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VW Golf: der Notnagel, aus dem 37 Millionen Autos wurden

15 Kapitel · 3 interaktive Werkzeuge · 8 Generationen

Ahnenreihe
Golf I (Typ 17, 1974) bis Golf VIII (Typ CD, seit 2019), acht Generationen in fünfzig Jahren
Gebaut seit 1974
Über 37 Millionen Golf, davon über 20 Millionen allein in Wolfsburg, der Rest in acht weiteren Ländern
Der größte Widerspruch
Golf IV: 4,99 Millionen laut Volkswagen, 4.098.000 laut Wikipedia — fast eine Million Differenz — und warum sie sich nicht auflösen lässt
Die seltenste Zahl
71 gebaute Golf Limited von 1989, handgebaut von VW-Motorsport, 210 PS, 68.500 Mark
Gewichtszuwachs
790 kg (Golf I) auf 1.255 kg (Golf VIII), bei 579 mm mehr Länge
Bestand Deutschland
3.728.097 Golf am 1. Januar 2020, rund 3,3 Millionen fünf Jahre später
Werkzeuge
Generationenvergleich, Kaufcheck mit 77 Prüfpunkten, 193 Motoren nach Kennbuchstaben

Der Golf entstand nicht aus einer Idee, sondern aus einer Notlage. Volkswagen hatte bis 1971 zwei fertig entwickelte Käfer-Nachfolger vernichtet, war 1972 im Inlandsabsatz mit 151.086 Fahrzeugen hinter Opel mit 161.127 zurückgefallen und schrieb im Jahr der Golf-Premiere einen Rekordverlust von 800 Millionen Mark. Zwei Jahre später stand ein Gewinn von 1.000 Millionen Mark in den Büchern. Dazwischen liegen acht Generationen, über 37 Millionen Autos und eine Reihe von Zahlen, bei denen Volkswagen sich selbst widerspricht.

Warum Wolfsburg 1974 keine Wahl mehr hatte

Rudolf Leiding übernahm den Vorstandsvorsitz im September 1971 und brauchte danach zwei Wochen, um das teuerste Entwicklungsprojekt des Hauses zu beenden. Sein Vorgänger Kurt Lotz hatte Porsche 1969 den Auftrag für den EA 266 erteilt, einen wassergekühlten Reihenvierzylinder, längs eingebaut unter der Rücksitzbank und vor der Hinterachse. Rund 250 Millionen Mark hatte das gekostet, sagen zwei Quellen; dieselbe Wikipedia-Seite nennt an anderer Stelle 200 und 400 Millionen.

Von den rund fünfzig Prototypen des EA 266 sind nach auto motor und sport nur zwei erhalten, die übrigen wurden zerstört, teilweise mit Panzern auf dem Testgelände in Weissach. Diese Geschichte steht auf einer einzigen Quelle und ist zu schön, um sie ungeprüft weiterzureichen.

Es war nicht der erste vernichtete Nachfolger: Der EA 97 hatte 1964 schon die Serienfreigabe, als Volkswagen die Auto Union kaufte und das fast fertige Auto im März 1965 verschrotten ließ.

Wer den Golf eigentlich wollte, lässt sich nicht sauber beantworten. Die Golf-1-Interessengemeinschaft schreibt, Lotz habe ab Mai 1968 den wassergekühlten Frontmotorwagen vorangetrieben und Leiding 1971 die Serienfertigung freigegeben; Auto Bild schreibt, Leiding sei zunächst gar kein Befürworter gewesen und Forschungsvorstand Ernst Fiala habe ab 1972 der Mannschaft Mut machen müssen. Volkswagen nennt keinen dieser Namen.

Auch der Name ist nicht geklärt. Ein Vorstandsprotokoll vom Oktober 1973 zeigt laut Auto Zeitung eine Mehrheit für die Deutung Golfstrom. Dieselbe Quelle erzählt eine zweite Version: Der VW-Manager Hans-Joachim Zimmermann ritt im Herbst 1973 in der Wolfsburger Reithalle einen braunen Wallach namens Golf, und sein Vorgesetzter Horst Münzner fragte nach dem Namen des Tieres. Diese Version ruht auf einer mündlichen Erinnerung in einer einzigen Quelle — eine Erzählung, kein Beleg.

Der Entwurf: Giugiaro und die Wolfsburger Hand

Herbert Schäfer, 1932 in Rauscha in Schlesien geboren, war gelernter Wagner und baute Kutschen. Über die Auto Union und Daimler-Benz kam er 1961 nach Wolfsburg, von 1972 bis 1993 war er Chefdesigner. Der Mann, unter dessen Verantwortung die Serienform des meistgebauten europäischen Autos entstand, hat mit dem Bau von Pferdewagen angefangen.

