Wer zum ersten Mal in einem Porsche sitzt, greift meistens ins Leere. Der Schlüssel gehört rechts neben die Lenksäule, so ist es in jedem anderen Auto. Bei Porsche sitzt er links.
Auf die Frage nach dem Warum bekommt man an jedem Stammtisch dieselbe Antwort. Sie handelt von Le Mans, von rennenden Fahrern und von einer gesparten Zehntelsekunde. Sie ist gut erzählt. Sie ist nur vermutlich falsch.

Die Geschichte, die man überall hört
Bis in die späten sechziger Jahre begann das 24-Stunden-Rennen von Le Mans mit einem Sprint. Die Wagen standen schräg zur Boxenmauer aufgereiht, die Fahrer auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Beim Fallen der Flagge rannten sie los, sprangen hinein, starteten und fuhren davon.
Und hier setzt die Erklärung an: Wer den Schlüssel links hat, dreht ihn mit der linken Hand, während die rechte schon den ersten Gang einlegt. Beides gleichzeitig statt nacheinander. Bei einem Feld von fünfzig Wagen kann das über die erste Kurve entscheiden.
Die Geschichte hat alles, was eine gute Geschichte braucht. Sie erklärt eine Eigenheit aus dem Rennsport heraus, sie schmeichelt der Marke, und sie lässt sich in drei Sätzen erzählen.
Was am Le-Mans-Start wirklich dran war
Der laufende Start war kein Folklore-Element, sondern ein ernstes Sicherheitsproblem. Wer Zeit sparen wollte, ließ den Gurt liegen und schnallte sich später an, irgendwo auf der Hunaudières-Geraden bei über 300 km/h. Oder eben gar nicht.
1969 stellte sich Jacky Ickx quer. Er rannte nicht, er ging. In aller Ruhe, als Letzter, stieg ein, legte den Gurt an und fuhr los. Es war ein Protest, und er hätte ihn das Rennen kosten können.
In derselben ersten Runde verlor der britische Privatfahrer John Woolfe in Maison Blanche die Kontrolle über seinen Porsche 917. Er war nicht ordnungsgemäß angeschnallt, wurde aus dem Wagen geschleudert und starb. Ickx gewann das Rennen nach 24 Stunden mit 120 Metern Vorsprung.

1970 standen die Fahrer bereits angeschnallt neben ihren Wagen, ab 1971 wurde rollend gestartet. Der Lauf über die Fahrbahn war Geschichte.
Warum die Erklärung nicht aufgeht
Gegen die Le-Mans-Herleitung sprechen drei Dinge, und jedes für sich wiegt schwer.
Die Reihenfolge stimmt nicht. Der Porsche Nummer 1, der Roadster von 1948, hatte den Zündschalter bereits links. Zu diesem Zeitpunkt war Porsche in Le Mans noch nie angetreten. Der erste Klassensieg folgte 1951.

Ausgerechnet die Rennwagen hatten ihn rechts. Der 550 Spyder, der 718 RSK, die RS 60 und RS 61 – die Fahrzeuge, mit denen Porsche in Le Mans tatsächlich gefahren ist – trugen den Schalter auf der rechten Seite. Von den Werkseinsätzen bis 1967 hatte nur eine Minderheit ihn links.
Der Wechsel kam zu spät. Links wanderte der Schalter in den Rennwagen erst 1967, als Porsche auf Rechtslenker umstellte – da lagen die entscheidenden Le-Mans-Jahre schon zurück, und zwei Jahre später war der laufende Start abgeschafft.
Wer eine Konstruktion mit einem Rennstart begründet, sollte sie vor dem Rennstart nicht schon gehabt haben.
Die unspektakuläre Erklärung
Porsche-Historiker verweisen auf etwas viel Prosaischeres. In Zuffenhausen wurde Ende der vierziger Jahre unter Bedingungen gebaut, die man heute schwer nachvollziehen kann: Kupfer war knapp und teuer, jede Leitung wurde nachgerechnet. Ein Zündschalter auf der linken Seite lag näher an der Batterie und am Anlasserkreis. Weniger Kabel, weniger Gewicht, weniger Kosten.
Belegt ist auch das nicht. Es gibt keine Konstruktionsakte, in der jemand die Entscheidung begründet hätte. Nur ist die Kupfer-Erklärung mit der Chronologie vereinbar – und die Le-Mans-Erklärung ist es nicht.
Die Ausnahmen, die niemand erwähnt
Wenn das linke Zündschloss ein Rennsport-Erbe wäre, müsste es besonders dort auftauchen, wo Porsche am erfolgreichsten war. Es ist umgekehrt.
Der 914, der 924, der 928, der 944 und der 968 haben den Schlüssel rechts. Das sind genau die Baureihen, die in den siebziger und achtziger Jahren verkauft wurden – während Porsche in Le Mans einen Gesamtsieg nach dem anderen einfuhr. Der Grund ist banal: Diese Autos hatten den Motor vorn und ein anderes Elektrikkonzept.

Und heute?
Beim 911 der Baureihe 992 hat Porsche mit der Modellpflege erstmals einen Startknopf eingebaut. Er sitzt links. Ein Schlüssel wird dort nicht mehr gedreht, es gibt technisch keinen Grund mehr für irgendeine Seite – und trotzdem ist die Anordnung geblieben.
Das ist der ehrlichste Beleg dafür, worum es inzwischen geht. Nicht um Kabellänge und nicht um Zehntelsekunden, sondern um Wiedererkennung.
Was bleibt
Die Le-Mans-Geschichte wird man nicht mehr los, und das muss man auch nicht. Sie ist ein schönes Stück Markenerzählung, und Porsche selbst hat nie viel dagegen unternommen.
Nur als Erklärung taugt sie nicht. Was bleibt, ist ein Detail aus der Mangelwirtschaft der Nachkriegsjahre, das ein Hersteller siebzig Jahre lang mitgeschleppt hat, bis es zum Erkennungszeichen wurde. Das ist die weniger heldenhafte Geschichte. Sie ist dafür wahrscheinlich wahr.

Quellen: elferspot.com zur Verteilung der Zündschalter über die Modellreihen; Porsche-Fahrer-Forum zur Kupfer-Erklärung; Wikipedia zum 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1969 und zum Porsche 911 (992).
Mehr aus der Reihe: warum ein unbekannter Italiener den Siebener BMW gezeichnet hat, und wie Claus Luthe vom NSU Ro 80 zum BMW-Design kam.