wahl+3 Monate LieferzeitFarbe nach Wahl Plusbis zu 11 MonateFactory Commissionkeine Dauer veröffentlichtFactory Re-Commissionkeine Dauer veröffentlichtFactory One-OffKonzept2 bis 3 JahreBeim Werksunikat entfällt rund ein Jahr allein auf Konzept- und Machbarkeitsphase; das Lastenheft zu erstellen dauertlaut Porsche „bis zu einem Jahr“. Die Wartezeit bis zum Projektstart ist darin nicht enthalten.
Die Stufen unterscheiden sich weniger im Preis als in der Zeit. Zu den beiden mittleren veröffentlicht Porsche keine Dauer — sie hängt vom Umfang ab. Grafik: Bernies Garage, nach Porsche-Angaben.
Stufe Was sie bedeutet
Factory Commission individuelle Farben und Materialien am Neuwagen, ab Werk vor der Auslieferung umgesetzt
Factory Re-Commission Umbau eines Fahrzeugs, das dem Kunden bereits gehört — gemeinsam mit Porsche Classic
Factory One-Off Werksunikat mit komplett neu entwickelten Bauteilen

Zwei Hinweise zur Begriffsklärung, weil sie oft falsch wiedergegeben werden. Erstens: Eine Stufe namens „Factory Collection“ gibt es nicht — sie taucht in keiner Porsche-Quelle auf; die dritte Stufe heißt Factory Commission beziehungsweise Factory Commissioning. Zweitens gliedert eine andere Porsche-Seite abweichend in „Customer One-Off“, „Bespoke“ und „Factory Restoration“, wobei „Bespoke“ Factory Commission, Re-Commission und Paint to Sample Plus zusammenfasst. Porsche ist sich also selbst nicht ganz einig.

Zur Dauer: Ein Factory One-Off braucht laut Porsche zwei bis drei Jahre, davon rund ein Jahr allein für Konzept- und Machbarkeitsphase. Die US-Seite nennt pauschal drei Jahre. Das Lastenheft zu erstellen dauert „bis zu einem Jahr“.

Drei Projekte, an denen man sieht, was gemeint ist

Project Gold (2018). Porsche Classic baute aus einer unbenutzten originalen 993-Rohkarosse aus dem Zuffenhausener Bestand einen 911 Turbo. Der 3,6-Liter-Biturbo leistet 450 PS und 585 Nm mit WLS-II-Kit, dazu ein Sechsganggetriebe. Weltpremiere war am 27. September 2018 bei der Rennsport Reunion in Laguna Seca.

Versteigert wurde der Wagen bei RM Sotheby’s im Porsche Experience Center Atlanta. Bei den Zahlen widersprechen sich die Quellen: Porsche nennt 2.743.500 Euro mit einem Nettoerlös von 2.589.027 Euro für die Ferry-Porsche-Stiftung, RM Sotheby’s nennt 3.415.000 Dollar. Die Differenz erklärt sich durch Aufgeld und Wechselkurs.

Der Haken an diesem Auto: Es ist nicht straßenzulassungsfähig. RM Sotheby’s verkaufte es ausdrücklich nur „on a Bill of Sale“ mit dem Hinweis auf die fehlende Zulassungsmöglichkeit. Fast drei Millionen Euro für einen Neuwagen, der nicht auf die Straße darf.

911 Classic Club Coupe (2022). Basis ist ein 911 Carrera der Baureihe 996 von 1998. Motor, Fahrwerk und Bremsen stammen vom 996 GT3 der zweiten Generation: 3,6 Liter, 381 PS. Dazu ein Entenbürzel nach dem Vorbild des Carrera RS 2.7. Bauzeit: über zweieinhalb Jahre, ein Einzelstück für den Porsche Club of America.

Versteigert am 10. Juni 2023 bei Broad Arrow für 1,2 Millionen Dollar — Rekordpreis für einen 996. Bemerkenswert daran: Der 996 gilt als der ungeliebteste aller 911. Ein Werksunikat auf dieser Basis hat mehr erlöst als die meisten luftgekühlten. Nebenbei: Broad Arrow führt das Fahrzeug als „1999“, Porsche nennt eine 1998er Basis.