Der Entwurf selbst kam aus Turin. Volkswagen nennt im Golf-I-Rückblick Italdesign unter Leitung von Giorgetto Giugiaro, im Jubiläumstext dagegen Giorgio Giugiaro und Volkswagen Design gleichberechtigt nebeneinander — zwei Vornamensschreibungen desselben Mannes in derselben Textfamilie. Formtrends datiert den Auftrag auf Januar 1970, die Golf-1-Interessengemeinschaft auf April 1970; Volkswagen datiert ihn gar nicht. Intern lief das Projekt als EA 337.

Ein weißes Blatt bekam Turin dabei nicht: Volkswagen gab Abmessungen, Motoren und Radstand vor, dazu die Bedingung, dass drei und fünf Türen möglich sein mussten. Schäfers Mannschaft änderte am Entwurf drei Dinge — Rundscheinwerfer statt der eckigen Leuchten, Blinker hinunter in die Stoßstange, eine modernisierte Heckklappe. Der Grund für die runden Scheinwerfer ist doppelt belegt und ernüchternd: Sie waren damals billiger herzustellen. Giugiaro selbst missfielen am Serienauto die steile Frontscheibe und der um sieben Zentimeter verlängerte Bug, sagt Auto Bild als einzige Quelle.

Acht Generationen nebeneinander. Maßstab wählen — Länge, Radstand, Gewicht, Leistung oder Stückzahl — und eine Zeile anklicken. Beim Maßstab Gewicht sehen Sie die eigentliche Geschichte dieser Reihe in einem Balken.

Probieren Sie es aus: Beim Maßstab Radstand zeigt der Generationenvergleich etwas, das man beim Lesen überliest — der Golf III liegt unter dem Golf II, der Golf VI gleichauf mit dem Golf V.

Golf I, 1974: der halbe Audi

VW Golf I der ersten Generation, Baujahr 1978
Produktionsbeginn am 29. März 1974 in Wolfsburg, Markteinführung im Mai. Der Golf I war 165 kg leichter als der Käfer, den er ablöste. Foto: Niels de Wit, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Franz Hauk leitete bei Audi in Ingolstadt Ende der sechziger Jahre die Entwicklung des EA 827, und ohne diesen Motor gäbe es den Golf nicht in der Form, die wir kennen. Der EA 827 ging 1972 im Audi 80 in Serie: wassergekühlter Reihenvierzylinder, Grauguss-Block, Aluminium-Zylinderkopf, obenliegende Nockenwelle, Zahnriemen. Im selben Jahr ordnete Leiding an, ihn quer einzubauen und im Golf I zu erproben. Der Golf ist technisch zur Hälfte ein Audi, weil Volkswagen 1965 die Auto Union gekauft hatte — nachzulesen in der Geschichte des Audi 100.

Die Produktion begann am 29. März 1974 in Wolfsburg, im Mai stand der Wagen beim Handel: 3.705 Millimeter lang, ab August 1978 dann 3.815, zwischen 790 und 970 Kilogramm schwer und zwischen 50 und 112 PS stark. Volkswagen nennt lieber eine andere Zahl — der Golf war 165 Kilogramm leichter als der Käfer.

Bei der Stückzahl beginnt das Muster, das sich durch die ganze Ahnenreihe zieht. Volkswagen nennt in drei eigenen Veröffentlichungen 6,99 Millionen Golf I, die deutsche Wikipedia dagegen sechs Millionen. Das ist eine Definitionsfrage: Wikipedia zählt ausdrücklich nur Limousinen, Volkswagen offenbar alles, was auf dem Typ 17 aufbaute: 389.000 Cabriolets von Karmann, 200.000 Caddy und 377.484 Citi Golf, die in Südafrika bis November 2009 vom Band liefen — sechsundzwanzig Jahre nach dem Ende in Europa.

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Zur Werkstattseite kann ich weniger sagen, als jeder Stammtisch weiß. Belegt ist genau eine Schwäche: die Rostwelle der Baujahre 1974 und 1975, entstanden durch fehlerhafte Übergänge bei der Umstellung der Lackieranlage. Die Roststellenlisten aus den Foren ließen sich in keiner zitierfähigen Quelle bestätigen, deshalb stehen sie hier nicht. Wer einen Golf I erhält, arbeitet ohnehin an Falzen und Hohlräumen weiter; das passende Material zur Konservierung gibt es im Fachhandel.

