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Karosseriebauer und Spengler: der Beruf, an dem die Sicherheit hängt

In Deutschland werden jedes Jahr rund 8,4 Millionen Karosserieschäden abgerechnet, und in den Fachbetrieben stehen dafür etwa 40.000 Beschäftigte zur Verfügung. Das sind grob überschlagen zweihundertzehn beschädigte Autos pro Kopf und Jahr. Keines davon darf hinterher schlechter schützen als vorher.

Genau das ist der Punkt, den man von außen nicht sieht. Wer eine reparierte Tür anschaut, sieht Lack. Ob der Träger dahinter im Ernstfall noch das tut, wofür er konstruiert wurde, sieht man ihm nicht an — und der Kunde erfährt es im ungünstigsten Fall bei einem zweiten Unfall. Der Beruf, der zwischen diesen beiden Zuständen entscheidet, heißt in Deutschland Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker, in Bayern und Österreich sagt man Spengler, in der Schweiz Carrosseriespengler.

Dieser Text erklärt, was in diesem Beruf tatsächlich passiert: von der Eingangsvermessung über die Werkstoffe und das Werkzeug bis zur Richtbank und zur Kalibrierung der Assistenzsysteme. Und er erklärt, warum die Arbeit in den letzten fünfzehn Jahren nicht leichter geworden ist, sondern deutlich schwerer.

Zwei Jaguar Mk II nebeneinander, einer in Grundierung, einer fertig lackiert
Zwei Jaguar Mk II vor derselben Toreinfahrt, einer in Grundierung, einer fertig lackiert. Von außen entscheidet die letzte Schicht darüber, was man einem Auto ansieht. Über den Zustand der Struktur darunter sagt sie nichts. Foto: Dietmar Becker, CC0, via Wikimedia Commons.

Warum an diesem Beruf die Sicherheit hängt

Eine moderne Karosserie ist kein Blechkleid um eine Technik herum, sondern das Sicherheitsbauteil selbst. Sie hat zwei Aufgaben, die einander widersprechen: Vorn und hinten soll sie sich verformen und dabei Energie aufnehmen, in der Mitte darf sie das auf keinen Fall. Die Fahrgastzelle ist so ausgelegt, dass sie steif bleibt, während sich alles davor planmäßig faltet.

Diese Auslegung funktioniert nur, solange die Werkstoffe an ihrem Platz das tun, wofür sie ausgewählt wurden. Eine A-Säule aus pressgehärtetem Stahl hält, weil ihr Gefüge beim Herstellen auf genau diese Festigkeit eingestellt wurde. Wer sie mit dem Brenner warm macht, um sie zurückzuziehen, bekommt eine Säule, die aussieht wie vorher und nicht mehr kann, was sie können soll.

Das ist der Kern des Berufs: Eine Karosseriereparatur ist erst dann fertig, wenn das Fahrzeug im nächsten Unfall wieder so reagiert wie ein unbeschädigtes. Alles andere ist Kosmetik.

Deshalb steht am Anfang jeder ernsthaften Instandsetzung nicht der Hammer, sondern die Frage, was überhaupt zulässig ist. Und diese Frage beantwortet nicht die Werkstatt, sondern der Hersteller.

Zwei Wörter, ein Beruf

Wer im deutschsprachigen Raum nach diesem Handwerk sucht, stößt auf mindestens drei Bezeichnungen, und alle drei sind richtig. In Deutschland heißt der Ausbildungsberuf seit der Neuordnung Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker. In Bayern, Österreich und der Schweiz sagt kaum jemand so — dort ist es der Spengler, und in der Schweiz lautet die amtliche Bezeichnung Carrosseriespengler EFZ.

Das Wort Spengler kommt vom Blech: Ein Spengler ist ursprünglich jemand, der dünnes Metall bearbeitet, und der Beruf existierte lange bevor es Autos gab. Karosseriebauer wiederum verweist auf die Zeit, in der Aufbauten einzeln auf Fahrgestelle gesetzt wurden. Beide Wörter tragen also ihre Herkunft mit sich, und beide beschreiben heute dieselbe Arbeit an derselben Werkbank.

Für den Alltag ist der Unterschied unerheblich. Interessant wird er dort, wo die Länder ihre Ausbildungen verschieden zuschneiden — und das tun sie deutlich, wie das Kapitel zur Ausbildung zeigt.