Flachbau RS (2026). Das jüngste Werksunikat, vorgestellt am 14. August 2026. Basis ist ein 911 GT2 RS der Baureihe 991.2 von 2018 mit Weissach-Paket, umgebaut zum Flachbau nach dem Vorbild des 935/78 „Moby Dick“. Entwicklungszeit: knapp drei Jahre. Das Fahrzeug ist 31,6 Kilogramm leichter als der Serien-GT2 RS und in Grand-Prix-Weiß lackiert.

Alexander Fabig, bei Porsche für Produktangebot und Individualisierung zuständig, formulierte das Ziel so: den 935-Look neu interpretieren, ohne Kompromisse bei Sicherheit, Technik oder Straßenzulassung. Der entscheidende Unterschied zu Project Gold liegt genau in diesem letzten Wort.

Und ein vierter, der zeigt, wohin es geht: 2025 baute Porsche einen Cayenne GTS von 2009 mit rund 80.500 Kilometern als Factory Re-Commission um — Blackolive als Paint to Sample, englischgrünes Leder, Pasha-Stoff. Laut Porsche das erste derart umfangreiche Re-Commission-Projekt auf einem Cayenne. Ein SUV der ersten Generation als Objekt der Werksmanufaktur: Das wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen.

Die Zahlen dahinter

Kennzahl Wert
Mitarbeiter der Exclusive Manufaktur 60, in drei Schichten
täglich veredelte Fahrzeuge rund 120
911-Kunden mit mindestens einer Option über 90 %
911 mit umfangreicher Exclusive-Veredelung rund 25 % der weltweiten Auslieferungen
vordefinierte Optionen rund 1.000 (2025), über 700 (2021)
Unikate gleichzeitig in Arbeit bis zu 12
Porsche Classic: restaurierte Fahrzeuge 100 pro Jahr
Porsche Classic: Ersatzteile im Programm über 60.000, rund 300 Neuteile jährlich
Porsche Clubs weltweit knapp 250.000 Mitglieder in über 700 Clubs in 86 Ländern

Die Zahl, die am meisten über das Geschäft sagt, ist die vierte: Jeder vierte weltweit ausgelieferte 911 durchläuft eine umfangreiche Exclusive-Veredelung. Individualisierung ist bei Porsche keine Nische, sondern ein Viertel des Kerngeschäfts.

Zur Kapazität für echte Unikate gehen die Angaben allerdings auseinander, und zwar erheblich. 2021 war in der Fachpresse von „drei bis fünf Kundenprojekten pro Jahr“ die Rede. 2023 nannte ein Interview mit Alexander Fabig neun parallele Unikate, ein Ziel von fünfzehn Fahrzeugen jährlich und eine Warteliste von acht Jahren. 2025 spricht Porsche von bis zu zwölf parallel und formuliert, die Nachfrage übersteige die Kapazität „bei Weitem“. Die Zahlen sind nicht deckungsgleich; die Richtung ist eindeutig.

Aus demselben Interview stammen die einzigen Kostengrößen, die ich für Unikate finden konnte: Designphase ab rund 100.000 Dollar, Entwicklung einer Sonderlackierung rund 200.000 Dollar, individuelle Polsterung ab 50.000 Dollar. Das ist eine Sekundärquelle, keine Porsche-Angabe — entsprechend vorsichtig zu lesen.

Was Porsche nicht veröffentlicht, ist der Umsatzanteil der Individualisierung. Ich habe ihn im Geschäftsbericht nicht gefunden, und er wird auch in keiner Pressemitteilung genannt.

Wie ein Unikat entsteht — und wo die Grenze liegt

Porsche beschreibt den Ablauf in vier Phasen: Dream, Concept, Craftsmanship, Reveal. Dahinter steht ein sehr konkreter Prozess.

Jeder Kunde bekommt einen festen Sonderwunsch-Berater als Ansprechpartner. Es gibt regelmäßige Termine vor Ort oder online mit Design- und Technikexperten. Am Projekt beteiligt sind Designer, Ingenieure, Mechaniker, Karosseriebauer, Sattler, Lackspezialisten und Historiker; das Design entsteht in Zusammenarbeit mit dem Entwicklungszentrum in Weissach.

Nico Bauer von Porsche beschreibt die Rolle des Kunden bemerkenswert offen: Er werde „unser Kollege und Projektleiter“.

Und dann die Grenzen. Eduard Reichert von Porsche formuliert, manche Wünsche müssten begrenzt werden, „oft wegen gesetzlicher Vorgaben“. Übersetzt: Sicherheit und Straßenzulassung sind nicht verhandelbar. Laut einem Interview werden außerdem zwei Dinge grundsätzlich abgelehnt: offensichtliche Kopien von Designelementen anderer Hersteller und Motorumbauten, die nicht zulassungsfähig wären.