Golf II, 1983: die Brücke, die keiner gebaut haben will

VW Golf II der zweiten Generation, Baujahr 1987
6.301.000 Fahrzeuge zwischen August 1983 und Dezember 1992. Der cw-Wert sank von 0,42 auf 0,34. Foto: Niels de Wit, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Andreas Mindt, seit Februar 2023 Chefdesigner der Marke Volkswagen, hat über den Golf II einen Satz gesagt, der mehr verrät als jede Stückzahl: Sein Vorgänger habe den zweiten Golf modernisiert, ohne die DNA des ersten wegzuwerfen, und diese Brücke sei für die Golf-Geschichte außerordentlich wichtig. Gemeint ist Herbert Schäfer, den Mindt dabei nicht beim Namen nennt.

Gebaut wurde von August 1983 bis Dezember 1992, während Volkswagen die Generation auf 1983 bis 1991 datiert und damit bis zum Modellwechsel zählt. Die Stückzahl steht bei 6.301.000, und im Juni 1988 lief der zehnmillionste Golf vom Band. In der eigenen Pressemitteilung unterläuft Volkswagen dabei ein Zahlendreher: Dort wächst die Breite um 55 Millimeter auf 1,42 Meter, und 1,42 Meter ist die Höhe.

Das Kuriosum dieser Generation ist eine Zahl mit zwei Ziffern. Vom Golf Limited entstanden 1989 genau 71 Stück, handgebaut von VW-Motorsport, mit 210 PS aus dem G-Lader-Motor, permanentem Allradantrieb und einem Preis von 68.500 Mark. Vom Golf Country, gebaut bei Steyr-Daimler-Puch in Graz, entstanden immerhin 7.735 Stück.

Der Golf II war der erste Golf mit teilweiser Verzinkung und gilt bis heute als die haltbarste Generation. Diese Wertung stammt aus Kaufberatungen, nicht aus einer Erhebung; für TÜV- und ADAC-Statistiken ist die Baureihe zu alt. Belegt sind porös werdende Bremsleitungen, Korrosion um die Scheinwerfer und unter dem Heckklappengriff, verschlissene Radlager und gerissene Antriebswellenmanschetten. Seit 2022 ist die Generation H-Kennzeichen-fähig.

Golf III, 1991: der Golf mit dem eigenen Schimpfwort

VW Golf III der dritten Generation, Baujahr 1995
Erster Golf mit Kombi, erster mit Sechszylinder, erster mit TDI — und der einzige mit einem eigenen Spitznamen für seine Qualitätsprobleme. Foto: OSX, Public domain, via Wikimedia Commons

José Ignacio López de Arriortúa war Einkaufschef, nicht Ingenieur, und trotzdem ist er der Name, der beim Golf III am häufigsten fällt. Sein Sparprogramm gab dieser Generation den Beinamen Lopez-Effekt, unter dem nachlässige Verarbeitung und punktuelle Korrosion der frühen Baujahre zusammengefasst werden. Drei Quellen belegen die Zuschreibung des Spitznamens. Dass López persönlich für einzelne Bauteilfehler verantwortlich war, belegt keine einzige.

Wer den Golf III gezeichnet hat, ist ungeklärt. Volkswagen nennt Herbert Schäfer, der die Ästhetik des Golf II modernisiert habe; die deutsche Wikipedia und vau-max schreiben das Design Gert Volker Hildebrand zu, der von 1986 bis 1989 bei Volkswagen im Bereich Konzepte arbeitete. Beides kann nebeneinander stimmen, wenn man Verantwortung und Ausführung trennt.

Technisch war diese Generation die erfindungsreichste der Reihe. Im Herbst 1993 kam der erste Variant und damit der erste Golf-Kombi überhaupt. 1991 folgte der VR6 mit 2,8 Litern und 174 PS, der erste Sechszylinder der Kompaktklasse, 1993 der erste TDI mit 90 PS. Und dann das Maß, das niemand erwartet: Mit 2.471 bis 2.474 Millimetern ist der Radstand kürzer als die 2.475 des Golf II.

Die Stückzahl liegt bei 4.805.900 nach Wikipedia und bei 4,83 Millionen nach Volkswagen, eine Differenz von rund 24.000 Fahrzeugen, die keine Quelle erklärt. An den Schwachstellen ist die Quellenlage dafür dicht: Risse im Zylinderkopf der 1,9-Liter-Diesel, Zahnriemenrisse bei den TDI um 90.000 Kilometer, Steuerkettenriss beim VR6, poröse Bremsschläuche schon bei der ersten Hauptuntersuchung.