Die Eingangsvermessung: was am Anfang steht

Bevor irgendjemand ein Werkzeug anfasst, wird gemessen. Bei einem Fahrzeug, das seitlich oder frontal getroffen wurde, ist die entscheidende Frage nicht, wie schlimm die Delle aussieht, sondern ob die Struktur darunter noch im Maß ist. Ein Aufprall breitet sich durch verbundene Bauteile aus, und die Verformung endet selten dort, wo der Lack aufhört.

Die Vermessung vergleicht Ist und Soll, und dafür gibt es am Fahrzeug definierte Bezugspunkte — Aufnahmen, Bohrungen, Kanten —, deren Lage der Hersteller in Datensätzen hinterlegt hat und gegen die jedes Messsystem prüft. Das Messsystem nimmt diese Punkte auf und stellt sie gegen die Vorgabe. Was innerhalb der Toleranz liegt, erscheint grün, was daneben liegt, rot.

Wie fein dabei gearbeitet wird, zeigen die Geräte selbst. Ein Car Bench Contact EVO misst über fünfachsige Gelenkarme mit einer Genauigkeit von ± 0,5 Millimeter über fünf Meter horizontalen Messbereich. Ein Car-O-Liner Carotronic Vision X3 erfasst in einem Durchgang über 80 Messpunkte, mit einem Messwagen, der auf Schienen unter dem Fahrzeug entlangfährt. Ein Celette Naja überträgt die Werte eines Carbon-Messarms per Bluetooth an den Rechner.

Aus Italien kommt Spanesi, und dieses System hat in der Werkstattlandschaft eine besondere Stellung: Die Richtbank der Serie 106 und das Messsystem Touch tragen die Herstellerfreigabe von Volkswagen und Porsche, dokumentiert mit einer eigenen VAS-Nummer. Bei der Erprobung saßen Vertreter beider Häuser mit am Tisch.

Der Unterschied zwischen Messen und Richten verschwimmt dabei zunehmend. Manche Systeme messen im Reparaturmodus alle 30 Sekunden neu, sodass man beim Ziehen live sieht, wohin sich das Fahrzeug bewegt. Wer schon einmal an einer Richtbank gestanden hat, weiß, warum das etwas anderes ist als Messen, Ziehen, Nachmessen: Blech federt zurück, und wie weit, sagt einem keine Tabelle.

Interaktiv: Klick dich durch die Entscheidung, die am Anfang jeder Instandsetzung steht. Werkstoff, Zugänglichkeit und Herstellervorgabe führen zu unterschiedlichen Verfahren — und manchmal zu keinem.

Ein Millimeter statt fünf

Wie stark sich die Anforderungen verschoben haben, lässt sich an einer einzigen Zahl ablesen. Porsche verlangt von den Betrieben, die Leichtbau-Strukturen instand setzen dürfen, eine Messgenauigkeit von ± 1 Millimeter. Vorher galten ± 5 Millimeter. Die geforderte Präzision hat sich also verfünffacht, und zwar an einem Fahrzeug, das nach einem Aufprall irgendwo zwischen einem und mehreren Zentimetern aus dem Maß ist.

Dazu kommen Bedingungen, die nichts mehr mit Handwerk im klassischen Sinn zu tun haben: temperierte Räume, damit Klebstoffe definiert aushärten, ein elektronisches Messsystem für die Diagnose, und laufende Qualifizierung zu Clinchen, Kleben und Stanzen. Strukturreparaturen darf nur ausführen, wer nach Herstellervorgaben geschult und auditiert wurde.

Der Grund dafür liegt im Aufbau der Fahrzeuge selbst, denn in modernen Karosserien stecken rund 50 Prozent weniger Schweißpunkte als in früheren Generationen. Was früher zusammengeschweißt wurde, wird heute geklebt, gestanzt und geclincht — und diese Verbindungen verzeihen weniger. Ein Schweißpunkt, der zwei Millimeter danebensitzt, hält meistens trotzdem. Eine Klebefläche, die nicht sauber anliegt, hält nicht.

Wer also fragt, warum ein Karosseriebetrieb heute Werkzeug im Wert eines Einfamilienhauses in der Halle stehen hat: Das ist die Antwort. Nicht Prestige, sondern eine Freigabe, ohne die er bestimmte Fahrzeuge nicht mehr anfassen darf.