Ein Nebeneffekt, der selten erwähnt wird: Der Weg führt auch zurück. Der Entenbürzel des 911 Classic Club Coupe entstand als Einzelanfertigung für dieses Projekt — und wurde anschließend in die Serie übernommen.

Zur Werksrestaurierung gehört ein eigener Bereich. Porsche Classic in Stuttgart betreut alle Modelle vom 356 bis zum 911 der Baureihe 997, dazu Fuhrmann-Motoren, 550 Spyder, 904 und RS 60. Über zwanzig Spezialisten arbeiten dort, der Prozess umfasst neun Stufen von der Kostenschätzung bis zur Dokumentation — die aus einem Buch, einem USB-Stick mit rund 1.000 Fotos und einem Zertifikat besteht. Bis zu zehn werksrestaurierte Fahrzeuge pro Jahr erhalten das Porsche-Classic-Qualitätssiegel.

Was die anderen machen

Porsche ist nicht allein, war aber früh dran.

Programm Start Größenordnung
Porsche Sonderwunsch 1978 rund 25 % der 911 mit umfangreicher Veredelung
Audi exclusive / quattro GmbH quattro GmbH 1983 2012 rund 160.000 individualisierte Fahrzeuge, über 10 % aller verkauften Audi
BMW Individual „Anfang der 1990er“ rund 20.000 individualisierte Fahrzeuge jährlich
Ferrari Special Projects 2008 erstes Fahrzeug SP1 auf Basis F430
Ferrari Tailor Made Dezember 2011 drei Kollektionen, Atelier in Maranello
Mercedes-Benz MANUFAKTUR Label seit Oktober 2021 ersetzt das frühere „designo“

Ein paar Einschränkungen zur Tabelle: Für BMW Individual habe ich kein exaktes Gründungsjahr belegen können — BMW selbst spricht von „Anfang der 1990er“ und nennt als erste Unikate Fahrzeuge für Karl Lagerfeld, José Carreras und Königshäuser. Für „Audi exclusive“ als Programmnamen gilt dasselbe; belegt ist nur die Gründung der quattro GmbH 1983. Und bei Mercedes ist nur der Zeitpunkt belegt, zu dem das Label MANUFAKTUR über die G-Klasse hinaus ausgeweitet wurde.

Was bleibt

Die Geschichte des Sonderwunsches ist die Geschichte einer Firma, die nie so recht gelernt hat, Nein zu sagen — und daraus ein Geschäftsmodell gemacht hat.

Drei Beobachtungen zum Schluss.

Erstens: Der Sonderwunsch ist älter als die Abteilung. Zwischen Krupps Heckscheibenwischer 1955 und der Gründung 1978 liegen 23 Jahre, in denen dieselben Dinge passierten — nur ohne Organigramm. Was 1978 entstand, war nicht die Fähigkeit, sondern die Zuständigkeit.

Zweitens: Die frühen Beispiele sind die radikaleren. Ein straßenzugelassener 917, ein 935 für die Straße, sieben 959 mit vergoldeter Auspuffanlage — so etwas wäre heute kaum darstellbar. Nicht weil das Können fehlte, sondern weil die Zulassungshürden gewachsen sind. Der Flachbau RS von 2026 wird ausdrücklich damit beworben, dass er die Straßenzulassung behält. 1975 hat man das gar nicht erst erwähnt.

Drittens: Das Teuerste ist nicht der Lack, sondern die Zeit. Zwei bis drei Jahre für ein Unikat, ein Jahr allein für das Lastenheft, eine Warteliste, die je nach Quelle bei acht Jahren liegt. Man kauft bei Porsche nicht ein Auto, sondern einen Platz in einer Warteschlange, an deren Ende ein Auto steht.

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Warum ein Porsche-Modell in einem Audi-Werk gebaut wurde und damit einen ganzen Standort rettete, steht in der Geschichte des Werks Neckarsulm. Was moderne Fertigungstechnik für die Reparatur bedeutet, erklärt der Artikel über Karosserien in Mischbauweise. Und wie es um die Teileversorgung klassischer Baureihen steht, zeigt die Auswertung von 95.540 Katalogpositionen.