77 Prüfpunkte, nach Schwere sortiert. Generation wählen. Was oben steht, kostet am meisten. Jeder Punkt nennt die Stelle, die betroffenen Baujahre und einen Satz dazu, was Sie bei der Besichtigung anfassen sollten. Beim Golf V lohnt der Blick auf die Steuerkette, beim Golf VII auf die Wasserkastenabläufe.

Probieren Sie den Kaufcheck an der vierten Generation aus — und wundern Sie sich nicht: Er bleibt leer. Für den Golf IV ist keine einzige Schwachstelle quellenfest belegt, weil die naheliegende Hauptquelle per robots.txt gesperrt war. Das ist eine Lücke in der Recherche, keine Aussage über das Auto. Fensterheber, Zündspulen und Zündschloss stehen überall, aber nur in Foren.

Golf IV, 1997: fast eine Million, die niemand findet

VW Golf IV der vierten Generation, Baujahr 1998
Hartmut Warkuß ließ kein einziges Blech vom Golf III übernehmen. Am 25. Juni 2002 überholte der Golf den Käfer-Rekord. Foto: OSX, Public domain, via Wikimedia Commons

Hartmut Warkuß war von 1993 bis 2002 Chefdesigner von Volkswagen, und der Golf IV ist die einzige Generation dieser Reihe, für die Volkswagen einen Gestalter ausdrücklich beim Namen nennt. Die Karosserie wurde komplett neu, ohne ein einziges übernommenes Blech vom Golf III. Nebenbei war der Golf IV der erste, bei dem das hintere Kennzeichen aus dem Feld zwischen den Rückleuchten in den Stoßfänger wanderte.

Bei der Stückzahl klafft hier der größte Widerspruch des ganzen Dossiers. Volkswagen nennt 4,92 Millionen Golf und mit Ablegern 4,99 Millionen, die deutsche Wikipedia dagegen 4.098.000. Die Lücke beträgt fast eine Million Fahrzeuge und ist für eine Rundung zu groß. Naheliegend wäre, dass Volkswagen bis zum Produktionsende des Variant im Mai 2006 zählt und die Sekundärquellen nur die Limousine bis 2003 — nur beziffert Volkswagen die Ableger selbst auf 70.000 Fahrzeuge. Die Differenz bleibt offen.

Am 25. Juni 2002 überholte der Golf mit 21.517.415 gebauten Exemplaren den Käfer-Rekord. Das ist der Punkt, an dem aus dem Nachfolger der Maßstab wurde.

Der Golf IV war außerdem der erste Golf mit vollverzinkter Karosserie, und Volkswagen datiert diesen Schritt uneinheitlich: Der Innovations-Zeitstrahl ordnet ihn der Periode 1997 bis 2003 zu, die Generationenseite nennt das Jahr 2003. Am oberen Ende stand ab Juni 2002 der R32 mit 241 PS aus 3,2 Litern und sechs Zylindern, von dem Volkswagen und Wikipedia übereinstimmend rund 12.000 Exemplare nennen. Das erste Doppelkupplungsgetriebe im Golf kam 2003 nicht in einem Sparmodell, sondern genau in diesem R32.

Golf V, 2003: das Auto ohne Vater

VW Golf V der fünften Generation, Baujahr 2005
Der R32 dieser Generation war der letzte Golf mit Sechszylindermotor. Am 31. Dezember 2008 waren in Deutschland 786.554 Golf V zugelassen. Foto: OSX, Public domain, via Wikimedia Commons

Wer den Golf V gezeichnet hat, kann ich nicht sagen, und das ist die ehrlichste Antwort. Die einzige gefundene Zuordnung nennt Peter Schreyer, Chefdesigner von März 2002 bis 2003, für die Entwicklung ab 2003 und Murat Günak, im Amt von April 2003 bis Januar 2004, für den GTI. Zeitlich ergibt das keinen Sinn, denn als der Wagen im Oktober 2003 in den Handel kam, war das Design längst eingefroren. Volkswagen nennt keinen einzigen Namen.

Die Stückzahl ist mit 3,4 Millionen vierfach belegt, dreimal davon durch Volkswagen; die bei mobile.de genannten 2,5 Millionen stehen allein. Beim Fortschritt in der Steifigkeit widerspricht Volkswagen sich im selben Text: 80 Prozent und 35 Prozent stehen unvermittelt nebeneinander, doppelt belegt sind die 35.

Der R32 dieser Generation, gebaut von August 2005 bis Juni 2008, leistete 250 PS aus 3,2 Litern und war der letzte Golf mit Sechszylindermotor. Seither ist bei vier Zylindern Schluss: Der stärkste Golf VIII holt seine 333 PS aus zwei Litern.