Rohkarosserien auf der Fertigungslinie zwischen Schweißrobotern
Karosseriebau in der Serienfertigung. Was hier in Sekunden gefügt wird, muss der Betrieb später mit anderen Mitteln wiederherstellen – und exakter, als er es früher musste. Foto: BMW Werk Leipzig, CC BY-SA 2.0 DE, via Wikimedia Commons.

Der Werkstoff entscheidet, nicht der Handwerker

In einer heutigen Rohkarosserie stecken nebeneinander Werkstoffe, deren Festigkeit um den Faktor vier auseinanderliegt. Was wo verbaut ist, entscheidet darüber, was in der Reparatur erlaubt ist — und die Entscheidung fällt nicht in der Werkstatt.

Güte Zugfestigkeit typischer Einbauort
Weichstahl bis rund 270 MPa Außenhaut, Hauben, Kotflügel
HSS, höherfest 300 bis 700 MPa Verstärkungen
UHSS, höchstfest 700 bis 1.000 MPa Träger, Verstärkungen
pressgehärteter Borstahl über 1.000 MPa A-Säule, B-Säule, Schweller

Pressgehärteter Borstahl entsteht, indem das Blech auf über 900 Grad erhitzt, im Werkzeug geformt und dann schnell abgekühlt wird. Die Festigkeit kommt aus diesem Gefüge, nicht aus der Dicke. Und daraus folgt die wichtigste Regel des ganzen Berufs:

Warmrichten zerstört das Gefüge unwiderruflich. Das Bauteil sieht danach aus wie neu und schützt nicht mehr.

Deshalb lautet die Vorgabe für die meisten hochfesten Bauteile nicht „richten“, sondern tauschen — an definierten Trennstellen, die der Hersteller vorgibt. Das klingt nach weniger Handwerk und ist in Wahrheit anspruchsvoller. Denn jemand muss entscheiden, wo die Grenze verläuft: Was darf noch gezogen werden, was muss heraus, und wo genau wird getrennt, damit die neue Verbindung wieder trägt.

Auch beim Fügen gibt der Hersteller den Takt vor. Widerstandspunktschweißen nur in definierten Zonen, MAG mit kontrollierten Parametern, Strukturkleben mit Zweikomponenten-Epoxid in Kombination mit Stanznieten, Fließlochschrauben für Verbindungen zwischen unterschiedlichen Werkstoffen. Aluminium bekommt einen eigenen Arbeitsbereich, weil der Schleifstaub sonst dort landet, wo er nichts zu suchen hat.

Interaktiv: Werkstoff oder Verfahren eintippen. Die Tabelle zeigt, was zusammenpasst, wo Wärme verboten ist und warum. Versuche „Aluminium“, „Borstahl“ oder „Kleben“.
Unlackierte, von Hand aufgebaute Aluminiumkarosserie
Eine von Hand aufgebaute Aluminiumkarosserie. Aluminium verzeiht weniger als Stahl: geringere Bruchdehnung, stärkere Rückfederung, niedrige Wärmegrenze. Foto: AquilaItaliana, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.

Die Richtbank

Unfallfahrzeug mit zerlegter Front auf einer Richtbank aufgespannt
Ein Unfallfahrzeug auf der Richtbank: an den Aufnahmen aufgespannt, die Front zerlegt, damit gemessen und gezogen werden kann. Was hier einen Millimeter danebenliegt, sieht man dem Auto später nicht an – bis zum nächsten Aufprall. Foto: Pace85, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.

Die Richtbank ist der Ort, an dem aus Messwerten wieder Geometrie wird. Das Fahrzeug wird über Aufnahmen fest mit der Bank verbunden, sodass es sich beim Ziehen nicht selbst verschieben kann, und über Zugtürme werden Kräfte in genau die Richtung eingeleitet, aus der der Aufprall kam. Rückverformen heißt: den Weg des Schadens rückwärts gehen.

Das ist keine Sache von Minuten. Für Messen und Richten eines Unfallfahrzeugs rechnet die Branche mit vier bis fünf Stunden — und in dieser Zeit wird nicht durchgezogen, sondern in Schritten gearbeitet: ziehen, entlasten, messen, wieder ziehen. Blech federt zurück, und wie weit es das tut, hängt vom Werkstoff, von der Bauteilform und von der Vorschädigung ab.