Quellen

  1. Porsche Newsroom: Masterpieces — from early customer requests to factory one-offs – erster dokumentierter Sonderwunsch 1955 für Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, Kundenrennsportabteilung 1973, Gründung der Sonderwunsch-Abteilung 1978 unter Rolf Sprenger, Porsche Exclusive 1986, Umbenennung 2017, Neuauflage des Sonderwunsch-Programms 2021, rund 1.000 vordefinierte Optionen, über 190 Farben, bis zu zwölf Unikate parallel
  2. Porsche Newsroom (DE/CH): Meisterstücke — von frühen Kundenwünschen bis zu Werksunikaten – deutsche Bezeichnungen der Abteilungen, Sitz im Werk II (Rössle-Bau) in Zuffenhausen, Integration der Endmontage in die Serienproduktion, „Farbe nach Wahl“ als deutscher Programmname
  3. Porsche Newsroom (AUS): Masterpieces – Einzelbeispiele mit Jahreszahlen: 911 Rallye-Umbau 1968, Leichtbau-911 Turbo für Herbert von Karajan 1974, Straßenversion des 917 Kurzheck 1975 für Conte Rossi di Montelera, 935 „Street“ für Mansour Ojjeh 1983, sieben Porsche 959 für das katarische Königshaus 1989 mit vergoldeter Auspuffanlage, 28-seitige Sonderwunschliste 1990, 911 GT2 „Coppa Florio“ 1997
  4. Porsche Newsroom: Craftsmanship and the Art of Making Dreams a Reality – Verkauf von Rennsport-Ersatzteilen ab 1970, Porsche Exclusive 1986 als weltweit erste herstellereigene Individualisierungsabteilung, 60 Mitarbeiter in drei Schichten mit rund 120 veredelten Fahrzeugen täglich, über 90 Prozent Optionsquote beim 911, 948 gebaute Flachbau bis 1989, 935 „Street“ mit 409 PS, knapp 250.000 Clubmitglieder in über 700 Clubs in 86 Ländern
  5. Porsche Newsroom: You dream it, Porsche can build it – die drei Stufen Factory Commission, Factory Re-Commission und Factory One-Off, Übernahme des Entenbürzels aus dem Classic Club Coupe in die Serie
  6. porsche.com: What is Porsche Sonderwunsch? – Prozess mit festem Sonderwunsch-Berater, zwei bis drei Jahre für ein Factory One-Off mit rund einem Jahr Konzept- und Machbarkeitsphase, Zitate von Nico Bauer und Eduard Reichert zu den rechtlichen Grenzen
  7. porsche.com USA: Sonderwunsch – offizielle Stufenbezeichnungen Factory Commissioning, Re-Commissioning und One-Off, Angabe von drei Jahren Dauer
  8. porsche.com: What is Sonderwunsch from Porsche? – abweichende Gliederung in Customer One-Off, Bespoke und Factory Restoration; Beleg dafür, dass Porsche selbst zwei unterschiedliche Strukturen kommuniziert
  9. Porsche Newsroom USA: Paint to Sample program expands (29.11.2021) – über 160 vorfreigegebene Farben, US-Preise, Paint to Sample Plus mit bis zu elf Monaten Dauer und Übernahme der Testkosten durch Porsche bei fehlender Machbarkeit, Kapazitätssteigerung von rund fünf auf etwa zwanzig Fahrzeuge pro Tag, historische Farben Vipergrün, Sternrubin und Gulfblau
  10. auto motor und sport: Porsche Farbe nach Wahl – Europreise von 8.806 €, 9.877 € und 17.612 bis 19.754 €, Farbanzahl je Baureihe mit 105 für 911 und 718, 65 für den Taycan, je 59 für Macan und Panamera und 52 für den Cayenne, rund drei Monate längere Lieferzeit
  11. Porsche Christophorus 414: Dossier Customization Dreams – über 190 Farben, bis zu zwölf Unikate parallel, Lastenheft-Erstellung bis zu einem Jahr, Zusammenarbeit mit Weissach, beteiligte Gewerke von Designern bis Historikern
  12. porsche.com: Discover the Porsche 930 Turbo Slantnose – Aufteilung der Flachbau-Stückzahlen auf 58, 204 und 686 Fahrzeuge, Höchstgeschwindigkeit 275 km/h, Vorbild 935 von 1976, Fertigung durch die Sonderwunschabteilung, „erheblicher Aufpreis“ ohne Bezifferung