An den Schwachstellen wird diese Generation unangenehm. Der 1.4 TSI längt die Steuerkette vorzeitig und verbraucht Öl, weshalb die ausgewertete Kaufberatung ihn zum Meiden empfiehlt und stattdessen zu den Saugmotoren oder zum 1.9 TDI rät. Der 2.0 TDI bekommt Risse im Zylinderkopf, der 1.9 TDI mit dem Kennbuchstaben BLS Pleuellagerschäden. Und trotz vollverzinkter Karosserie fehlt die Unterbodenkonservierung, weshalb Querlenker rosten.

Golf VI, 2008: als Volkswagen die eigene Stückzahl vergaß

VW Golf VI der sechsten Generation, Baujahr 2010
Erste Golf-Generation ohne eigene Plattform — und trotzdem World Car of the Year. Der Radstand blieb bei 2.578 mm. Foto: IFCAR, Public domain, via Wikimedia Commons

Walter de Silva, damals Chefdesigner des Volkswagen-Konzerns, beschrieb den Golf VI als akzentuierter und dreidimensionaler als seinen Vorgänger, mit genau definierten Linien und Kanten. Neben ihm stand Klaus Bischoff, seit Februar 2007 Chefdesigner der Marke Volkswagen.

Diese Generation ist die erste ohne eigene Plattform. Radstand und Basis sind mit dem Golf V identisch, 2.578 Millimeter in beiden Fällen, und deshalb taucht neben dem werksinternen Kürzel 5K in Papieren und Katalogen auch 1K auf. Trotzdem wurde der Wagen World Car of the Year, bekam fünf Sterne im EuroNCAP-Test und einen serienmäßigen Knieairbag für den Fahrer.

Und dann die Pointe. Volkswagen nennt die Stückzahl in vier eigenen Veröffentlichungen mit 2,85 Millionen, die deutsche Wikipedia mit 2.850.000. Im Pressetext zum fünfzigsten Golf-Jubiläum steht dagegen 3,6 Millionen — ebenfalls ein Volkswagen-Text, 750.000 Fahrzeuge daneben. Ein Konzern weiß beim eigenen Jubiläum nicht mehr, wie viele Autos einer Generation er gebaut hat.

Seinen Ruf hat der Golf VI am Antrieb verloren. Hier kamen die TSI-Motoren mit Steuerkette in Serie, und der EA888 der zweiten Generation hat zwei bauartbedingte Schwächen gleichzeitig: unterdimensionierte Ölabstreifringe und die Kette samt Spanner. Fahrer berichteten von bis zu drei Litern Öl je 1.000 Kilometer, während die akzeptierte Obergrenze bei 0,5 Litern liegt. Die Abhilfe läuft in zwei Stufen: ein Softwareupdate für kleine Mehrverbräuche, sonst der Tausch von Kolben und Kolbenringen für bis zu 6.000 Euro.

Ausgerechnet die beiden sportlichsten Golf VI sind davon nicht betroffen. Der GTI mit dem Kennbuchstaben CCZB und die Edition 35 mit CDLG tragen noch den EA113, und das ist ein Zahnriemenmotor, kein Kettenmotor.

Dazu kommen beschleunigter Kupplungsverschleiß beim DSG in Stadtverkehr und Anhängerbetrieb, Rost an Radläufen und Kofferraumdeckel, Wassereintritt an den Rückleuchten. Alle Diesel dieser Generation tragen den EA189 und sind vom Abgasskandal betroffen. Im TÜV-Report 2026 liegt der Golf VI mit zwölf bis dreizehn Jahren bei 24,4 Prozent Mängelquote, gegen 28,4 im Klassendurchschnitt.

Golf VII, 2012: hundert Kilogramm, die es so nie gab

VW Golf VII der siebten Generation, Baujahr 2013
Weltpremiere am 4. September 2012 in Berlin, erster Golf auf dem Modularen Querbaukasten. 6,3 Millionen Fahrzeuge bis 2020. Foto: OSX, Public domain, via Wikimedia Commons

Klaus Bischoff wird dem Golf VII in der Wikipedia-Übersicht zum Volkswagen-Design zugeordnet, und das ist alles, was sich an Namen finden lässt; Volkswagen nennt im eigenen Rückblick niemanden. Bei 6,3 Millionen gebauten Fahrzeugen ist das bemerkenswert wenig.