Die Bänke selbst sind entsprechend gebaut. Eine kompakte Anlage wie die Mini-Richtbank Lynx II braucht mindestens 5 × 3,5 Meter Arbeitsfläche, trägt 2,5 Tonnen und hebt bis 1,63 Meter. Größere Systeme arbeiten mit Plattformen, auf die das Fahrzeug komplett aufgenommen wird, und mit Richtwinkelsätzen, die an den Original-Aufnahmepunkten angreifen.

Der eigentliche Könner zeigt sich nicht daran, wie stark er zieht, sondern daran, wann er aufhört. Zu weit gezogen ist genauso falsch wie zu wenig, nur schwerer zu korrigieren.

Das Werkzeug

Mechaniker zieht mit einem Zughammer an einem beschädigten Kotflügel
Ausbeulen von außen: Der Zughammer zieht das Blech heraus, wenn man an die Rückseite nicht herankommt. Von Hand mit Hammer und Handfaust wäre es sauberer – geht aber nur, wenn der Träger dahinter Platz lässt. Foto: Ildar Sagdejev (Specious), CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.

Neben Messtechnik im Wert eines Mittelklassewagens liegt in derselben Werkstatt Werkzeug, das sich seit hundert Jahren kaum verändert hat — und beides wird gebraucht.

Hammer und Handfaust arbeiten als Paar, und zwar so, dass der Hammer von einer Seite schlägt, während die Handfaust — ein geformter Stahlklotz — von der anderen dagegenhält. Ohne Gegenhalter dehnt sich das Blech, statt sich zurückzuformen. Welche Faust zu welcher Wölbung passt, ist Erfahrung, keine Tabelle.

Zughammer und Gleithammer kommen dort zum Einsatz, wo man von hinten nicht an die Delle herankommt. Sie ziehen punktuell, und das ist genau ihre Schwäche: Wer zu punktuell zieht, bekommt eine Delle mit einer Beule daneben.

Der Ausbeulspotter schweißt Ösen, Nägel oder Wellendraht auf das Blech, an denen anschließend gezogen wird. Danach werden die Aufschweißpunkte entfernt und die Stelle wieder verzinnt oder gespachtelt. Auf beschichteten und hochfesten Blechen ist das nur eingeschränkt zulässig.

Klebetechnik ist die Antwort auf Bleche, die nicht mehr angeschweißt werden dürfen. Es werden Zugpilze aufgeklebt und mit Brücke oder Hebel gezogen, ohne dass Wärme oder Strom in das Bauteil geht. Auf Aluminium und auf hochfesten Güten ist das oft die einzige zulässige Zugmethode.

Ausbeulen ohne Lackieren, in der Werkstattsprache PDR, arbeitet mit langen Hebeln von der Rückseite. Der Lack bleibt unversehrt, die Delle wird von innen ausgedrückt — millimeterweise, unter einer Reflexionsleuchte, die zeigt, was die Hand gerade angerichtet hat.

Dazu kommt das, was der moderne Aufbau erzwingt: Inverter-Punktschweißzangen mit Zangenkraft- und Stromregelung, Stanznietgeräte, mit denen ein Niet ohne Vorloch durch die oberen Lagen getrieben wird, und Fließlochschrauben für Verbindungen, an die man nur von einer Seite herankommt. Jedes dieser Verfahren hat Parameter, die der Hersteller vorgibt, und jede Abweichung ist ein Haftungsthema.

Interaktiv: Die Animation zeigt, wie sich eine Delle im Blech ausbreitet und warum man von außen nach innen arbeitet. Ziehe den Regler oder lass es laufen.
Punktschweißzange mit langen Elektrodenarmen
Eine Punktschweißzange. Wo sie eingesetzt werden darf und mit welchen Parametern, steht im Reparaturleitfaden – das ist keine Ermessensfrage. Foto: Michael KR, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.

Was in den letzten Jahren dazugekommen ist

Bis vor etwa fünfzehn Jahren war eine Karosseriereparatur mit dem Lackieren fertig. Heute fängt an dieser Stelle ein zweiter Arbeitsgang an, denn im Stoßfänger, hinter der Scheibe und in den Außenspiegeln sitzen Sensoren, deren Blickrichtung stimmen muss.