  13. Porsche Newsroom: Project Gold heads to new home – Erlös von 2.743.500 Euro mit einem Nettoerlös von 2.589.027 Euro für die Ferry-Porsche-Stiftung, 450 PS, unbenutzte originale 993-Rohkarosse
  14. RM Sotheby’s: Los r0033, Project Gold – Zuschlag von 3.415.000 Dollar, Verkauf ausschließlich „on a Bill of Sale“ mit ausdrücklichem Hinweis auf die fehlende Straßenzulassungsmöglichkeit
  15. Porsche Newsroom: 911 Classic Club Coupe sold for record price – 1,2 Millionen Dollar am 10. Juni 2023 bei Broad Arrow, Basis 996 von 1998, Motor und Fahrwerk vom 996 GT3 der zweiten Generation mit 381 PS, über zweieinhalb Jahre Bauzeit, Rekordpreis für einen 996
  16. Porsche Newsroom: In the footsteps of Moby Dick (14.08.2026) – Flachbau RS auf Basis 911 GT2 RS 991.2 von 2018 mit Weissach-Paket, knapp drei Jahre Entwicklungszeit, 31,6 kg leichter, Grand-Prix-Weiß, Zitat Alexander Fabig zu Sicherheit, Technik und Straßenzulassung, 948 Flachbau von 1982 bis 1989
  17. Porsche Newsroom: Sonderwunsch Cayenne (22.11.2025) – Factory Re-Commission auf Basis eines Cayenne GTS von 2009 mit rund 80.500 Kilometern, Blackolive als Paint to Sample, englischgrünes Leder und Pasha-Stoff, laut Porsche das erste derart umfangreiche Re-Commission-Projekt auf einem Cayenne
  18. Porsche Newsroom CH: Auf individuelle Kundenwünsche spezialisiert – rund 25 Prozent aller weltweit ausgelieferten 911 mit umfangreicher Exclusive-Veredelung, über 700 Optionen (Stand 2021), Porsche Classic mit 100 Fahrzeugen jährlich, über 60.000 Ersatzteilen und 76 Classic-Partnern
  19. porsche.com: Porsche Classic Werksrestaurierung Stuttgart – Betreuung aller Modelle vom 356 bis zum 911 (997) sowie Fuhrmann-Motoren, 550 Spyder, 904 und RS 60, über zwanzig Spezialisten, neunstufiger Prozess mit Dokumentation aus Buch, USB-Stick mit rund 1.000 Fotos und Zertifikat
  20. Porsche Newsroom: Porsche Classic Werksrestaurierung – bis zu zehn werksrestaurierte Fahrzeuge jährlich mit Porsche-Classic-Qualitätssiegel
  21. Autoblog: Porsche Sonderwunsch program deep dive (2023) – Sekundärquelle mit Interviewangaben zu acht Jahren Warteliste, neun parallelen Unikaten und einem Ziel von 15 Fahrzeugen jährlich, Kostengrößen für Designphase, Sonderlackentwicklung und Individualpolsterung, abgelehnte Wünsche bei Design-Kopien und nicht zulassungsfähigen Motorumbauten
  22. Auto Bild: Porsche Exclusive Manufaktur – Sekundärquelle mit deutschen Jahreszahlen zur Umbenennung 2017 und der damaligen Planung von drei bis fünf Kundenprojekten pro Jahr
  23. BMW Group PressClub: BMW Individual – Start „Anfang der 1990er“ mit Unikaten unter anderem für Karl Lagerfeld und José Carreras, rund 20.000 individualisierte Fahrzeuge jährlich
  24. Auto Zeitung: Geschichte der quattro GmbH – Gründung 1983, 2012 rund 160.000 individualisierte Fahrzeuge und damit mehr als zehn Prozent aller weltweit verkauften Audi
  25. Wikipedia: List of Ferrari Special Projects cars – Start 2008 mit dem SP1 auf Basis F430

Titelbild: Porsche 911 mit Flachbau-Front. Foto: Onofrio Scaduto, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.

Bernd Mischke

Über den Autor

Bernd Mischke, Jahrgang 1975. Gelernter Mechaniker, heute Simultandolmetscher für Englisch und Trainer für Automotive-Themen – auf dem Shopfloor und weltweit. Schreibt hier über das, was zwischen Prospekttext und Stammtisch liegt. Mehr über mich

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