Die Weltpremiere fand am 4. September 2012 in Berlin statt, es war der erste Golf auf dem Modularen Querbaukasten. Volkswagen wirbt für diese Generation mit einer Gewichtsersparnis von bis zu 100 Kilogramm, und genau da lohnt das Hinsehen: Die deutsche Wikipedia nennt als Einzelwerte 24 Kilogramm für die Ein-Liter-Version und 11 für den 2.0 TDI BlueMotion. Die 100 Kilogramm sind ein Bestwert, nicht der Schnitt.

Das schönste Detail dieser Generation steht in einer Bauzahl. Volkswagen fertigte 145.561 e-Golf, und 50.401 davon entstanden in der Gläsernen Manufaktur in Dresden, also mehr als ein Drittel. Dieses Gebäude war für die handwerkliche Montage des Phaeton errichtet worden. Geendet ist es als Elektro-Golf-Werk.

Für die Werkstatt ist eine Unterscheidung wichtiger als jede Leistungsangabe: Der 1.4 und der 1.5 TSI gehören zur Baureihe EA211 und haben einen Zahnriemen, GTI und R gehören zum EA888 und haben eine Steuerkette. Welche Buchstaben in Ihrem Wagen stehen, verrät der Motorkennbuchstabe; wie man ihn liest, steht in der Systematik der Kennbuchstaben bei Audi und VW. Belegt sind für den Golf VII die Steuerkettenlängung des 1.4 TSI der Baujahre 2013 bis 2016 mit 800 bis 1.800 Euro, Mechatronikausfälle beim Trockenkupplungsgetriebe DQ200, verstopfte Wasserkastenabläufe und die Versottung der AGR-Ventile bei den Dieseln.

Am anderen Ende der Palette fuhr der GTI Clubsport S 2016 auf der Nordschleife eine Zeit von 7:49:21 Minuten, mit 310 PS aus zwei Litern; dasselbe Blech gab es gleichzeitig mit 85 PS. Die deutsche Wikipedia führt in ihrer Infobox allerdings 265 kW als Obergrenze, und keine einzelne Variante kommt im ausgewerteten Material über 228 kW hinaus. Diese Lücke lasse ich stehen.

193 Motoren, von 1H bis DTUA. Kennbuchstaben eingeben, oder eine Baureihe, einen Hubraum, eine Leistung. Der Datensatz endet dort, wo die Quellen enden: Für neun Varianten des Golf VIII führt selbst die ausführlichste Quelle keinen Kennbuchstaben, und kein e-Golf, GTE oder eHybrid ist mit Kennbuchstaben belegt.

Probieren Sie den Codefinder mit 1H aus. Sie bekommen einen Motor mit 1.763 Kubikzentimetern und 160 PS, den des Rallye Golf aus der zweiten Generation — und nicht den Golf III, der insgesamt den Typ 1H trägt. Wo Ihr Kennbuchstabe steht, zeigt die Übersicht der Felder im Fahrzeugschein.

Golf VIII, 2019: 8.400 statt 100.000

VW Golf VIII der achten Generation, Baujahr 2020
Weltpremiere am 24. Oktober 2019 in der Autostadt Wolfsburg. Kein Dreitürer, kein Sportsvan, kein e-Golf mehr. Foto: Alexander Migl, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Klaus Zyciora ist derselbe Mann wie Klaus Bischoff; er nahm 2020 den Familiennamen seiner Frau an. Die englische Wikipedia nennt ihn als einzige Quelle zusammen mit Felipe Montoya Bueloni für das Schrägheck und mit Felix Schell für den Variant.

Der Start ging gründlich schief. Die Weltpremiere fand am 24. Oktober 2019 in der Autostadt Wolfsburg statt, gebaut wurden 2019 aber nur rund 8.400 Fahrzeuge statt der geplanten 100.000, und schuld waren Software- und Elektronikprobleme. Im Mai 2020 folgte ein Auslieferungsstopp wegen eines Fehlers im eCall-Notrufsystem, von dem rund 30.000 Fahrzeuge betroffen waren; die Produktion lief weiter, die Autos gingen aufs Lager.

Volkswagen beziffert die Entwicklungskosten dieses Golf mit 1,8 Milliarden Euro. Für den ersten Golf nennen zwei Quellen 1,5 Milliarden Mark — bei einer Palette, aus der Dreitürer, Cabriolet und Sportsvan verschwunden sind.

Das Facelift kam im Juli 2024 und ist in einem Punkt bemerkenswert: Volkswagen nahm die Kritik an der Touchbedienung an und baute echte Tasten zurück ans Lenkrad, dazu beleuchtete Slider für Klima und Lautstärke. Der GTI stieg von 245 auf 265 PS, die Batterie von GTE und eHybrid von 10,6 auf 19,7 Kilowattstunden.