Kalibriert werden muss unter anderem nach dem Tausch einer Scheibe mit Kamerahalter, nach Stoßfängerarbeiten mit Sensorausbau, nach Achsvermessung, nach einem Frontschaden mit Strukturverformung — und schon dann, wenn über einem Sensor mehr als 200 Mikrometer Klarlack liegen. Zwei Zehntel Millimeter Lack reichen aus, um ein Radar zu verstimmen.

Die Bedingungen für die statische Kalibrierung lesen sich wie ein Laborprotokoll: Der Boden muss über die gesamte Aufstellfläche auf ± 5 Millimeter eben sein, die Beleuchtung soll 500 bis 1.000 Lux betragen, gleichmäßig und ohne Gegenlicht auf den Targets. Die geforderte Genauigkeit liegt bei ± 2 Grad, die Dauer bei 45 bis 90 Minuten. Der Reifendruck muss auf ± 0,1 bar zur Werksvorgabe stimmen, der Beladungszustand definiert sein.

Die dynamische Kalibrierung findet auf der Straße statt, bei 30 bis 90 km/h und mit sichtbaren Fahrbahnmarkierungen. Sie ist genauer — ± 0,5 Grad — und dauert 20 bis 40 Minuten, setzt aber Wetter und Fahrbahn voraus, über die niemand in der Werkstatt verfügt.

Und dahinter steht die Haftung. Kommt es nach einer Kalibrierung zu einem Unfall und steht ein fehlerhaftes Vorgehen im Raum, muss die Werkstatt nachweisen, dass sie nach Herstellervorgabe gearbeitet hat. Das ist der Unterschied zwischen einem Handwerk und einem Handwerk mit Dokumentationspflicht.

Die Ausbildung in drei Ländern

Wer den Beruf lernen will, findet je nach Land einen anderen Zuschnitt — und die Unterschiede sagen etwas darüber, wie die drei Länder das Handwerk einordnen.

In Deutschland dauert die Ausbildung zum Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker 42 Monate. Die Verordnung stammt vom 1. Mai 2023, und sie hat den Beruf nicht verwaltet, sondern erweitert: Neben die Fachrichtungen Karosserieinstandhaltungstechnik und Karosserie- und Fahrzeugbautechnik trat neu die Caravan- und Reisemobiltechnik. Ein Beruf, der eine Fachrichtung dazubekommt, ist das Gegenteil eines aussterbenden.

In Österreich heißt der Lehrberuf Karosseriebautechniker und dauert 3,5 Jahre, wobei die Lehrlingsentschädigung von 832 Euro im ersten auf 1.439 Euro im vierten Lehrjahr.

Die Schweiz trennt schärfer als die anderen beiden Länder, denn dort gibt es den Carrosseriespengler EFZ mit vier Jahren Lehrzeit und daneben den Carrosseriereparateur EFZ, der die weniger komplexen Schäden übernimmt. Der Spengler ist ausdrücklich der Anspruchsvollere von beiden: Er beurteilt komplexe Schäden und bringt Bauteile in ihre ursprüngliche Form zurück. Lackiert wird von einem dritten Beruf.

Und die Größenordnung der Branche in Deutschland: 4.585 Betriebe, rund 40.000 Beschäftigte, 3.479 Auszubildende und etwa 5,3 Milliarden Euro Umsatz. Der durchschnittliche Stundenverrechnungssatz lag zuletzt bei 138,07 Euro für Karosseriearbeiten und 148,81 Euro für Lack.

Warum es ein anspruchsvoller Beruf ist

Wenn man alles zusammenlegt, was in diesem Text steht, ergibt sich ein Anforderungsprofil, das in keine der üblichen Schubladen passt.

Es ist Messtechnik: Bezugspunkte, Toleranzen, ein Millimeter statt fünf, Soll-Ist-Abgleich gegen Herstellerdaten. Es ist Werkstoffkunde: zu wissen, dass dieselbe Silhouette aus vier Werkstoffen bestehen kann und dass drei davon keine Wärme vertragen. Es ist Handwerk im klassischen Sinn, weil kein Messsystem einem sagt, wie weit ein Blech zurückfedert. Es ist Verfahrenstechnik, weil Kleben, Stanznieten und Fließlochschrauben jeweils eigene Parameter haben. Und es ist Dokumentation, weil im Schadensfall der Nachweis zählt.