Im TÜV-Report 2026 bricht der Golf VIII mit einer Familientradition. Im Alter von zwei bis drei Jahren liegt seine Mängelquote bei 6,6 Prozent, der Klassendurchschnitt bei 6,5 — zum ersten Mal seit langem ist ein Golf nicht besser als sein Umfeld, sondern minimal schlechter. Auffällig ist dabei vor allem das Hydraulikaggregat von ABS und ESP.

Die GTI-Linie: zehn Namen, drei Daten, ein Auto

VW Golf I GTI, Baujahr 1983
810 kg, 110 PS, 182 km/h, 13.850 Mark bei der Markteinführung im Juni 1976. Geplant waren 5.000 Stück, gebaut wurden 461.690. Foto: Vauxford, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Alfons Löwenberg war Testingenieur, und er schrieb im März 1975 ein internes Memo mit dem Vorschlag für ein sportliches Golf-Modell — so steht es bei Volkswagen. Bei Auto Bild kommt Löwenberg gar nicht vor; dort stößt Anton Konrad, der Leiter der Presseabteilung, das Projekt an, und die Treffen finden ab Herbst 1974 bei ihm zu Hause statt.

Drei weitere Namen tauchen in beiden Fassungen auf, aber mit verschiedenen Rollen. Herbert Schuster ist bei Volkswagen Testmanager und bei Auto Bild Fahrwerksingenieur, Hermann Hablitzel einmal Entwicklungschef und einmal Golf-Projektleiter. Horst-Dieter Schwittlinsky steht in beiden Texten für Marketing, aber nur Auto Bild schreibt ihm den Namen GTI zu. Herbert Horntrich und Herbert Schäfer nennt nur Volkswagen, Franz Hauk und Toni Schmücker nur Auto Bild.

Bei den Daten wird es unübersichtlich. Volkswagen datiert die Freigabe an einer Stelle auf März 1975 und beschreibt an anderer Stelle für Ende Mai 1975 erst den offiziellen Fahrzeugvorschlag an die Entwicklungsabteilung; Auto Bild datiert die Zustimmung des Vorstandsvorsitzenden Schmücker auf den 28. Mai 1975. Auflösen ließe sich das, wenn im März der Entwicklungsvorstand Fiala nach einer Vorführung in Ehra-Lessien zustimmte und Ende Mai der Gesamtvorstand — aber das sagt keine der drei Quellen. Einig sind sie nur beim Ende: Am 11. September 1975 stand das Auto auf der IAA.

Vier Quellen, davon drei von Volkswagen, nennen 5.000 Fahrzeuge als geplante Sonderserie; Auto Bild schreibt, die Vorstandsetage habe nicht mehr als 500 Einheiten erwartet. Gebaut wurden vom Golf I GTI 461.690 Stück, acht Prozent der gesamten Golf-I-Produktion. Der millionste GTI lief im November 1990 vom Band, über alle acht Generationen sind es mehr als 2,5 Millionen.

Der erste GTI kam im Juni 1976 auf den deutschen Markt und kostete 13.850 Mark. Er wog 810 Kilogramm, lief 182 km/h und stand ab Werk auf Reifen der Dimension 175/70 HR 13 — heute finden Sie die passenden Dimensionen über die Schlüsselnummern aus Ihren Fahrzeugpapieren. Es gab ihn zuerst in Diamantsilber Metallic und Marsrot, mit schwarzem Dachhimmel und golfballförmigem Schaltknauf. Das Fünfganggetriebe wurde erst 1980 serienmäßig.

Über die späteren GTI-Generationen weiß die Öffentlichkeit dagegen fast nichts, denn weltweite Einzelzahlen gibt es nicht. Nur das Schweizer Volkswagen-Medienportal schlüsselt einen Markt auf, 140.598 GTI in fünf Jahrzehnten: 33.147 in der ersten Generation, 43.761 in der zweiten, dann 26.545, 19.340, 6.404, 4.939 und 2.005 in der achten. In dieser Tabelle fehlt der Golf VI GTI vollständig, und zwar in einer Volkswagen-eigenen Quelle.

Was die Zahlen zeigen, wenn man sie nebeneinanderlegt

In fünfzig Jahren ist der Golf um 579 Millimeter länger geworden, von 3.705 auf 4.284 Millimeter, der Radstand wuchs um 236 Millimeter. Das Leergewicht am unteren Ende stieg um 465 Kilogramm, von 790 auf 1.255, und darin stecken Knautschzonen, Airbags, Dämmung, Assistenzsysteme und Allradantrieb.