Dazu kommt das, was sich am schlechtesten beschreiben lässt: die Entscheidung. Nicht wie man richtet, sondern ob man richten darf. Diese Entscheidung fällt jemand, der das Fahrzeug vor sich hat, die Herstellervorgabe kennt und dem Kunden anschließend erklären muss, warum der Schweller getauscht statt gezogen wird.

Der Beruf wird von außen unterschätzt, weil man sein Ergebnis nicht sehen kann. Man sieht Lack. Was darunter passiert ist, zeigt sich erst beim nächsten Aufprall — und dann ist es zu spät, um nachzufragen.

Zweiundvierzig Monate Ausbildung in Deutschland, achtundvierzig in der Schweiz, dazu freigegebene Messtechnik, auditierte Betriebe und eine Genauigkeitsanforderung, die sich verfünffacht hat: Das ist kein Beruf für jemanden, der gern mit Blech hantiert. Das ist ein technischer Beruf mit handwerklichem Kern.

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Quellen

  1. BIBB: Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker/-in – Ausbildungsdauer 42 Monate, drei Fachrichtungen, Verordnung vom 1. Mai 2023, BGBl. I Nr. 120
  2. Verordnung über die Berufsausbildung zum Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker – der Verordnungstext selbst
  3. ZKF: neue Fachrichtung Caravan- und Reisemobiltechnik – Einordnung der Neuordnung durch den Zentralverband
  4. ZKF-Branchenbericht, Daten des Jahres 2022 – 4.585 Betriebe, 3.479 Auszubildende, rund 40.000 Beschäftigte, 5,3 Milliarden Euro Umsatz, Stundenverrechnungssätze 138,07 und 148,81 Euro, 8,4 Millionen Karosserieschäden
  5. Lehrstellenportal Österreich: Karosseriebautechniker – Lehrzeit 3,5 Jahre, Lehrlingsentschädigung 832 bis 1.439 Euro
  6. carrosserieberufe.ch: Carrosseriespengler/-in EFZ – vier Jahre Lehrzeit, Abgrenzung zu Carrosseriereparateur und Carrosserielackierer
  7. kfz-betrieb: Messen, richten, kontrollieren – Car Bench Contact EVO mit ± 0,5 mm über fünf Meter, Car-O-Liner Vision X3 mit über 80 Messpunkten, Celette Naja, Messung alle 30 Sekunden im Reparaturmodus, vier bis fünf Stunden für Messen und Richten, Lynx II mit 5 × 3,5 m und 2,5 t
  8. fahrzeug-karosserie.de: Spanesi-Richtbank für Volkswagen und Porsche – Herstellerfreigabe für die Serie 106 mit Universalrichtwinkelsatz und das Messsystem Touch, mit VAS-Nummer
  9. Porsche: Leichtbau-Reparaturkompetenz – elektronisches Messsystem, Toleranz ± 1 mm statt vorher ± 5 mm, temperierte Räume für die Klebstoffaushärtung, geschulte und auditierte Partner, rund 50 Prozent weniger Schweißpunkte
  10. Hochfester Stahl (UHSS): Reparatur nur nach Vorgabe – Festigkeitsklassen von 270 bis über 1.000 MPa, Presshärten über 900 Grad, Warmrichten zerstört das Gefüge, zulässige Fügeverfahren
  11. ADAS-Kalibrierung: Radar, Lidar, Kamera, Ultraschall – Bodenebenheit ± 5 mm, 500 bis 1.000 Lux, ± 2 Grad statisch und ± 0,5 Grad dynamisch, 30 bis 90 km/h, 200 µm Klarlack als Grenze, Reifendruck ± 0,1 bar
  12. Krafthand: Fahrerassistenzsysteme nach Herstellervorgaben kalibrieren – Nachweispflicht der Werkstatt im Schadensfall

Die Angaben zur geforderten Messgenauigkeit und zum Werkstattalltag wurden zusätzlich von einem Praktiker gegengelesen.

Bernd Mischke

Über den Autor

Bernd Mischke, Jahrgang 1975. Gelernter Mechaniker, heute Simultandolmetscher für Englisch und Trainer für Automotive-Themen – auf dem Shopfloor und weltweit. Schreibt hier über das, was zwischen Prospekttext und Stammtisch liegt. Mehr über mich

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Titelbild: Arbeit an einer Rohkarosserie im BMW-Werk München. Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F027638-0010 / Storz / CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons.

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