Generation Länge Leergewicht ab Stärkster Motor Stückzahl
Golf I (1974) 3.705 mm 790 kg 112 PS 6,99 Mio. (VW)
Golf II (1983) 3.985 mm 845 kg 210 PS 6.301.000
Golf III (1991) 4.020 mm 960 kg 190 PS 4,83 Mio. (VW)
Golf IV (1997) 4.149 mm 1.050 kg 241 PS 4,99 Mio. (VW)
Golf V (2003) 4.204 mm 1.155 kg 250 PS 3,4 Mio.
Golf VI (2008) 4.199 mm 1.217 kg 270 PS 2,85 Mio.
Golf VII (2012) 4.255 mm 1.205 kg 310 PS 6,3 Mio.
Golf VIII (2019) 4.284 mm 1.255 kg 333 PS läuft

Zwei Zeilen laufen gegen die Erwartung. Der Golf VI ist mit 4.199 Millimetern kürzer als der Golf V mit 4.204, und der Golf VII ist mit 1.205 Kilogramm leichter als der Golf VI mit 1.217. Eine Baureihe, die angeblich immer nur wächst, ist zweimal geschrumpft.

Volkswagen beziffert die Gesamtproduktion bis 2024 auf mehr als 37 Millionen Fahrzeuge, über 20 Millionen davon aus Wolfsburg. In Deutschland schrumpft der Bestand: Am 1. Januar 2020 waren hier 3.728.097 Golf zugelassen, fünf Jahre später sind es rund 3,3 Millionen. Rechnerisch ist ungefähr jedes fünfzehnte zugelassene Auto in Deutschland ein Golf.

Bei den Neuzulassungen sieht es anders aus: 2024 wurden knapp über 100.000 Golf neu zugelassen, 2025 etwas mehr als 85.000, und trotzdem blieb er auf Platz eins. Die Kompaktklasse insgesamt fiel im selben Zeitraum von 526.519 auf 476.480 Zulassungen. Der Golf verliert in einem Segment, das seinen Namen trägt und selbst verliert.

Für das Produktionsjahr 2023 rechnet das Beratungshaus Inovev 225.000 Tiguan gegen rund 215.000 Golf, nach knapp 800.000 im Jahr 2016. Im Jubiläumsjahr 2024 war der Golf schon nicht mehr die meistgebaute Baureihe des eigenen Hauses.

Was ein Golf ist, wenn das Rezept nicht mehr trägt

Der Golf war 1974 die Antwort auf eine konkrete Frage: Wie baut man ein Auto, das billiger zu fertigen ist als der Käfer, mehr Platz bietet und trotzdem nach Volkswagen aussieht? Frontantrieb, Wasserkühlung, quer eingebauter Motor, Heckklappe — brauchbar genug, dass eine ganze Fahrzeugklasse nach diesem Auto benannt wurde. Fünfzig Jahre später baut jeder so.

Was von einem Auto bleibt, wenn seine Technik Allgemeingut ist, entscheidet sich gerade in Wolfsburg. Der neunte Golf soll ab 2029 elektrisch fahren, auf der Plattform SSP, mit Elektronik aus dem Gemeinschaftsunternehmen mit Rivian und einer Gestaltung, die sich laut Auto Zeitung am Golf IV orientieren soll. Man kann das rückwärtsgewandt nennen oder als Eingeständnis lesen, dass ein Golf inzwischen eher eine Form ist als eine Technik.

Falls Sie einen Golf II oder III fahren: Ihr Unterboden weiß mehr über die Roststellen dieser Autos als jede Quelle, die ich zitieren darf.

Weiterlesen

Quellen

Alle Online-Quellen abgerufen am 6. September 2026. Angaben aus Kaufberatungs-, Werkstatt- und Community-Quellen sind im Text als solche gekennzeichnet; Wikipedia und ihre Spiegel sind durchgängig Sekundärquellen.

  1. Volkswagen Newsroom: Eight generations in 50 years – the year 2024 is all about the Golf. www.volkswagen-newsroom.com
  2. Volkswagen Newsroom: The history of the Golf. www.volkswagen-newsroom.com
  3. Volkswagen Media Services: 40 Jahre Golf (Pressemappe, PDF). uploads.vw-mms.de
  4. Volkswagen Newsroom: 40 Years of Golf. www.volkswagen-newsroom.com
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Bernd Mischke schreibt in Bernies Garage über Autotechnik, Design und die Menschen dahinter. Hinweise, Korrekturen und Widerspruch gehen an bernd [at] bernies-garage [punkt] com.

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